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»Mein … Bootsmann«, brachte er hervor, ehe ihm ein Hustenanfall das Wort abschnitt.

»Joe Ormiston«, erläuterte Mr Dick und nickte mir zu. »Fuß stinkt. Kapitän bei ihm.«

»Mr Ormiston? Sein Fuß stinkt?« Das ließ alle möglichen Alarmglocken schrillen. Es war ein sehr schlechtes Zeichen, wenn eine Verletzung so stark roch, dass andere darauf aufmerksam wurden. Ich erhob mich, wurde aber von Stebbings aufgehalten, der mich fest am Rock gepackt hatte.

»Ihr –«, sagte er und rang nach Luft. »Ihr kümmert Euch um ihn.«

Er entblößte seine fleckigen Zähne zu einem Grinsen.

»Das ist ein Befehl«, keuchte er. »Ma’am.«

»Aye, aye, Käpt’n«, sagte ich knapp und machte mich zum Lazarettgebäude auf, wo der Großteil der Kranken und Verletzten untergebracht war.

»Mrs Fraser? Was ist denn los?« Der dienstbeflissene Ausruf kam von Mrs Raven, die gerade aus der Proviantmeisterei kam. Sie war hochgewachsen und hager, und ihre dunklen Haare kämpften sich fortwährend unter ihrer Haube hervor – so auch jetzt.

»Ich weiß es noch nicht«, sagte ich kurz, ohne anzuhalten. »Aber es könnte ernst sein.«

»Oh!«, sagte sie und verkniff sich das »Gut!« nur mit Mühe. Sie klemmte sich den Korb unter den Arm und folgte mir, fest entschlossen, Gutes zu tun.

Die gefangenen britischen Invaliden waren gemeinsam mit den kranken Amerikanern in einem lang gezogenen Steingebäude untergebracht, das von schmalen, unverglasten Fenstern beleuchtet wurde und in dem es je nach Wetterlage unerträglich heiß oder kalt war. Im Moment war es draußen heiß und feucht – es war Nachmittag –, und das Gebäude zu betreten, war so, als würde man mit einem heißen, nassen Handtuch geohrfeigt. Einem schmutzigen heißen, nassen Handtuch.

Mr Ormiston war nicht schwer zu finden; eine Traube von Männern stand um seine Liege herum. Leutnant Stactoe befand sich unter ihnen – das war schlecht – und diskutierte mit dem kleinen Dr. Hunter – das war gut – und einigen anderen Militärärzten, die ebenfalls versuchten, sich Gehör zu verschaffen.

Ich wusste, worüber sie stritten, ohne es zu sehen; Mr Ormistons Fuß hatte sich unleugbar verschlimmert, und sie hatten vor, ihn zu amputieren. Wahrscheinlich hatten sie recht. Ich nahm an, dass es jetzt darum ging, wo man amputieren sollte oder wer es tun sollte.

Mrs Raven hielt sich im Hintergrund, denn der Anblick so vieler Ärzte machte sie nervös.

»Glaubt Ihr wirklich …«, hob sie an, doch ich beachtete sie nicht. Es gibt Situationen, in denen man nachdenken kann, doch dies war keine davon. Hier half nur Handeln, und zwar rasches, entschlossenes Handeln. Ich saugte mir die stickige Luft tief in die Lungen und trat einen Schritt vor.

»Guten Tag, Dr. Hunter«, sagte ich und schob mich mit den Ellbogen zwischen den beiden Militärärzten hindurch, während ich den jungen Quäkerarzt anlächelte. »Leutnant Stactoe«, fügte ich der Vollständigkeit halber hinzu, um nicht allzu unhöflich aufzutreten. Ich kniete mich neben die Liege des Patienten, wischte mir die verschwitzten Finger an meinem Rock ab und ergriff seine Hand.

»Wie geht es Euch, Mr Ormiston? Kapitän Stebbings hat mich geschickt, damit ich mich um Euren Fuß kümmere.«

»Er hat was?«, setzte Leutnant Stactoe in verärgertem Tonfall an. »Also wirklich, Mrs Fraser, was könnt Ihr schon –«

»Das ist gut, Ma’am«, unterbrach ihn Mr Ormiston. »Der Kapitän hat gesagt, er würde Euch schicken; ich war gerade dabei, diesen Herren hier zu sagen, sie sollen sich keine Gedanken machen, weil Ihr doch sicher wisst, wie man es am besten macht.«

Und sie waren sicher begeistert, das zu hören, dachte ich, doch ich lächelte ihn an und drückte ihm die Hand. Sein Puls schlug schnell und etwas leicht, aber regelmäßig. Doch seine Hand glühte, und es überraschte mich nicht im Mindesten, die rötlichen Streifen einer Blutvergiftung an seinem verletzten Bein hinauflaufen zu sehen.

Sie hatten den Fuß ausgewickelt, und Mr Dick hatte fraglos recht gehabt: Fuß stank.

»O mein Gott«, sagte Mrs Raven hinter mir, und es kam von Herzen.

Wundbrand hatte eingesetzt; zu dem Gestank und dem Gewebsverfall gesellte sich die Tatsache, dass die Zehen bereits schwarz wurden. Ich verschwendete keine Zeit damit, wütend auf Stactoe zu sein; angesichts der ursprünglichen Verletzung und der Behandlungsmöglichkeiten wäre ich vielleicht ebenfalls nicht in der Lage gewesen, ihn zu retten. So war mir der Wundbrand eigentlich sogar eine Hilfe; es stand außer Frage, dass eine Amputation unumgänglich war. Doch in diesem Fall fragte ich mich, worüber sie noch diskutierten.

»Ich gehe davon aus, dass Ihr unsere Meinung teilt, dass nur eine Amputation infrage kommt, Mrs Fraser?«, sagte der Leutnant im Tonfall sarkastischer Höflichkeit. »Ihr als Ärztin des Patienten?« Wie ich sah, hatte er seine Instrumente bereits auf einem Tuch ausgebreitet. Einigermaßen gepflegt; nicht ekelerregend verdreckt – aber eindeutig nicht sterilisiert.

»Natürlich«, sagte ich gelassen. »Es tut mir wirklich leid, Mr Ormiston, aber er hat recht. Und es wird Euch hinterher viel besser gehen. Mrs Raven, würdet Ihr mir einen Topf mit kochendem Wasser holen?« Ich wandte mich Denzell Hunter zu, der jetzt Mr Ormistons andere Hand ergriffen hatte und offenbar seinen Puls zählte.

»Seid Ihr anderer Meinung, Dr. Hunter?«

»Nein«, sagte er ruhig. »Unsere Unstimmigkeit gilt nur dem Grad der Amputation, nicht ihrer Notwendigkeit. Wozu ist denn das kochende Wasser gut, Freundin … Fraser?«, sagte er.

»Claire«, sagte ich knapp. »Zur Sterilisation der Instrumente. Zur Vorbeugung einer postoperativen Infektion. So weit wie möglich«, fügte ich in aller Aufrichtigkeit hinzu.

Stactoe stieß bei diesen Worten ein äußerst respektloses Geräusch aus, doch ich beachtete ihn nicht. »Was empfehlt Ihr denn, Dr. Hunter?«

»Denzell«, sagte er mit einem flüchtigen Lächeln. »Freund Stactoe wünscht, unterhalb des Knies zu amputieren –«

»Natürlich wünsche ich das!«, sagte Stactoe aufgebracht. »Ich möchte das Kniegelenk erhalten, und es gibt keinen Grund dafür, höher anzusetzen!«

»Es mag merkwürdig klingen, doch eigentlich bin ich Eurer Meinung«, sagte ich zu ihm, wandte mich dann aber wieder an Denzell Hunter. »Ihr nicht?«

Er schüttelte den Kopf und schob sich die Brille hoch.

»Wir müssen in der Mitte des Oberschenkels amputieren. Der Mann hat ein Poplitealaneurysma. Das bedeutet –«

»Ich weiß, was es bedeutet.« So war es, und ich tastete bereits Mr Ormistons Kniekehle ab. Er stieß ein schrilles Kichern aus, verstummte abrupt und wurde rot vor Verlegenheit. Ich lächelte ihn an.

»Entschuldigung, Mr Ormiston. Ich werde Euch nicht noch einmal kitzeln.«

Das war auch nicht nötig. Ich konnte das Aneurysma deutlich spüren, es pulste sanft unter meinen Fingern, eine große, feste Schwellung direkt in der Kniekehle. Er musste es schon lange haben; ein Wunder, dass es während der Seeschlacht oder auf dem strapaziösen Transport nach Ticonderoga nicht geplatzt war. In einem modernen Operationssaal wäre es vielleicht möglich gewesen, weiter unten zu amputieren und das Aneurysma zu beseitigen – nicht aber hier.

»Ihr habt recht, Freund Denzell«, sagte ich und richtete mich auf. »Sobald uns Mrs Raven das heiße Wasser bringt, können wir –« Doch die Männer hörten mir nicht zu. Sie starrten auf etwas in meinem Rücken. Ich drehte mich um und sah Guinea Dick, der wegen der Hitze nur einen Lendenschurz trug und sämtliche Tätowierungen seines schweißglänzenden Körpers zur Schau stellte, mit einer Glasflasche näher kommen, die er feierlich in beiden Händen trug.

»Der Käpt’n schickt dir etwas Grog, Joe«, sagte er zu Mr Ormiston.

»Oh, Gott hab den guten Käpt’n selig!«, sagte Mr Ormiston, von Herzen dankbar. Er griff nach der Rumflasche, zog mit den Zähnen den Korken heraus und begann zielstrebig zu schlucken.