Plätschergeräusche verkündeten Mrs Ravens Rückkehr mit dem Wasser. Über fast allen Kaminfeuern hing ein Kessel; es war nicht schwer, kochendes Wasser zu finden. Außerdem hatte die gute Seele auch einen Eimer kaltes Wasser mitgebracht, damit ich mir die Hände waschen konnte, ohne mich zu verbrühen.
Ich ergriff eines der kurzen, brutal aussehenden Amputationsmesser und machte gerade Anstalten, es in das heiße Wasser zu tauchen, als Leutnant Stactoe es mir entrüstet aus der Hand riss.
»Was macht Ihr denn da, Madam!«, rief er aus. »Das ist mein bestes Messer!«
»Ja, deshalb habe ich ja auch vor, es zu benutzen«, sagte ich. »Nachdem ich es gereinigt habe.«
Stactoe war ein kleiner Mann mit kurzen grauen Stoppelhaaren; er war sogar sechs oder sieben Zentimeter kleiner als ich, wie ich feststellte, als ich mich aufrichtete und ihm Auge in Auge gegenüberstand. Sein Gesicht verfärbte sich noch dunkler.
»Ihr werdet den Härtegrad des Stahls verändern, wenn Ihr es in kochendes Wasser taucht!«
»Nein«, sagte ich beherrscht – noch. »Heißes Wasser wird es nur reinigen. Und ich werde nicht mit einer verschmutzten Klinge Hand an diesen Mann legen.«
»Ach nein?« Ein Hauch von Genugtuung blitzte in seinen Augen auf, und er klammerte das Messer schützend an seine Brust. »Nun, dann werdet Ihr diese Arbeit wohl jenen überlassen müssen, die wissen, wie es geht, nicht wahr?«
Guinea Dick, der geblieben war, um zuzusehen, hatte den Verlauf des Streitgesprächs interessiert verfolgt. An diesem Punkt beugte er sich vor und nahm Stactoe das Messer aus der Hand.
»Käpt’n sagt, Joe ist ihre Sache«, sagte er ruhig. »Ist so.«
Stactoe klappte angesichts dieser groben Beleidigung seines Dienstranges vor Entrüstung der Mund auf. Er stürzte auf Dick zu, um ihm das Messer zu entreißen. Dick, dessen Reflexe durch jahrelange Stammeskriege und die Unbilden der britischen Seefahrt geschärft waren, hieb in der unübersehbaren Absicht nach Stactoe, diesem den Kopf abzutrennen. Dies wäre ihm wohl auch gelungen, hätte Denzell Hunter nicht ähnlich gute Reflexe gehabt und sich auf Dicks Arm gestürzt. Diesen verfehlte er zwar, doch es gelang ihm, den kräftigen Guineaner gegen Stactoe zu schubsen. Sie klammerten sich aneinander – nachdem Dick das Messer hatte fallen lassen – und stolperten einen Moment hin und her, bevor sie beide das Gleichgewicht verloren und gegen Ormistons Liege prallten, sodass sich der Patient, die Rumflasche, das heiße Wasser, Denzell Hunter und die restlichen Instrumente mit einem solchen Heidenlärm auf dem Steinboden verteilten, dass jedes Gespräch im Gebäude zum Erliegen kam.
»Oooh!«, sagte Mrs Raven in schockiertem Entzücken. Das Ganze entwickelte sich ja weitaus besser als erwartet.
»Denny!«, sagte eine nicht minder schockierte Stimme in meinem Rücken. »Was glaubst du, was du hier tust?«
»Ich … assistiere Freundin Claire bei einer Operation«, sagte Denzell nicht ohne Würde, während er sich hinsetzte und den Boden nach seiner Brille abtastete.
Rachel Hunter bückte sich und ergriff die flüchtige Brille, die über den Boden gerutscht war, und setzte sie ihrem Bruder wieder auf, den Blick argwöhnisch auf Leutnant Stactoe gerichtet, der sich langsam vom Boden erhob und dabei vor Wut so anschwoll, dass er an einen Heißluftballon erinnerte.
»Ihr«, sagte er mit heiserer Stimme und zeigte mit seinem kleinen, zitternden Finger auf Dick. »Ich werde Euch hängen lassen, weil Ihr einen Offizier angegriffen habt. Euch, Sir« – er schwenkte den anklagenden Finger in Denzells Richtung –, »lasse ich vor das Kriegsgericht stellen! Und was Euch betrifft, Madam –« Er spuckte mir das Wort entgegen, hielt dann aber inne, weil ihm spontan keine hinreichend furchtbare Drohung für mich einfiel. Dann sagte er: »Ich werde Euren Gatten bitten, Euch zu züchtigen!«
»Komm und kitzle mich, Schätzchen«, kam eine lallende Stimme vom Fußboden. Als ich meinen Blick senkte, sah ich, wie mich Mr Ormiston lüstern ansah. Er hatte die Rumflasche während des Sturzes nicht losgelassen, danach weiter daraus getrunken, und jetzt hieb er mit rumrotem Gesicht ziellos nach meinem Knie.
Leutnant Stactoe stieß ein Geräusch aus, das besagte, dass das Maß nun wirklich voll war. Hastig sammelte er seine am Boden verstreuten Instrumente ein und marschierte, vor Messern und Sägen strotzend, davon, wobei er hin und wieder im Gehen einen kleinen Gegenstand fallen ließ.
»Wolltest du etwas von mir, Schwesterchen?« Denzell Hunter war inzwischen wieder auf den Beinen und rückte die umgestürzte Liege zurecht.
»Weniger ich als vielmehr Mrs Brown«, sagte seine Schwester mit einem trockenen Unterton. »Sie sagt, es ist so weit, und sie will dich. Jetzt. Sofort.«
Er prustete kurz und sah mich an.
»Mrs Brown ist eine Hysterikerin, wie sie im Buche steht«, sagte er entschuldigend. »Ich bin überzeugt, dass sie noch einen Monat bis zur Entbindung hat, doch sie hat regelmäßig Senkwehen.«
»Ich kenne sie«, sagte ich und verkniff mir ein Lächeln. »Lieber Ihr als ich.« Mrs Brown war eine Hysterikerin. Außerdem war sie mit einem Milizoberst verheiratet und hatte daher – so meinte sie – etwas Besseres verdient als nur eine Hebamme. Da ihr zu Ohren gekommen war, dass Dr. Denzell Hunter mit Dr. John Hunter zusammengearbeitet hatte, der der Geburtshelfer der Königin war … Nun, offensichtlich wurden meine Dienste nicht mehr benötigt.
»Sie blutet doch nicht, und ihre Fruchtblase ist nicht geplatzt, oder?«, fragte Denzell seine Schwester mit resignierter Stimme. Guinea Dick, den die Auseinandersetzung nicht im Geringsten beeindruckt hatte, hatte die Bettwäsche zurück auf die Liege gelegt. Jetzt ging er in die Hocke, hob Mr Ormistons kräftige Gestalt hoch, als wäre er ein Federbett, und legte ihn mitsamt seiner Flasche darauf.
»Ist so weit, glaube ich«, verkündete er nach eingehender Betrachtung des Patienten, der jetzt mit geschlossenen Augen dalag und glückselig murmelte: »Noch ein bisschen tiefer, Schätzchen, aye, so ist’s gut, so ist’s gut …«
Denzell blickte hilflos von Mr Ormiston zu seiner Schwester und zu mir.
»Ich muss zu Mrs Brown gehen, auch wenn ich nicht glaube, dass es wirklich drängt. Kannst du noch ein wenig warten, und dann tue ich, was für dich getan werden muss?«
»Sie tut es«, sagte Dick mit finsterer Miene.
»Ja, das tut sie«, versicherte ich ihm und band mir das Haar zurück. »Womit sie es aber tut, ist eine andere Frage. Habt Ihr irgendwelche Instrumente, die ich vielleicht ausborgen könnte, Dr. – äh, Freund Denzell?«
Er rieb sich die Stirn und überlegte.
»Ich habe eine brauchbare Säge.« Er lächelte kurz. »Und ich habe nichts dagegen, wenn du sie auskochen möchtest. Aber keine stärkere Klinge. Soll ich Rachel bitten, einen der anderen Stabsärzte zu fragen?«
Bei diesem Vorschlag verschloss sich Rachels Gesicht ein wenig, und mir kam der Verdacht, dass Dr. Hunter vielleicht bei den anderen Ärzten wie ich nicht besonders beliebt war.
Ich betrachtete Mr Ormistons ausgesprochen stämmiges Bein, schätzte die Dicke der zu durchtrennenden Gewebeschicht ab und schob die Hand durch den Schlitz in meinem Rock zur Scheide meines Messers. Es war ein gutes, stabiles Messer, und Jamie hatte es just für mich geschliffen. Eine gekrümmte Klinge wäre zwar besser gewesen, doch zumindest hielt ich die Länge für ausreichend …
»Nein, spart Euch die Mühe. Ich glaube, hiermit wird es gehen. Wenn Ihr die Säge Eures Bruders holen könntet, Ms – äh, Rachel.« Ich lächelte sie an. »Und, Mrs Raven, das Wasser ist leider fort, würdet Ihr –«
»Oh, ja!«, rief sie aus. Sie ergriff den Topf und machte sich auf den Weg, dass es nur so klapperte, als sie eines von Leutnant Stactoes Überbleibseln beiseitetrat.