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»Sie hat gesagt, ich bin das Kind deines Geistes, aber ich sollte es nicht meinem Vater sagen.«

Das traf Ian härter als jeder Fausthieb, den ihm der Vater des Kindes versetzt hatte, und im ersten Moment verschlug es ihm die Sprache.

»Aye, ich glaube auch, dass du davon besser nichts sagen solltest«, sagte er, als er wieder sprechen konnte. Er wiederholte den Satz auf Mohawk, falls der Junge ihn auf Englisch nicht verstanden hatte, und der Junge nickte gelassen.

»Werde ich einmal bei dir sein?«, fragte er, obwohl er sich nicht sehr für die Antwort zu interessieren schien. Eine Eidechse war auf die Mauer geklettert, um ein Sonnenbad zu nehmen, und sein Blick war fest auf das Tier gerichtet.

Ian zwang sich zu einem normalen Tonfall.

»Wenn ich am Leben bleibe.«

Der Junge beobachtete die Eidechse mit zusammengekniffenen Augen, und seine kleine rechte Hand zuckte ganz sacht. Doch die Entfernung war zu groß; er wusste es und sah Ian an, der dichter bei der Eidechse stand. Ian richtete den Blick auf die Eidechse, ohne sich zu bewegen, dann sah er den Jungen wieder an, und zwischen ihnen wuchs ein Einverständnis. Nicht bewegen, warnte sein Blick, und der Junge schien das Atmen einzustellen.

In solchen Situationen durfte man nicht überlegen. Ohne zum Atemholen innezuhalten, packte er zu und hatte die Eidechse in der Hand. Das Tier schlug erstaunt um sich.

Der kleine Junge hüpfte kichernd auf und ab und klatschte überglücklich in die Hände, dann streckte er sie nach der Eidechse aus, die er mit großer Konzentration entgegennahm, damit sie nicht entwischte.

»Und was machst du jetzt damit?«, fragte Ian und lächelte.

Der Junge hielt sich die Eidechse vor das Gesicht und sah sie gebannt an. Er runzelte nachdenklich die Stirn.

»Ich werde ihr einen Namen geben«, sagte er schließlich. »Dann gehört sie mir, und wenn ich sie wiedersehe, wird sie mich segnen.« Er hob sich die Eidechse auf Augenhöhe, und die beiden starrten einander an, ohne zu blinzeln.

»Dein Name ist Bob«, erklärte der Junge schließlich auf Englisch und setzte die Eidechse feierlich auf den Boden. Bob sprang ihm von den Händen und verschwand unter einem Stück Holz.

»Ein sehr guter Name«, sagte Ian ernst. Seine geprellten Rippen schmerzten, so sehr musste er sich anstrengen, nicht zu lachen, doch das Bedürfnis verschwand im nächsten Moment, als sich in einiger Entfernung die Tür öffnete und Emily mit einem Bündel in den Armen herauskam.

Sie kam zu ihm und reichte ihm ein Kind, das dick eingepackt auf einem Wiegebord festgebunden war, etwa so, wie er Digger die Eidechse gereicht hatte.

»Das ist meine zweite Tochter«, sagte sie voll scheuem Stolz. »Würdest du einen Namen für sie wählen?«

Er war gerührt und strich Emily sacht über die Hand, bevor er sich das Wiegebord auf das Knie legte und suchend in das winzige Gesicht schaute. Sie hätte ihm keine größere Ehre erweisen können als dieses bleibende Zeichen der Gefühle, die sie einmal für ihn empfunden hatte – vielleicht immer noch empfand.

Doch als er das kleine Mädchen betrachtete – sie sah ihn mit runden, ernsten Augen an, während sie diese neue Erscheinung in ihrer ganz persönlichen Landschaft zu begreifen versuchte –, fasste eine Überzeugung in ihm Fuß. Er stellte sie nicht infrage; sie war einfach da und duldete keine Widerrede.

»Danke«, sagte er und lächelte Emily voll Zuneigung an. Er legte seine Hand – groß und rau vor lauter Schwielen und den Spuren des Lebens – auf den winzigen, vollkommenen, daunenhaarigen Kopf. »Ich segne all deine Kinder mit dem Segen der heiligen Bride und des heiligen Michael.« Dann hob er die Hand, streckte sie aus und zog Digger an sich. »Doch das hier ist das Kind, dem ich einen Namen gebe.«

Ihr Gesicht verlor vor Erstaunen jeden Ausdruck, und sie blickte rasch von ihm zu ihrem Sohn und wieder zurück. Sie schluckte sichtlich und unsicher – doch es spielte keine Rolle; er war sich sicher.

»Dein Name ist Swiftest of Lizards«, sagte er. Das Kind mit dem Namen »Schnellste der Eidechsen« dachte eine Minute nach, nickte dann zufrieden und schoss mit einem Lacher puren Entzückens davon.

Kapitel 41

Zuflucht vor dem Sturm

Nicht zum ersten Mal stellte William verblüfft fest, wie groß der Bekanntenkreis seines Vaters war. In einer beiläufigen Unterhaltung zu Pferd hatte er Denzell Hunter gegenüber erwähnt, dass sein Vater einmal einen Dr. John Hunter gekannt hatte – dass es sogar genau diese Bekanntschaft war, die etwas mit einem Zitteraal, einem spontanen Duell und dem Vorwurf des Leichendiebstahls zu tun gehabt hatte, die unter anderem dazu geführt hatte, dass Lord John in Kanada und auf dem Abrahamsfeld gelandet war. Ob dieser John Hunter womöglich der wohltätige Verwandte war, den Ms Rachel erwähnt hatte?

Denny Hunters Gesicht hatte umgehend zu leuchten begonnen.

»Wie bemerkenswert. Ja, er muss es sein. Vor allem, da du ihn mit einem Leichendiebstahl in Verbindung bringst.« Er hüstelte und erweckte einen etwas verlegenen Eindruck.

»Es war eine höchst … aufschlussreiche Bekanntschaft«, sagte Hunter. »Wenn auch gelegentlich etwas verstörend.« Er spähte zu seiner Schwester zurück, doch Rachel befand sich weit hinter ihnen, weil ihr Maultier trödelte und sie selbst im Sattel halb eingeschlafen war, sodass ihr Kopf nickte wie eine Sonnenblume.

»Du musst wissen, Freund William«, sagte Hunter und senkte seine Stimme, »dass man, wenn man die Kunst der Chirurgie beherrschen will, lernen muss, wie der menschliche Körper zusammengesetzt ist und wie er funktioniert. Man kann nur begrenzt aus Büchern lernen – und die Texte, auf die sich die meisten Mediziner stützen, sind … nun, um ganz offen zu sein, sie sind fehlerhaft.«

»Ach ja?« William folgte der Unterhaltung nur mit halbem Ohr. Die andere Hälfte seines Verstandes konzentrierte sich zu gleichen Teilen auf den Verlauf der Straße, die Hoffnung, dass sie rechtzeitig zum Abendessen einen bewohnten Ort erreichen könnten, und – bei den seltenen Gelegenheiten, wenn sie einmal vor ihm herritt – auf seine Bewunderung für Rachel Hunters schlanken Hals. Er hätte sich gern umgedreht und sie noch einmal angesehen, doch es hätte den Anstand verletzt, wenn er dies zu schnell in Folge getan hätte. Noch ein paar Minuten …

»… Galenus und Äskulap. Man geht – schon lange – allgemein davon aus, dass die alten Griechen alles über den menschlichen Körper niedergeschrieben haben; es gäbe keinen Grund, diesen Texten mit Argwohn zu begegnen oder Geheimnisse zu schaffen, wo keine seien.«

William grunzte. »Ihr solltet einmal hören, wenn mein Onkel von den alten Militärschriften spricht. Er hat nichts gegen Caesar, von dem er sagt, er sei ein ganz brauchbarer General gewesen, aber er bezweifelt, dass Herodot je ein Schlachtfeld aus der Nähe gesehen hat.«

Hunter musterte ihn überrascht und neugierig. »Das ist genau das, was John Hunter – mit anderen Worten – über Avicenna gesagt hat. ›Der Mann hat im Leben noch keinen schwangeren Uterus gesehen.‹« Er hieb mit der Faust auf seinen Sattelknauf, um seine Worte zu unterstreichen, und sein Pferd riss erschrocken den Kopf hoch.

»Ho, ho«, sagte Hunter nervös und zerrte so sehr an den Zügeln, dass das Pferd mit Sicherheit in den nächsten Sekunden gestiegen wäre. William beugte sich zu ihm hinüber und nahm Denzell zielsicher die Zügel aus der Hand, um sie sofort wieder lang zu lassen.

Er war froh über den kleinen Zwischenfall, weil dieser Hunter davon abhielt, seinen Vortrag über Uteri fortzusetzen. William war sich nicht ganz sicher, was ein Uterus war, doch wenn das Ding schwanger werden konnte, musste es mit den Geschlechtsteilen einer Frau zu tun haben, und darüber wollte er in Hörweite von Ms Hunter nicht diskutieren.

»Aber Ihr habt doch gesagt, Eure Verbindung mit John Hunter sei verstörend gewesen«, sagte er, als er Hunter die Zügel zurückgab, um geschickt das Thema zu wechseln, bevor Hunter noch etwas Peinlicheres einfiel. »Warum denn das?«