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Was William viel mehr verwunderte, war die Tatsache, dass sein Onkel Hal John Burgoyne zu mögen schien. Onkel Hal hatte keine Zeit für Theaterstücke übrig, geschweige denn für die Menschen, die sie schrieben – obwohl er andererseits die gesammelten Werke von Aphra Behn in seiner Bibliothek stehen hatte und William einmal unter dem Siegel der Verschwiegenheit von seinem Vater erfahren hatte, dass sein Bruder Hal Mrs Behn nach dem Tod seiner ersten Frau und vor seiner Heirat mit Tante Minnie leidenschaftlich verfallen gewesen war.

»Mr Behn war schließlich tot, weißt du«, hatte ihm sein Vater erklärt. »Keine Gefahr.«

William hatte damals genickt, um einen weltläufigen und klugen Eindruck zu erwecken, obwohl er eigentlich keine Ahnung hatte, was sein Vater damit meinte. Keine Gefahr? Gefahr wodurch?

Er schüttelte den Kopf. Er glaubte nicht, dass er Onkel Hal je verstehen würde. Wahrscheinlich war das sowieso besser für sie beide. Seine Großmutter Benedicta war wahrscheinlich der einzige Mensch, der ihn verstand. Doch der Gedanke an seinen Onkel brachte ihn auf seinen Vetter Henry, und sein Mund verspannte sich ein wenig.

Adam hatte inzwischen gewiss davon erfahren, doch wahrscheinlich konnte er nichts für seinen Bruder tun, genauso wenig wie William, den die Pflicht nach Norden rief. Doch sein Vater und Onkel Hal würden es gewiss mit vereinten Kräften schaffen …

Das Pferd warf schnaubend den Kopf hoch, und als William den Blick hob, sah er einen Mann an der Straße stehen, der ihn mit dem Arm zum Halten aufforderte.

Er ritt langsam auf ihn zu und ließ den Wald nicht aus dem Auge, falls der Mann Verbündete hatte, die dort auf arglose Reisende lauerten. Doch der Straßenrand lag hier brach und grenzte wiederum an ein schütteres Dickicht aus Schösslingen, in dem sich niemand verstecken konnte.

»Einen guten Tag, Sir«, sagte er und hielt ein Stück von dem Alten entfernt an. Denn der Mann war eindeutig alt; sein Gesicht sah aus wie die Schlackenhalde einer Zinnmine; er stützte sich auf einen langen Stab, und sein Haar war zu einem schlohweißen Zopf geflochten.

»Gott zum Gruße«, sagte der alte Herr. Denn er war eindeutig ein Herr; seine Haltung war stolz und seine Kleidung anständig. Und jetzt, da sich William genauer umsah, kam dazu ein gutes Pferd, das ein Stück weiter graste. William entspannte sich ein wenig.

»Wohin soll die Reise gehen, Sir?«, fragte er höflich. Der alte Mann zuckte die Achseln.

»Das könnte davon abhängen, was Ihr mir erzählen könnt, junger Mann.« Der Alte war Schotte, auch wenn sein Englisch gut war. »Ich bin auf der Suche nach einem Mann namens Ian Murray, den Ihr, glaube ich, kennt?«

Das brachte William aus der Fassung; woher wusste der Alte das? Doch er kannte Murray; vielleicht hatte Murray ihm ja von William erzählt. Vorsichtig erwiderte er: »Ich kenne ihn. Doch leider habe ich keine Ahnung, wo er ist.«

»Nein?« Der Alte sah ihn scharf an. Als dächte er, ich könnte ihn anlügen, dachte William. Argwöhnischer alter Kauz!

»Nein«, wiederholte er entschlossen. »Ich bin ihm vor einigen Wochen im Great-Dismal-Sumpf begegnet. Er befand sich in Begleitung einiger Mohawkindianer. Doch ich weiß nicht, wohin er danach gegangen sein könnte.«

»Mohawk«, wiederholte der Alte nachdenklich, und William sah, wie sich seine eingesunkenen Augen auf seine Brust hefteten, wo die große Bärenkralle über seinem Hemd hing. »Dann habt Ihr Euer Schmuckstückchen wohl von den Mohawk bekommen?«

»Nein«, erwiderte William, der den Begriff »Schmuckstückchen« ziemlich geringschätzig fand. »Mr Murray hat es mir von einem – Freund mitgebracht.«

»Einem Freund.« Der alte Mann betrachtete sein Gesicht derart unverhohlen, dass William verlegen und daher wütend wurde. »Wie lautet Euer Name, junger Mann?«

»Das geht Euch nichts an, Sir«, sagte William so höflich wie möglich und nahm die Zügel wieder auf. »Guten Tag!«

Das Gesicht des Alten verkrampfte sich genau wie die Hand an seinem Stab, und William wandte sich abrupt um, damit der alte Kerl nicht auf die Idee kam, ihn damit anzugreifen. Das tat er zwar nicht, doch William bemerkte mit leisem Entsetzen, dass ihm an der Hand, die den Stab gepackt hatte, zwei Finger fehlten.

Im ersten Moment dachte er, dass der Alte aufsteigen und ihm folgen könnte, doch als er sich umsah, stand der Mann noch reglos an der Straße und sah ihm nach.

Eigentlich war es nicht wichtig, doch gedrängt von einem obskuren Bedürfnis, ja niemandem aufzufallen, steckte sich William die Bärenkralle ins Hemd, wo sie sicher verborgen neben seinem Rosenkranz hing.

Kapitel 43

Countdown

Fort Ticonderoga

18. Juni 1777

Liebe Brianna, lieber Roger,

noch dreiundzwanzig Tage. Ich hoffe, dass es uns gelingen wird, rechtzeitig von hier aufzubrechen. Ian hat das Fort vor einem Monat verlassen. Er sagt, er hätte etwas zu erledigen, doch er würde zurück sein, wenn Jamies Milizdienst endet. Ian hat es abgelehnt, sich bei der Miliz zu verpflichten, und sich stattdessen freiwillig zur Proviantbeschaffung gemeldet, also ist er theoretisch nicht einmal unerlaubt abwesend. Nicht dass der Kommandeur des Forts ernsthaft in der Lage wäre, irgendetwas im Hinblick auf Deserteure zu unternehmen, außer sie zu hängen, wenn sie so dumm sein sollten zurückzukommen, was natürlich keiner von ihnen tut. Ich habe keine Ahnung, was Ian macht, aber irgendwie hoffe ich, dass es ihm guttun wird.

Apropos Kommandeur, es gibt einen neuen. Große Aufregung! Oberst Wayne ist vor ein paar Wochen abgereist – gewiss hat er mindestens so sehr vor Erleichterung geschwitzt wie von der Schwüle –, doch wir haben uns verbessert. Der neue Kommandeur ist immerhin Generalmajor: ein gewisser Arthur St. Clair, ein liebenswürdiger, ausnehmend gut aussehender Schotte, dessen Äußeres durch die rosafarbene Schärpe, die er zu öffentlichen Anlässen trägt, noch an Reiz gewinnt. (Das Schöne an der Zugehörigkeit zu einer improvisierten Armee ist offenbar die Tatsache, dass man sich seine eigene Uniform entwerfen darf. Hier unterliegt die Erscheinung der Regimenter keiner verstaubten alten britischen Konvention.)

General St. Clair hat sich Verstärkung mitgebracht: nicht weniger als drei Untergeneräle, darunter ein Franzose (Dein Vater sagt, General Fermoy ist in militärischer Hinsicht eine sehr fragwürdige Gestalt) und etwa dreitausend neue Rekruten. Das hat die allgemeine Stimmung gehoben (wenn es auch dazu geführt hat, dass die Latrinen hoffnungslos überstrapaziert sind. Morgens bilden sich hier lange Schlangen, und es herrscht ein ernsthafter Mangel an Nachttöpfen), und St. Clair hat eine schöne Rede gehalten und uns versichert, dass das Fort jetzt unmöglich überrannt werden kann. Dein Vater, der dabei neben dem General gestanden hat, hat an diesem Punkt etwas auf Gälisch gemurmelt. Sein Ton war zwar leise, aber so leise nun auch wieder nicht. Doch der General, der meines Wissens aus Thurso stammt, hat praktischerweise so getan, als verstünde er ihn nicht.

Der Brückenbau zwischen dem Fort und dem Mount Independence geht zügig voran – während uns Mount Defiance vom anderen Ufer entgegenstarrt. Wenn man ihn so betrachtet, sieht er ganz harmlos aus, obwohl sein Gipfel um einiges höher liegt als das Fort. Jamie hat Mr Marsden mit einer Zielscheibe hinüberrudern lassen – ein weiß gestrichenes Holzquadrat von etwas über einem Meter Kantenlänge – und ihn diese knapp unterhalb des Hügels aufstellen lassen, wo sie für die Geschütze des Forts gut zu sehen war. Er hat General Fermoy (der keine rosa Schärpe bekommen hat, obwohl er Franzose ist) eingeladen, sich an einem der neuen Gewehre zu versuchen (die Jamie in weiser Voraussicht auf der Teal unterschlagen hat, bevor er den Rest der Fracht als echter Patriot der amerikanischen Sache gestiftet hat). Sie haben die Zielscheibe in Stücke geschossen, eine Tatsache, deren Bedeutung auch General St. Clair, der sich als Zuschauer zu ihnen gesellt hat, nicht entgangen ist. Ich glaube, General St. Clair wird kaum weniger froh sein als ich, wenn die Dienstzeit Deines Vaters vorüber ist.