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Dank der Neuankömmlinge ist hier natürlich mehr zu tun. Die meisten der neuen Rekruten sind, o Wunder, einigermaßen gesund, doch es gibt die üblichen kleineren Unfälle, Geschlechtskrankheiten oder sommerlichen Fiebererkrankungen; genug davon, dass Major Thatcher – der federführende medizinische Offizier – dazu übergegangen ist wegzusehen, wenn ich unauffällig eine Wunde verbinde, obwohl er mich nicht in die Nähe scharfer Instrumente lässt. Glücklicherweise habe ich ein kleines Messer, mit dem ich Abszesse öffnen kann.

Außerdem gehen mir allmählich die Heilkräuter aus, seitdem Ian sich abgesetzt hat. Er hat mir von seinen Proviantexpeditionen vieles mitgebracht, doch es ist wirklich gefährlich, sich ins Freie zu wagen, es sei denn in einer größeren Gruppe. Vor ein paar Tagen hat man zwei Männer, die auf die Jagd gegangen waren, ermordet und skalpiert aufgefunden.

Während meine Ausrüstung daher zu wünschen übrig lässt, habe ich zum Ausgleich seit Neuestem eine Helfershelferin. Es handelt sich um eine gewisse Mrs Raven aus New Hampshire, die mit einem Milizoffizier verheiratet ist. Sie ist noch relativ jung, Anfang dreißig, doch sie hat keine Kinder, weshalb sie einiges an überschüssiger emotionaler Energie besitzt. Sie ergötzt sich an Krankheit und Tod, obwohl sie sich bestimmt für extrem mitfühlend hält. Sie suhlt sich gern in grauenvollen Details, was zwar eigentlich ein bisschen abstoßend ist, sie jedoch zu einer brauchbaren Assistentin macht, weil ich mich darauf verlassen kann, dass sie nicht in Ohnmacht fällt, während ich einen Knochenbruch richte oder einen Finger mit Gangrän amputiere (in Eile, bevor Major Thatcher oder seine rechte Hand, Leutnant Stactoe, etwas merken), denn sie könnte ja etwas verpassen. Zugegebenermaßen jammert sie dabei gern und schlägt sich gern vor die flache Brust und bekommt große Augen, wenn sie hinterher anderen von ihren Abenteuern berichtet (als man die skalpierten Männer brachte, musste sie so hyperventilieren, dass sie fast zu Boden gegangen wäre), doch man nimmt ja jede Hilfe an, die man bekommen kann.

Am anderen Ende der medizinischen Kompetenzskala haben die Neuankömmlinge einen jungen Quäkerarzt namens Denzell Hunter und seine Schwester Rachel mitgebracht. Ich habe ihn noch nicht persönlich gesprochen, doch nach allem, was ich sehe, ist Dr. Hunter ein richtiger Arzt, und er scheint sogar vage mit der Theorie der Krankheitserreger vertraut zu sein, da er bei John Hunter studiert hat, einem der großen Mediziner dieser Zeit (falls Roger dies liest, erzähle ich lieber nicht, auf welche Weise John Hunter entdeckt hat, wie Gonorrhö übertragen wird – oder vielleicht tue ich es doch: Er hat sich mit einer Lanzette, die mit dem Eiter eines infizierten Opfers getränkt war, in den Penis gestochen und war Denny Hunter zufolge höchst zufrieden mit dem Ergebnis) – Denny hat Deinem Vater von diesem interessanten Ereignis erzählt, während er ihm den Daumen verband, der zwischen zwei rollende Baumstämme geraten ist … (Keine Sorge, er ist nicht gebrochen, nur grün und blau.) Ich würde zu gern sehen, wie Mrs Raven auf diese Geschichte reagiert, aber ich vermute, dass der Anstand es dem jungen Dr. Hunter verbieten würde, sie ihr zu erzählen.

Du denkst natürlich an die Impftermine der Kinder.

In aller Liebe

Mama

Brianna hatte das Buch geschlossen, doch ihre Hand wanderte unwillkürlich immer wieder zu seinem Umschlag zurück, als würde sie es am liebsten noch einmal aufschlagen, für den Fall, dass diesmal etwas anderes darin stand.

»Was für ein Datum ist dreiundzwanzig Tage nach dem achtzehnten Juni?« Eigentlich hätte sie imstande sein sollen, es im Kopf auszurechnen, doch vor lauter Nervosität konnte sie nicht mehr zählen.

Roger verdrehte die Augen und zählte die Monate an seinen Fingerknöcheln ab. »April, Juni – gut, der Juni hat dreißig Tage, also sind es zwölf Tage vom achtzehnten bis zum dreißigsten, plus zehn ergibt den zehnten Juli.«

»Ach du lieber Himmel.«

Sie hatte es dreimal gelesen; es würde nichts ändern, wenn sie es noch einmal tat; und doch schlug sie das Buch abermals auf der Seite mit dem Porträt John Burgoynes auf. Ein gut aussehender Mann – »Und das weiß er anscheinend auch!«, sagte sie laut, sodass Roger sie mit bestürzter Miene ansah –, gemalt von Sir Joshua Reynolds. Mit seiner Uniform bekleidet, die Hand auf seinem Schwertknauf, stand er vor einem dramatischen Hintergrund heraufziehender Sturmwolken. Und auf der nächsten Seite stand es schwarz auf weiß.

Am sechsten Juli griff General Burgoyne Fort Ticonderoga mit einem Heer von 8000 regulären Soldaten an, dazu einer Reihe deutscher Regimenter unter dem Baron von Riedesel sowie einer Anzahl Indianer.

William fand General Burgoyne und seine Armee weitaus einfacher, als es die Hunters mit General Washington gehabt hatten. Allerdings versuchte General Burgoyne ja auch gar nicht, sich zu verstecken.

Für ein Feldlager war es sehr luxuriös. Ordentlich aneinandergereihte weiße Zelte bedeckten drei Felder und zogen sich bis in den Wald. Unterwegs zum Kommandeurszelt, wo er sich zur Stelle melden wollte, entdeckte er vor dem Zelt des Generals einen Berg aus leeren Weinflaschen, der ihm fast bis zum Knie reichte. Da ihm bis jetzt nichts davon zu Ohren gekommen war, dass der General ein berüchtigter Trunkenbold war, führte er diese Großzügigkeit auf die Gastfreundschaft und Geselligkeit des Mannes zurück. Ein gutes Zeichen für einen Kommandeur, dachte er.

Ein gähnender Bediensteter zupfte die Überreste der Bleiverschlüsse von den Flaschen ab und sammelte sie in einer Dose, wahrscheinlich, um Kugeln daraus zu gießen. Er beäugte William verschlafen und fragend.

»Ich bin hier, um mich bei General Burgoyne zu melden«, sagte William und richtete sich auf. Der Dienstbote betrachtete ihn langsam von unten bis oben und ließ seinen vage neugierigen Blick auf Williams Gesicht verweilen, sodass dieser an der Gründlichkeit seiner morgendlichen Rasur zu zweifeln begann.

»Er hat gestern Abend mit dem Brigadier und mit Oberst St. Leger gefeiert«, sagte der Dienstbote schließlich mit einem kleinen Rülpser. »Kommt heute Nachmittag wieder. Bis dahin –« Er erhob sich mühsam, zuckte zusammen, als bekäme er Kopfschmerzen von der Bewegung, und streckte den Arm aus. »Die Offiziersmesse ist dort drüben.«

Kapitel 44

Freunde

Fort Ticonderoga

22. Juni 1777

Zu meiner großen Überraschung traf ich Kapitän Stebbings im Sitzen an. Kreidebleich, in Schweiß gebadet und schwankend wie ein Pendel – aber aufrecht. Mr Dick umsorgte ihn nervös wie eine Henne, die nur ein einziges Küken hat.

»Wie ich sehe, geht es Euch besser, Kapitän«, sagte ich und lächelte ihn an. »Dann werden wir Euch ja bald wieder auf den Beinen haben, nicht wahr?«

»War schon … auf den Beinen«, keuchte er. »Glaube, ich sterbe.«

»Was?«

»Er läuft!«, bestätigte mir Mr Dick, hin- und hergerissen zwischen Stolz und Bestürzung. »An meinem Arm, aber läuft, wirklich!«

Sofort war ich schon auf den Knien und hörte Lunge und Herz mit dem Holzstethoskop ab, das Jamie für mich gemacht hatte. Sein Puls schlug wie ein Achtzylindermotor, und er gurgelte und keuchte, was das Zeug hielt, doch ich konnte nichts finden, was mich furchtbar alarmiert hätte.

»Herzlichen Glückwunsch, Kapitän Stebbings!«, sagte ich. Ich ließ das Stethoskop sinken und lächelte ihn an. Er sah immer noch grauenhaft aus, doch seine Atmung begann, sich zu verlangsamen. »Wahrscheinlich sterbt Ihr heute doch nicht. Was war denn der Anlass für diese Anwandlung von Ehrgeiz?«