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Eine ganze Reihe von Leuten hatten das Drama um Mr Ormistons Fuß fasziniert verfolgt. Jetzt, da der Leutnant fort war, wagten sie sich allmählich näher heran, die Blicke angsterfüllt auf Guinea Dick gerichtet, der sie herzlich angrinste.

»Kann Mrs Brown nicht noch eine Viertelstunde warten?«, fragte ich Denzell. »Es wird etwas einfacher, wenn jemand, der weiß, was er tut, das Bein stützt, während ich schneide. Dick kann den Patienten festhalten.«

»Eine Viertelstunde?«

»Nun, die eigentliche Amputation wird etwas weniger als eine Minute dauern, wenn es keine Komplikationen gibt. Aber ich werde etwas Zeit für die Vorbereitung benötigen, und ich könnte Eure Hilfe brauchen, wenn ich hinterher die durchtrennten Blutgefäße verschließe. Wo ist eigentlich die Rumflasche geblieben?«

Denzells dunkle Augenbrauen stießen inzwischen fast an seinen Haaransatz, doch er wies auf Mr Ormiston, der laut schnarchend schlief und die Rumflasche im Arm hatte.

»Ich will ihn ja nicht trinken«, sagte ich trocken als Antwort auf seine Miene. Ich befreite die Flasche und goss etwas Rum auf einen sauberen Lappen, mit dem ich Mr Ormistons behaarten Oberschenkel abzuwischen begann. Der Leutnant hatte glücklicherweise sein Nähmaterial zurückgelassen, und das Instrument, über das Mrs Raven gestolpert war, war ein Tenakel. Dieses würde ich brauchen, um die Enden der durchtrennten Arterien zu fassen zu bekommen, die die ärgerliche Angewohnheit hatten, in das Gewebe zurückzuschießen und sich zu verstecken, während das Blut aus ihnen herausspritzte.

»Ah«, sagte Denzell immer noch verwundert, aber zur Mitarbeit bereit. »Ich verstehe. Kann ich … mithelfen?«

»Wenn ich Euren Gürtel zum Abbinden ausborgen dürfte?«

»Oh, ja«, murmelte er und öffnete, ohne zu zögern, die Schnalle, während er mich interessiert musterte. »Ich vermute, du hast das schon einmal gemacht.«

»Leider schon oft.« Ich beugte mich über Mr Ormiston, um seine Atmung zu kontrollieren, die zwar rasselte, aber nicht mühselig klang. Er hatte sich innerhalb von fünf Minuten fast die halbe Flasche einverleibt – eine Dosis, die jemanden, der weniger an Rum gewöhnt war als ein britischer Seemann, wahrscheinlich umgebracht hätte, doch seine Atmung, sein Puls und seine Durchblutung waren trotz des Fiebers hinreichend gut. Der Alkoholrausch war natürlich mit einer Anästhesie nicht zu vergleichen; der Patient war zwar betäubt, aber nicht bewusstlos, und er würde mit Sicherheit zu sich kommen, wenn ich zu schneiden begann. Doch Alkohol dämpfte die Angst, und vielleicht linderte er auch den unmittelbaren Schmerz ein wenig. Ich fragte mich, ob – und wann – ich wohl je wieder dazu kommen würde, Äther herzustellen.

In dem langen Raum standen ein paar Tische, auf denen sich Bandagen, Watte und andere Verbandsmaterialien türmten. Ich wählte einen ordentlichen Vorrat an relativ sauberem Material aus und kehrte im selben Moment an das Bett zurück, als auch Mrs Raven mit ihrem überschwappenden Wassertopf eintraf, keuchend und rot vor Aufregung, womöglich etwas verpasst zu haben. Kurz darauf kehrte auch Rachel Hunter keuchend – vor Eile – mit der Säge ihres Bruders zurück.

»Wenn Ihr das Sägeblatt bitte ins Wasser tauchen würdet, Freund Denzell?«, sagte ich und band mir einen Jutesack als Schürze um die Taille. Der Schweiß lief mir über den Rücken und kitzelte mich zwischen den Pobacken, und ich wickelte mir ein Stück einer Bandage als Schweißband um die Stirn, damit er mir bei der Arbeit nicht in die Augen rann. »Und die Flecken dort am Griff wegwischen würdet? Dann mein Messer und das Tenakel, bitte.«

Mit verwunderter Miene folgte er meinen Anweisungen, begleitet vom neugierigen Murmeln der Zuschauer, die eindeutig noch nie etwas so Seltsames gesehen hatten. Doch Mr Dicks bedrohliche Gegenwart hielt sie auf Abstand.

»Glaubst du, der Leutnant würde unseren Freund hier tatsächlich hängen lassen?«, flüsterte Denzell mir zu und wies kopfnickend auf Dick. »Und könnte er das überhaupt?«

»Ich bin mir sicher, dass er nichts lieber täte, aber eigentlich glaube ich es nicht, nein. Mr Dick ist schließlich ein englischer Kriegsgefangener. Glaubt Ihr, er kann Euch vors Kriegsgericht bringen?«

»Versuchen könnte er es zumindest«, sagte Denzell, den diese Vorstellung nicht zu beunruhigen schien. »Ich bin schließlich Angehöriger der Armee.«

»Wirklich?« Das erschien mir merkwürdig, doch er war nicht der erste Quäker, der mir – sozusagen – auf einem Schlachtfeld begegnete.

»Oh, ja. Aber ich glaube nicht, dass die Armee so viele Ärzte hat, dass sie es sich erlauben kann, einen davon zu hängen. Und eine Degradierung würde ja, glaube ich, nichts an meinen Fähigkeiten ändern.« Er lächelte mich fröhlich an. »Du hast schließlich gar keinen Dienstrang, wenn ich nicht irre, und doch vertraue ich darauf, dass dir dies gelingen wird.«

»So Gott will«, sagte ich, und er nickte ernst.

»So Gott will«, wiederholte er und reichte mir das Messer, das noch heiß war vom kochenden Wasser.

»Tretet besser ein wenig zurück«, sagte ich zu den Zuschauern. »Das gibt eine Sauerei.«

»Oje, oje, oje«, sagte Mrs Raven mit einem bebenden Seufzer der Vorfreude. »Wie durch und durch grauenvoll!«

Kapitel 45

Drei Pfeile

Mottville, Pennsylvania

10. Juni 1777

Grey fuhr plötzlich auf und hätte sich fast den Kopf an dem Balken gestoßen, der dicht über seinem Bett hinweglief. Sein Herz klopfte, Hals und Schläfen waren schweißnass, und im ersten Moment hatte er keine Ahnung, wo er war.

»Der dritte Pfeil«, sagte er laut und schüttelte den Kopf, um die Welt mit dem außerordentlich lebhaften Traum in Einklang zu bringen, aus dem er so abrupt aufgetaucht war.

War es ein Traum, eine Erinnerung oder ein Teil von beidem? Er hatte im großen Salon von Trois Flèches gestanden und den prächtigen Stubbs betrachtet, der zur Rechten des barocken Kamins hing. An den Wänden wimmelte es von Bildern – ein wildes Durcheinander ohne Rücksicht auf ihr Sujet oder ihren künstlerischen Wert.

War es so gewesen? Er erinnerte sich vage, sich von der übertriebenen Ausstattung der Räume gestört gefühlt zu haben. Doch hatten die Porträts wirklich so auf ihn eingewirkt, von oben, von unten, überall Gesichter?

In seinem Traum hatte Baron Amandine neben ihm gestanden und ihn mit seiner festen Schulter berührt; sie waren ungefähr gleich groß. Der Baron erzählte gerade etwas über eines der Gemälde, doch Grey konnte sich nicht mehr daran erinnern, was er gesagt hatte – irgendetwas über die Technik, die der Maler angewandt hatte, vielleicht.

Auf der anderen Seite stand Cecile Beauchamp, die Schwester des Barons, ebenfalls so dicht bei ihm, dass ihn ihre entblößte Schulter streifte. Sie trug Puder im Haar und Jasminparfum, der Baron ein barbarisches Duftwasser aus Bergamotte und Zibet. Er erinnerte sich – denn Träume waren doch wohl geruchlos? – daran, wie sich die schweren Düfte in der drückenden Wärme des Zimmers mit der Bitterkeit der Holzasche vermischt hatten, und daran, wie ihm von dieser Mischung leicht übel geworden war. Eine Hand hatte eine seiner Pobacken umfasst und vertraulich zugedrückt, um sie dann verführerisch zu streicheln. Er wusste nicht, wessen Hand es war.

Das hatte ihm der Traum nicht verraten.

Er legte sich langsam wieder auf sein Kissen zurück, schloss die Augen und versuchte, die Bilder seines schlafenden Kopfes zurückzuholen. Der Traum hatte danach einen erotischen Zug angenommen, ein Mund auf seiner höchst empfänglichen Haut; es waren diese Empfindungen gewesen, die ihn aus dem Schlaf gerissen hatten. Wessen Mund es war, wusste er auch nicht. Dr. Franklin war ebenfalls irgendwo aufgetaucht; Grey erinnerte sich an seine weißen, etwas durchhängenden, immer noch festen Pobacken, während der Mann vor ihm her durch einen Korridor schritt, das lange, lose graue Haar auf seinem knochigen Rücken, die losen Hautrollen an seiner Hüfte. Völlig ungeniert hatte er über die Bilder gesprochen, die auch im Korridor die Wände säumten. Es war eine sehr lebhafte, emotionale Erinnerung. Er hatte doch wohl nicht – nicht mit Franklin, nicht einmal im Traum. Doch es hatte irgendetwas mit den Bildern zu tun …