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Doch, dachte er, das musste ich. Und er legte den Kopf zwischen die Knie und wartete, dass alles vorüberging.

Als William den Abort schließlich wieder verließ, fühlte er sich klamm und wackelig, doch seine Eingeweide machten wieder einen berechenbaren Eindruck. Denny Hunter hastete an ihm vorüber in die kleine Hütte, aus der explosive Geräusche und Stöhnlaute zu hören waren. Er entfernte sich eilig und kehrte im Regen zum Haus zurück.

Es würde noch etwas dauern, bis es dämmerte, doch die Luft hatte begonnen, sich zu regen, und das Farmhaus malte sich wie ein schwarzes Skelett vor dem blasser werdenden Himmel ab. Als er eintrat – und sich dabei furchtbar unsicher fühlte –, stand Rachel kreidebleich mit einem Besen bewaffnet über Mrs Johnson Wache, die in ein schmutziges Bettlaken eingewickelt war, schwach vor sich hin zuckte und merkwürdige Zisch- und Spucklaute ausstieß.

Die Überreste ihres Mannes lagen in einer Pfütze aus gerinnendem Blut auf dem Bauch vor dem Kamin. Er wollte den Toten nicht ansehen, hatte aber das Gefühl, dass es irgendwie falsch sein würde, es nicht zu tun. Also ging er einen Moment hinüber und blickte auf den Toten hinunter. Einer der Hunters hatte das Feuer geschürt und Holz daraufgelegt; es war zwar warm im Zimmer, doch er konnte es nicht spüren.

»Er ist tot«, sagte Rachel mit tonloser Stimme.

»Ja.« Er wusste nicht, was er in einer solchen Situation hätte fühlen sollen, und eigentlich wusste er auch nicht, was er tatsächlich empfand. Doch dann wandte er sich mit einem leisen Gefühl der Erleichterung ab und ging zurück, um einen Blick auf die Gefangene zu werfen.

»Sie hat versucht, Denny die Kehle durchzuschneiden, aber sie ist mir auf die Hand getreten und hat mich geweckt. Ich habe das Messer gesehen und geschrien, und er hat sie gepackt und …« Sie fuhr sich mit der Hand durch das Haar, und er sah, dass sie ihre Haube verloren hatte und ihr Haar lose und verworren war.

»Ich habe mich auf sie gesetzt«, sagte sie, »und Denny hat sie in das Laken gewickelt. Ich glaube nicht, dass sie sprechen kann«, fügte Rachel hinzu, als er sich bückte, um sich die Frau anzusehen. »Ihre Zunge ist gespalten.«

Als Mrs Johnson dies hörte, streckte sie ihm böse die Zunge heraus und ließ die beiden Hälften unabhängig voneinander wackeln. Da er die Erinnerung an seine Traumschlangen noch frisch im Kopf hatte, zuckte er angewidert zusammen, doch dann sah er den Ausdruck der Genugtuung, der über ihr Gesicht huschte.

»Wenn sie das mit ihrer widerlichen Zunge tun kann, kann sie auch sprechen«, sagte er. Er streckte die Hand aus und packte die Frau an ihrem schmalen Hals. »Sagt mir einen Grund, warum ich Euch nicht auch umbringen sollte.«

»Nicht meine Sssssuld!«, sagte sie prompt und zischte dabei so heftig, dass er sie vor Schreck beinahe losgelassen hätte. »Er sssswingt mich ssssu helfen.«

William sah sich nach dem Toten an der Feuerstelle um.

»Jetzt nicht mehr.« Sein Griff wurde fester, und er spürte ihren Pulsschlag unter seinem Daumen. »Wie viele Reisende habt Ihr beide schon umgebracht?«

Sie antwortete nicht, sondern fuhr sich lasziv mit der Zunge über die Oberlippe, erst die eine Hälfte, dann die andere. Er ließ ihre Kehle los und ohrfeigte sie fest. Rachel schnappte nach Luft.

»Du darfst nicht –«

»O doch, ich darf, und ich muss.« Er rieb sich mit der Hand über seine Hose, um den Schweiß der Frau abzuwischen, das Gefühl ihrer schlaffen Haut, ihrer knochigen Kehle. Seine andere Hand begann jetzt, schmerzhaft zu pochen. Plötzlich hätte er am liebsten nach der Axt gegriffen und sie damit zerschmettert – ihr den Schädel eingeschlagen, sie in Stücke gehackt. Der Drang war so heftig, dass er am ganzen Körper zitterte; sie sah es in seinem Blick und starrte ihn mit glitzernden, schwarzen Augen an.

»Ihr wollt nicht, dass ich sie töte?«, fragte er Rachel.

»Du darfst es nicht tun«, flüsterte sie. Ganz langsam griff sie nach seiner verbrannten Hand, und als er sie nicht fortzog, nahm sie sie in die ihre. In seinen Ohren dröhnte es, und ihm wurde schwindelig.

»Du bist verletzt«, sagte sie leise. »Komm mit hinaus. Ich wasche sie dir.«

Sie führte ihn halb blind und stolpernd ins Freie und wies ihn an, sich auf den Hackklotz zu setzen, während sie einen Eimer Wasser aus dem Trog holte. Es hatte aufgehört zu regnen, aber die Welt tropfte, und die Morgenluft strömte ihm feucht und frisch in die Brust.

Rachel badete seine Hand in kaltem Wasser, und das Brennen ließ ein wenig nach. Sie berührte seinen Oberschenkel dort, wo das Blut in einem langen Streifen auf seinem Hosenbein getrocknet war, ließ aber los, als er den Kopf schüttelte.

»Ich hole dir Whisky; Denny hat welchen in seiner Tasche.« Sie stand auf, doch er fasste mit der unverletzten Hand nach ihrem Handgelenk und hielt sie fest.

»Rachel.« Seine Stimme klang merkwürdig, weit entfernt, als spräche jemand anders. »Ich habe noch nie einen Menschen getötet. Ich weiß – ich weiß nicht genau, was ich jetzt tun soll.« Er blickte zu ihr auf und suchte in ihrem Gesicht nach Verständnis. »Wenn es – ich hatte erwartet, dass es in einer Schlacht geschieht. Das – ich glaube, dann wüsste ich, wie. Was ich fühlen soll, meine ich. Wenn es so gekommen wäre.«

Sie sah ihm in die Augen, das Gesicht sorgenvoll verzogen. Das Licht fiel auf sie, ein sanftes Rosa, heller als Perlenglanz, und nach einer langen Weile berührte sie ganz sanft sein Gesicht.

»Nein«, sagte sie. »Das wüsstest du nicht.«

Fünfter Teil

Am Rand des Abgrunds

Kapitel 42

Scheideweg

An einer namenlosen Wegkreuzung irgendwo in New Jersey nahm William Abschied von den Hunters. Es wäre undiplomatisch gewesen weiterzugehen; ihre Fragen nach dem Aufenthaltsort der Kontinentalarmee wurden zunehmend feindselig aufgenommen, was darauf hindeutete, dass es nicht mehr weit sein konnte.

Weder die Sympathisanten der Rebellen noch die Loyalisten, die die Vergeltung der Armee vor ihrer Haustür fürchteten, waren bereit, mit mysteriösen Fremden zu sprechen, die womöglich Spione waren oder Schlimmeres.

Die Quäker würden es ohne ihn leichter haben. Sie waren so unübersehbar das … was sie waren, und Dennys Absicht, sich als Stabsarzt zu verpflichten, war so schlicht und bewundernswert, dass die Leute ihnen helfen würden, wenn sie allein waren, dachte er. Oder dass sie zumindest ihre Fragen freundlicher beantworten würden. In Williams Begleitung jedoch …

Zu Beginn ihrer Reise hatte es ausgereicht, wenn er sagte, er sei ein Freund der Hunters. Die Leute begegneten der kleinen Reisegruppe zwar neugierig, aber nicht feindselig. Doch je weiter sie sich New Jersey näherten, desto spürbarer wurde die Unruhe. Farmen waren von Soldatentrupps auf der Suche nach Proviant geplündert worden – sowohl von den Hessen unter Howes Kommando, die versuchten, Washington von seinem Wachtposten in den Watchung Mountains in den offenen Kampf zu locken, als auch von der Kontinentalarmee, die dringend Nachschub benötigte.

Farmen, die normalerweise jeden Fremden willkommen geheißen hätten, um zu hören, was er Neues zu erzählen hatte, wiesen sie jetzt mit Musketen und groben Worten ab. Es wurde immer schwieriger, sich mit Lebensmitteln zu versorgen. Manchmal half ihnen Rachels Anwesenheit, so dicht an einen Hof zu kommen, dass sie den Bewohnern Geld anbieten konnten – und Williams kleiner Vorrat an Silber und Gold half mit Sicherheit ebenfalls; Denzell hatte den Erlös aus dem Verkauf ihres Hauses zum Großteil als Sicherheit für Rachels Zukunft bei einer Bank in Philadelphia deponiert, und das vom Kongress gedruckte Papiergeld wurde so gut wie nirgendwo genommen.

Doch es war absolut unmöglich, dass sich William als Quäker ausgab. Abgesehen davon, dass er die Ausdrucksweise der »Freunde« nicht beherrschte, machte er die Leute durch seine Körpergröße und sein Auftreten nervös – umso mehr, als er sich noch lebhaft an Hauptmann Nathan Hale erinnerte und daher niemals laut gesagt hätte, dass er vorhatte, der Kontinentalarmee beizutreten, und er sich strikt weigerte, Fragen zu stellen, die man ihm später als Spionage auslegen konnte. Und sein Schweigen – das als bedrohlich empfunden wurde – machte die Leute zusätzlich nervös.