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Er versuchte, sich einige der Bilder ins Gedächtnis zu rufen, doch er wusste nicht mehr, was real war und was dem Reich der Träume entstammte. Landschaften … Ein Bild, das eine ägyptische Szene darstellen sollte, obwohl er bezweifelte, dass der Maler je etwas anderes gesehen hatte als die Küste der Bretagne. Die üblichen Familienporträts –

»Ja!« Er setzte sich abrupt auf, und diesmal stieß er sich den Kopf an dem Balken, so fest, dass er Sterne sah und einen Schmerzenslaut ausstieß.

»Onkel John?«, kam Dotties Stimme erschrocken aus dem anderen Bett, und das Rascheln der Bettwäsche am Boden deutete darauf hin, dass ihre Dienstmagd ebenfalls erwacht war. »Was ist passiert?«

»Nichts, nichts. Schlaf wieder ein.« Er schwang die Beine aus dem Bett. »Ich gehe nur … zum Abort.«

»Oh.« Gewühl und Murren am Boden, ein gestrenges Pssst! von Dottie. Er tastete sich zur Zimmertür vor, denn die Fensterläden waren geschlossen, und im Zimmer war es stockfinster. Das gedämpfte Licht des abgedeckten Feuers im Schankraum des Gasthauses wies ihm den Weg nach unten.

Draußen war die Luft frisch und kühl und mit einem Duft versetzt, den er nicht erkannte, der aber an seinem Gedächtnis zupfte. Es war eine große Erleichterung, den Kampf mit seinem widerspenstigen Traum aufzugeben und in diese ausschließlich sinnliche Erinnerung einzutauchen. Denn der Duft erinnerte ihn an lange Ausritte in Virginia, schlammige Straßen, frisches Laub, den Rhythmus eines Pferdes unter ihm, den Rückstoß eines Gewehrs, das heiße Blut eines Rehs, das sich über seine Hand ergoss – natürlich an die Jagd mit William.

Er spürte, wie ihn die Präsenz der Wildnis durchströmte, jenes unmittelbare, merkwürdige Bewusstsein, das es nur in Amerika gab: das Bewusstsein, dass zwischen den Bäumen etwas wartete – nicht feindselig, aber auch nicht mit offenen Armen. Er hatte diese wenigen Jahre in Virginia genossen, fern von den Intrigen Europas, der unablässigen Geselligkeit Londons. Vor allem aber hatte er sie wegen der Nähe zu seinem Sohn genossen, die sich in diesen Jahren in der Wildnis entwickelt hatte.

Bisher hatte er auf dieser Reise keine Glühwürmchen gesehen. Er ließ den Blick im Gehen über das dichte Gras schweifen, doch wahrscheinlich war es schon zu spät; Glühwürmchen schwärmen meistens am frühen Abend aus. Er freute sich schon darauf, sie Dottie zu zeigen. William war völlig verzaubert gewesen, als er zu Beginn ihres Aufenthalts in Virginia zum ersten Mal Glühwürmchen gesehen hatte – hatte eines gefangen und sich laut gefreut, als es in der dunklen Höhle seiner Hand zu leuchten begann. Jeden Sommer hatte er die Rückkehr der Glühwürmchen glücklich begrüßt.

Körperlich erleichtert und geistig zumindest ansatzweise beruhigt, setzte er sich langsam auf den Hackklotz im Innenhof des Wirtshauses. Noch war ihm nicht danach, in die stickige Finsternis des Zimmers zurückzukehren.

Wo mochte Henry sein?, fragte er sich. Wo schlief er heute Nacht? In irgendeinem Verlies? Nein, so etwas gab es in den Kolonien nun wirklich nicht. Selbst einfache Häuser waren bemerkenswert gemütlich und luftig. Vielleicht hielt man seinen Neffen in einem Gefängnis, einer Scheune, einem Keller fest – und doch hatte Henry, soweit er das wusste, trotz einer schweren Verletzung den Winter überlebt. Natürlich hatte er Geld; vielleicht hatte er sich ja eine bessere Unterkunft erkaufen können, vielleicht die Zuwendungen eines Arztes.

So Gott es wollte, würden sie ihn bald finden. Es waren höchstens noch zwei Tagesritte bis nach Philadelphia. Und er hatte ja Franklins Empfehlungsschreiben – schon wieder Franklin! Dieser verflixte Mensch und seine Luftbäder. Obwohl ihn Grey einmal aus Neugier dabei begleitet hatte und es seltsam angenehm, wenn auch etwas enervierend gefunden hatte, splitternackt in einem Raum zu sitzen, der mit eleganten Möbeln ausgestattet war, mit Topfpflanzen in den Ecken, Gemälden an den –

Nein. Es gab keine Gemälde im Wintergarten von Trois Flèches, natürlich nicht.

Da war sie wieder. Die Schwanzspitze seines flüchtigen Traums, die ihm verlockend unter einem Stein entgegenzuckte. Er schloss die Augen, füllte seine Lunge mit den Düften der Sommernacht und zwang seinen Kopf, sich zu leeren.

Trois Flèches. Drei Pfeile. Wer ist der dritte? Die Worte aus Hals Brief tauchten vor den Innenseiten seiner Augenlider auf, und er war so verblüfft, dass er die Augen öffnete. Obwohl er an Hals umständliche Gedankengänge gewöhnt war, hatte er sich damals nicht viel dabei gedacht. Offenbar hatte die Zeile jedoch in seinem Unterbewusstsein Wurzeln geschlagen, um jetzt mitten in der Nacht und mitten in der Einöde aus den Tiefen eines absurden Traums aufzutauchen. Warum?

Er rieb sich vorsichtig den Scheitel, der von seinem Zusammenstoß mit dem Holzbalken schmerzte, auch wenn keine Verletzung zu spüren war. Unbewusst wanderten seine Finger zu der Stelle hinunter, an der Jamie Frasers Frau die Trepanieröffnung in seinem Schädel mit einem flach gehämmerten Sixpencestück verschlossen hatte. Sie hatte die Haut darüber sehr geschickt vernäht, sodass die Haare wieder gewachsen waren, doch die kleine Wölbung darunter war leicht zu spüren. Er dachte nur selten daran und spürte die Stelle lediglich bei kaltem Wetter, wenn das Metall deutlich kalt wurde und er manchmal Kopfschmerzen davon bekam oder ihm die Nase lief.

Es war kalt, sehr kalt gewesen, als er Trois Flèches besuchte. Der Gedanke schwebte ihm durch den Kopf wie eine Motte.

Hinter dem Haus waren Geräusche zu hören. Hufgeklapper auf dem festgetretenen Boden, Stimmengemurmel. Er regte sich nicht.

Der Mond war auf halbem Weg zum Horizont; es war zwar spät, doch bis zum Morgengrauen waren es noch Stunden. Niemand sollte um diese Zeit etwas zu erledigen haben, es sei denn, es war etwas Ungehöriges. Etwas, das er nicht mit ansehen wollte – ganz zu schweigen davon, dass jemand womöglich bemerkte, wie er es mit ansah.

Doch sie kamen näher; er konnte sich nicht entfernen, ohne dass man ihn sah, und unterdrückte stattdessen sogar seine Atmung bis auf einen winzigen Lufthauch.

Drei Männer, wortlos, entschlossen, zu Pferd. Der eine führte ein voll beladenes Maultier am Strick. Sie zogen nicht mehr als zwei Schritte von ihm entfernt vorüber, und falls ihre Pferde ihn wahrnahmen, empfanden sie ihn nicht als Bedrohung. Sie bogen in die Straße ein, die nach Philadelphia führte. Warum so geheimnistuerisch?, fragte er sich, doch er verlor nicht viel Zeit mit dieser Frage. Es war ihm schon im Jahr zuvor bei seiner Rückkehr nach North Carolina aufgefallen: eine morbide Erregung, ein ungutes Gefühl, das sogar in der Luft selbst zu liegen schien. Hier war es noch deutlicher zu spüren; es war ihm schon seit ihrer Landung bewusst.

Die Menschen waren ungewohnt argwöhnisch. Sie wissen nicht mehr, wem sie trauen können, dachte er. Also trauen sie niemandem.

Bei diesem Gedanken musste er schlagartig an Percy Wainwright denken. Wenn es auf der ganzen Welt jemanden gibt, dem ich weniger traue …

Und dann war es einfach so da. Das Bild Percys, der dunkeläugig und lächelnd mit dem Finger über das Weinglas fuhr, als streichelte er Grey, und beiläufig sagte: »Ich bin mit einer der Schwestern des Barons Amandine verheiratet …«

»Mit einer der Schwestern«, flüsterte Grey, und der Traum kristallisierte sich in seinem Kopf, das Gefühl der kalten Steine von Trois Flèches so deutlich, dass er erschauerte, obwohl die Nacht überhaupt nicht kalt war. Spürte die Wärme dieser beiden lasziven, drängenden Körper, die sich von beiden Seiten an ihn pressten. Und nebenan an der Wand ein kleines Gemälde mit drei Kindern, zwei Mädchen, ein Junge, die mit einem Hund posierten, und hinter ihnen waren die Außenmauern von Trois Flèches zu erkennen.