Die zweite Schwester. Der dritte Pfeil, den Hal zwar nie gesehen hatte, dank seines untrüglichen Gespürs für das Kuriose aber dennoch bemerkt hatte.
Die Beauchamps waren ein uraltes Adelsgeschlecht – und wie die meisten derartigen Familien lenkten sie die Aufmerksamkeit oft, wenn auch beiläufig, auf sich selbst. Während seines Besuchs hatte er alles Mögliche über Vettern, Onkel, Tanten und entfernte Verwandte gehört … doch nicht ein Wort über die zweite Schwester.
Es war natürlich möglich, dass sie im Kindbett gestorben war; so etwas kam häufig vor. Doch wenn das der Fall war, warum hätte Percy sagen sollen …?
Jetzt bekam er doch noch Kopfschmerzen. Seufzend erhob er sich und ging ins Haus. Er hatte zwar noch keine Ahnung, wo oder wann – aber er würde noch einmal mit Percy sprechen müssen. Angewidert stellte er fest, dass ihn diese Aussicht nicht im Mindesten alarmierte.
Kapitel 46
Energielinien
Brianna machte am Unterwasseraquarium halt. Zwar war jetzt keine Laichsaison, wenn die Lachse – so hatte man ihr gesagt – in Schwärmen durch die Becken der Fischleiter schwammen, die es ihnen ermöglichten, den Staudamm bei Pitlochry zu überwinden, doch hin und wieder schoss ein silberner Blitz so plötzlich, dass ihr das Herz stehen blieb, durch ihr Blickfeld und kämpfte einen Moment lang gegen den Strom an, bevor er in die Röhre schwamm, die zur nächsten Stufe der Leiter führte. Das Aquarium selbst war ein weißes Gebäude, das in die Seitenwand der Leiter eingelassen war und dessen Fenster mit Algen bewachsen war. Sie hatte hier angehalten, um ihre Gedanken zu sammeln – oder vielmehr, um einige davon zu unterdrücken –, bevor sie zum Damm fuhr.
Es war Unsinn, sich Gedanken über ein Ereignis zu machen, das bereits stattgefunden hatte. Und sie wusste, dass ihren Eltern nichts zugestoßen war. Oder zumindest, verbesserte sie, dass sie aus Fort Ticonderoga fortgekommen waren; es war schließlich noch eine ganze Reihe von Briefen übrig.
Und sie konnte diese Briefe jederzeit lesen, um es herauszufinden. Das machte das Ganze ja so lächerlich. Wahrscheinlich machte sie sich im Grunde keine Sorgen. Nur … Gedanken. Die Briefe waren etwas Wundervolles. Gleichzeitig war ihr jedoch nur allzu sehr bewusst, wie viel selbst der detaillierteste Brief auslassen musste. Und Rogers Buch zufolge hatte General Burgoyne Kanada Anfang Juni verlassen, um nach Süden zu marschieren und zu General Howe zu stoßen, womit die Kolonien im Grunde in zwei Hälften zerschnitten wären. Und am 6. Juli 1777 hatte er haltgemacht, um Fort Ticonderoga anzugreifen. Was –
»Coimhead air sin!«, sagte eine Stimme hinter ihr. Erschrocken fuhr sie herum und sah Rob Cameron, der aufgeregt auf das Aquariumfenster zeigte. Als sie sich wieder umdrehte, sah sie einen gewaltigen silbernen Fisch mit schwarz geflecktem Rücken heftig gegen die Strömung ausholen, bevor er in der Röhre verschwand.
»Nach e sin an rud as brèagha a chunnaic thu riamh?«, sagte er, und sein Gesicht war voller Staunen. Ist das nicht das Schönste, was Sie je gesehen haben?
»Cha mhór!«, erwiderte sie argwöhnisch, doch auch sie musste einfach lächeln. Beinahe.
Sein Lächeln verblasste nicht, wurde aber persönlicher, als er sich jetzt auf sie konzentrierte.
»Dann sprechen Sie also tatsächlich Gälisch! Mein Vetter hat es mir erzählt, aber ich konnte es nicht so recht glauben. Und Ihr Gälisch klingt ein bisschen so wie auf den Inseln, Barra vielleicht oder Uist.«
»Mein Vater war Schotte«, sagte sie. »Ich habe es von ihm.«
Seine Miene änderte sich, und er sah sie an, als wäre sie ein neuartiger Fisch, den er gerade von seinem Haken gezogen hatte.
»Ach ja? Hier aus der Gegend? Wie heißt er denn?«
»James Fraser«, erwiderte sie. Ungefährlich, davon gab es Dutzende. »Und ›hieß‹. Er ist … nicht mehr unter uns.«
»Ach, wie traurig«, sagte er mitfühlend und berührte flüchtig ihren Arm. »Habe meinen Vater letztes Jahr verloren. Hart, nicht wahr?«
»Ja«, sagte sie knapp und setzte sich in Bewegung, um an ihm vorbeizugehen. Sofort drehte er sich um und ging mit.
»Sie haben auch Kinder, hat Roger gesagt?« Sie machte eine überraschte Bewegung, und er lächelte sie von der Seite her an. »Habe ihn bei den Freimaurern kennengelernt. Netter Kerl.«
»Ja, das ist er«, sagte sie misstrauisch. Roger hatte ihr nichts von der Begegnung mit Rob erzählt, und sie fragte sich, warum nicht. Er hatte sich ja offensichtlich so lange mit Rob unterhalten, dass dieser wusste, dass sie verheiratet waren und Kinder hatten. Rob verfolgte das Thema jedoch nicht weiter, sondern reckte sich und warf den Kopf in den Nacken.
»Gahhh … viel zu schön, um den Tag an einem Damm zu verbringen. Ich wünschte, ich könnte auf dem Wasser sein.« Er wies kopfnickend auf den sprudelnden Fluss, wo ein halbes Dutzend Angler mit der räuberischen Konzentration von Reihern in den Wellen stand. »Fischen Sie oder Roger vielleicht?«
»Früher«, sagte sie und spürte, wie ihr die Erinnerung an den Schwung der Angelrute in ihren Händen einen kleinen Stoß durch die Nervenenden sandte. »Sie?«
»Aye, ich habe einen Angelschein für Rothiemurchus.« Er sah stolz aus, als sei das etwas Besonderes, daher stieß sie ein beifälliges Geräusch aus. Seine Karamellaugen betrachteten sie lächelnd von der Seite. »Falls Sie einmal mitkommen möchten, brauchen Sie es nur zu sagen. Boss.« Plötzlich grinste er sie an, sorglos und charmant, und ging dann pfeifend vor ihr her in das Verwaltungsgebäude am Damm.
Eine Energielinie ist eine vermutete Verbindung zwischen zwei auffallenden geografischen Punkten, üblicherweise ein antikes Monument oder ein Megalith. Es gibt eine ganze Reihe von Theorien über Energielinien, und die Meinungen darüber, ob sie tatsächlich ein existierendes Phänomen oder nur ein Artefakt sind, gehen weit auseinander.
Damit will ich sagen, dass man, wenn man zwei beliebige Punkte nimmt, die für Menschen von Interesse sind, sehr wahrscheinlich einen Weg findet, der sie verbindet, ganz gleich, was es für Punkte sind. Es gibt zum Beispiel eine mehrspurige Straße von London nach Edinburgh, weil viele Menschen zwischen den beiden Städten hin- und herfahren, doch dies bezeichnet man normalerweise nicht als Energielinie. Was die Leute mit diesem Wort üblicherweise meinen, ist ein antiker Weg, der zum Beispiel von einem aufrechten Stein zu einer alten Abtei führt, die wiederum wahrscheinlich an einem sehr viel älteren Ort der Anbetung erbaut wurde.
Da es über die offensichtliche Existenz solcher Linien hinaus nicht viele objektive Indizien gibt, wird eine Menge Blödsinn darüber geredet. Manche Menschen glauben, dass die Linien eine magische oder mystische Bedeutung haben. Ich selbst sehe dafür keinen Grund, genauso wenig wie Eure Mutter, die schließlich Wissenschaftlerin ist. Allerdings ändert auch die Wissenschaft hin und wieder ihre Meinung, und es kommt vor, dass Dinge, die nach Zauberei aussehen, in Wirklichkeit eine wissenschaftliche Erklärung haben.
Unter den Theorien bezüglich der Energielinien gibt es allerdings eine, die zumindest möglicherweise eine Grundlage in der Physik hat. Wenn Ihr das hier lest, wisst Ihr vielleicht schon, was ein Rutengänger ist; ich werde Euch einen Rundgang mit einer solchen Person unternehmen lassen, sobald sich die Gelegenheit dazu ergibt. Doch nur für den Fall des Falles – ein Rutengänger ist ein Mensch, der unterirdische Wasser- oder manchmal auch Metallvorkommen wie das Erz in Minen aufspüren kann. Manche von ihnen benutzen dazu einen y-förmigen Stock oder Metallstab oder einen anderen Gegenstand, mit dem sie das Wasser ausmachen, manche spüren es einfach so. Die Grundlage für diese Kunst ist nicht bekannt; Eure Mutter sagt, Occam zufolge erkennen solche Menschen schlichtweg die typische Geologie, in der unterirdische Quellen am wahrscheinlichsten sind. Doch ich habe schon öfter Rutengänger bei der Arbeit beobachtet und bin mir ziemlich sicher, dass mehr an der ganzen Sache ist – vor allem im Hinblick auf die Theorien, von denen ich Euch hier berichte.