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»Nun, wir – seine Schüler – haben die Mysterien des menschlichen Körpers … am menschlichen Körper studiert.«

William spürte, wie sich sein Magen sacht verkrampfte.

»Ihr meint, Ihr habt Tote seziert?«

»Ja.« Hunter sah ihn stirnrunzelnd an. »Es ist eine anwidernde Vorstellung, ich weiß – und doch, zu sehen, auf welch wundersame Weise Gott die Dinge angeordnet hat! Die faszinierenden Einzelheiten einer Niere, das erstaunliche Innere einer Lunge – William, ich kann dir gar nicht sagen, was für eine Offenbarung das ist!«

»Nun … ja, ich kann es mir vorstellen«, sagte William vorsichtig. Jetzt konnte er sich guten Gewissens wieder umdrehen, was er prompt tat. Rachel hatte sich aufgerichtet. Sie reckte sich und hatte den Kopf so weit hintenübergelegt, dass ihr der Strohhut in den Rücken fiel. Die Sonne schien ihr ins Gesicht, und sie lächelte. »Ihr … äh … Woher hattet Ihr denn die Leichen, die Ihr seziert habt?«

Dr. Hunter seufzte.

»Das war ja das Verstörende daran. Viele waren Bettler aus dem Armenhaus oder von der Straße, und ihr Tod war bemitleidenswert. Doch viele waren die Leichen hingerichteter Verbrecher. Und sosehr ich mich freue, dass ihr Tod auch etwas Gutes bewirkt hat, bin ich doch entsetzt über jeden solchen Tod.«

»Warum denn?«, fragte William.

»Warum?« Hunter blinzelte ihn durch seine Brille hindurch an, schüttelte dann aber den Kopf, als wollte er sich von Fliegen befreien. »Oh, ich vergesse, dass du keiner von uns bist. Verzeihung. Wir heißen die Gewalt nicht gut, Freund William, und ganz gewiss keinen Totschlag.«

»Nicht einmal an einem Verbrecher? Einem Mörder?«

Denzell presste die Lippen aufeinander und zog ein unglückliches Gesicht, doch er schüttelte den Kopf.

»Nein. Soll man sie einsperren oder zu nützlichen Arbeiten heranziehen. Doch wenn der Staat seinerseits Morde begeht, verletzt er Gottes Gebot auf das Schändlichste und macht uns alle mitschuldig an dieser Sünde. Verstehst du das nicht?«

»So wie ich es verstehe, hat der Staat, wie Ihr es bezeichnet, die Verantwortung für seine Untertanen«, gab William gereizt zurück. »Ihr erwartet doch, dass Konstabler und Richter dafür sorgen, dass Ihr und Euer Eigentum unbehelligt bleiben, nicht wahr? Wenn der Staat diese Verantwortung hat, muss er auch die Mittel zu ihrer Durchsetzung haben.«

»Dem widerspreche ich ja gar nicht – wie ich schon sagte: Kerkert die Verbrecher doch ein, wenn notwendig. Doch der Staat hat kein Recht, in meinem Namen Menschen umzubringen!«

»Nicht?«, sagte William trocken. »Habt Ihr eine Vorstellung von der Natur einiger dieser Verbrecher, die hingerichtet werden? Oder von ihren Verbrechen?«

»Du denn?« Hunter sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an.

»Das habe ich, ja. Der Gefängnisverwalter von Newgate ist ein Bekannter – noch ein Bekannter – meines Vaters. Ich habe mit ihm an einem Tisch gesessen und Dinge gehört, die Euch die Locken Eurer Perücke glätten würden, Dr. Hunter. Wenn Ihr denn eine tragen würdet.«

Hunter reagierte mit einem flüchtigen Lächeln auf diesen Scherz.

»Sprich mich mit meinem Namen an«, sagte er. »Du weißt doch, dass wir nichts auf Titel geben. Und ich gestehe ein, dass an deinen Worten etwas Wahres ist. Ich habe selbst noch schrecklichere Dinge gehört – und gesehen –, als du sie wahrscheinlich am Tisch deines Vaters gehört hast. Doch die Gerechtigkeit liegt in Gottes Hand. Jemandem Gewalt anzutun – einem anderen das Leben zu nehmen –, bedeutet eine Verletzung von Gottes Gebot und eine schreckliche Sünde.«

»Und wenn man Euch angreift und verletzt, dürft Ihr Euch dann nicht wehren?«, wollte William wissen. »Dürft Ihr Euch nicht verteidigen? Eure Familien?«

»Wir bauen auf die Güte und die Gnade Gottes«, sagte Denzell entschlossen. »Und wenn wir ums Leben kommen, sterben wir in der gewissen Erwartung des ewigen Lebens und der Auferstehung.«

Ein paar Minuten lang ritten sie wortlos weiter, bevor William im Konversationston sagte: »Oder Ihr verlasst Euch darauf, dass jemand anders bereit ist, für Euch zur Gewalt zu greifen.«

Denzell holte instinktiv tief Luft, überlegte es sich dann aber anders und schwieg. Sie ritten eine Zeit lang schweigend weiter, und als sie sich wieder zu unterhalten begannen, ging es um Vögel.

Als sie am nächsten Tag erwachten, regnete es. Kein rasches Gewitter, gerade noch hier und schon wieder fort, sondern ein unablässiger, erbarmungsloser Regen, der den Eindruck machte, als wollte er den ganzen Tag unablässig anhalten. Es war zwecklos zu bleiben, wo sie waren; der felsige Überhang, unter dem sie übernachtet hatten, war dem Wind direkt ausgesetzt, und der Regen hatte das Brennholz bereits so durchfeuchtet, dass ihr Frühstücksfeuer mehr Rauch als Wärme von sich gab.

William und Denny, die beide hin und wieder husteten, beluden das Packmuli, während Rachel ein Bündel der am wenigsten nassen Zweige in Segeltuch wickelte. Wenn sie am Abend einen Unterschlupf fanden, würden sie vielleicht wenigstens in der Lage sein, Feuer zu machen und eine warme Mahlzeit zu kochen, selbst wenn es weiterregnete.

Sie redeten nicht viel. Selbst wenn ihnen danach zumute gewesen wäre, prasselte der Regen derart heftig auf die Bäume, den Boden und ihre Hüte, dass sie jedes Wort fast schreien mussten, um sich Gehör zu verschaffen.

In einem Zustand triefend nasser, aber hartnäckiger Entschlossenheit ritten sie langsam nach Nordosten. Als sie eine Wegkreuzung erreichten, starrte Denny nervös auf seinen Kompass.

»Was meinst du, Freund William?« Denny zog sich die Brille ab und wischte sie – wenig erfolgreich – an seinem Rockschoß ab. »Keine der beiden Straßen verläuft exakt in die gewünschte Richtung, und Freund Lockett hat diese Kreuzung in seiner Wegbeschreibung nicht erwähnt. Diese dort« – er wies auf die Straße, die die ihre kreuzte – »scheint nach Norden zu verlaufen, während diese hier direkt nach Osten verläuft. Zumindest im Moment.« Er blinzelte William an, und sein Gesicht war ohne die Brille seltsam nackt.

Ein Farmer namens Lockett und seine Frau waren vor drei Tagen ihr letzter menschlicher Kontakt gewesen. Die Frau hatte ihnen Abendessen gemacht und ihnen Brot, Eier und Käse verkauft, und ihr Mann hatte ihnen den Weg erklärt – Richtung Albany, hatte er gesagt; irgendwo auf dem Weg dorthin sollten sie auf die Kontinentalarmee stoßen. Doch eine Kreuzung hatte er nicht erwähnt.

William warf einen Blick auf den schlammigen Boden, doch die Kreuzung selbst lag in einer Mulde und war inzwischen nur noch ein kleiner See. Keine Hinweise auf irgendwelchen Verkehr – doch die Straße, auf der sie sich befanden, schien um einiges breiter zu sein als die kleinere, die sie kreuzte.

»Hier entlang«, sagte er entschlossen und trieb sein Pferd mit schmatzenden Hufen geradeaus durch den See.

Inzwischen war es später Nachmittag, und er fing an, sich über seine Entscheidung Sorgen zu machen. Wären sie auf der richtigen Straße gewesen, hätten sie – Mr Lockett zufolge – am Ende des Tages auf eine kleine Ansiedlung namens Johnson’s Fort stoßen sollen. Natürlich hatte der Regen ihre Schritte verlangsamt, sagte er sich. Die Landschaft sah noch genauso leer, hügelig und grün aus wie zuvor, doch Dörfer und Farmen tauchten immer auf wie Pilze nach einem heftigen Schauer. Was bedeutete, dass sie jeden Moment auf Johnson’s Fort stoßen konnten.

»Vielleicht ist der Ort ja auch zerflossen.« Rachel beugte sich aus dem Sattel, um ihm diese Bemerkung zuzurufen. Rachel war selbst so gut wie zerflossen, und er grinste trotz seiner Besorgnis. Der Regen hatte die Krempe ihres Strohhuts aufgeweicht, sodass sie ihr jetzt so schlaff wie ein Staublappen um den Kopf hing; um etwas zu sehen, musste sie sie vorn hochheben, was ihr das Aussehen einer argwöhnischen Kröte unter einer Egge verlieh. Ihre Kleider waren ebenfalls durchnässt, und da sie drei Lagen übereinandertrug, hatte sie größte Ähnlichkeit mit einem unförmigen Ballen nasser Wäsche, die man dampfend aus dem Kessel gegabelt hatte.