Er musste lächeln.
»Nein, da mache ich mir auch keine allzu großen Sorgen. Aber die Notizbücher – aye, ich weiß, was du meinst. Und ich habe bereits daran gedacht, sie vielleicht selbst durchzugehen und die Notizen zu filtern. Sie hat eine Menge darüber geschrieben, welche Steinkreise aktiv zu sein scheinen, und das ist ja hilfreich. Denn der Rest ist einfach nur …« Er suchte mit einer Handbewegung nach dem richtigen Wort.
»Gruselig«, half sie aus.
»Ich wollte eigentlich sagen, es ist so, als sähe man aus nächster Nähe zu, wie jemand allmählich den Verstand verliert, aber ›gruselig‹ trifft es ebenso.« Er nahm ihr die Blätter ab und klopfte sie zusammen. »Es ist nur eine Akademikermarotte, denke ich. Ich fühle mich unwohl dabei, eine Primärquelle zu unterschlagen.«
Sie prustete, doch diesmal mit einem Unterton, der besagte, dass sie sich Geillis Duncan höchstens als Primärquelle für Schwierigkeiten vorstellen konnte. Dennoch …
»Das kann ich verstehen«, sagte sie widerstrebend. »Aber vielleicht könntest du ja eine Zusammenfassung schreiben und einfach nur erwähnen, wo die Notizbücher sind, falls irgendwann doch einmal jemand richtig neugierig wird.«
»Keine schlechte Idee.« Er legte die Blätter in sein Notizbuch, klappte es zu und erhob sich. »Dann fahre ich sie holen, vielleicht in den Schulferien. Ich könnte Jem mitnehmen und ihm die Stadt zeigen; er ist alt genug für einen Spaziergang auf der Royal Mile, und das Schloss findet er bestimmt toll.«
»Zeig ihm bloß nicht das Verlies!«, warnte sie sofort, und er brach in breites Grinsen aus.
»Was, findest du Wachsfiguren gefolterter Menschen etwa nicht lehrreich? Es ist schließlich alles historisch verbrieft, aye?«
»Es wäre um einiges weniger schrecklich, wenn es das nicht wäre«, sagte sie. Als sie sich abwandte, fiel ihr Blick auf die Wanduhr. »Roger! Solltest du nicht um zwei in der Schule deinen Gälisch-Vortrag halten?«
Er blickte ungläubig auf die Uhr, schnappte sich den Berg mit den Büchern und Papieren auf seinem Schreibtisch und schoss unter einem ausgesprochen eloquenten gälischen Wortschwall aus dem Zimmer.
Als sie in den Flur trat, sah sie noch, wie er Mandy einen flüchtigen Kuss gab und zur Tür hastete. Mandy stand in der offenen Tür und winkte ihm fröhlich nach.
»Wiedersehn, Papi!«, rief sie. »Bwing mir Eis mit!«
»Wenn er es vergisst, fahren wir nach dem Essen in den Ort und holen uns eines«, versprach Brianna und bückte sich, um ihre Tochter aufzuheben. Dann stand sie mit Mandy da und sah zu, wie Rogers antiker orangefarbener Mini hustete, ruckte, sich schüttelte und schließlich mit einem kleinen blauen Qualmrülpser ansprang. Stirnrunzelnd dachte sie, dass sie ihm neue Zündkerzen kaufen musste, doch sie winkte, als er sich an der Ecke der Einfahrt aus dem Fenster lehnte und ihnen zulächelte.
Mandy kuschelte sich an sie und murmelte eine von Rogers ausgewählten gälischen Phrasen, die sie offensichtlich auswendig lernen wollte. Brianna beugte den Kopf über sie und atmete ihren süßen Duft nach Johnson’s Babyshampoo und schmuddeligem Kind ein. Zweifellos war es die Erwähnung von Geillis Duncan, die an ihrer anhaltenden Beklommenheit schuld war. Die Frau war zwar ein für alle Mal tot, doch schließlich … war sie Rogers Urahnin. Und vielleicht war ja die Fähigkeit zur Zeitreise nicht das Einzige, was sich über die Generationen hinweg vererbte.
Obwohl manche Dinge sicher mit der Zeit verwässert wurden. Roger beispielweise hatte nichts mit William Buccleigh MacKenzie gemeinsam, Geillis’ Sohn mit Dougal MacKenzie – dem Mann, der dafür verantwortlich war, dass man Roger gehängt hatte.
»Sohn einer Hexe«, murmelte sie. »Ich hoffe, du schmorst in der Hölle.«
»Böses Wort, Mami«, sagte Mandy tadelnd.
Es ging besser, als er zu hoffen gewagt hatte. Das Klassenzimmer war vollgestopft mit Kindern, einer Reihe von Eltern und sogar ein paar Großeltern, die sich an den Wänden drängten. Er erlebte einen kurzen Moment des Schwindelgefühls – keine Panik und kein Lampenfieber, sondern das Gefühl, in eine tiefe Schlucht zu blicken, deren Boden er nicht sehen konnte –, den er noch aus seiner Zeit als Folksänger kannte. Er holte tief Luft, legte den Stapel mit den Büchern und Papieren hin, lächelte sie an und sagte:»Feasgar math!«
Mehr war nicht nötig; kaum waren die ersten Worte gesprochen – oder gesungen –, und schon war es so, als fasste man an einen Stromdraht. Energie floss zwischen ihm und den Zuhörern hin und her, und die nächsten Worte schienen aus dem Nichts zu kommen und ihn zu durchströmen wie die tosenden Wassermassen in einer von Briannas gigantischen Turbinen.
Nach ein paar einführenden Worten widmete er sich dem Thema »Fluchen auf Gälisch«, denn er wusste ja, warum die meisten der Kinder hier waren. Ein paar Eltern zogen zwar die Augenbrauen hoch, doch in den Gesichtern der Großeltern machte sich ein leises, vielsagendes Lächeln breit.
»Es gibt im Gälischen keine Schimpfwörter wie im Englischen«, sagte er und grinste den frechen Blondschopf in der zweiten Reihe an. Das musste der kleine Glasscock sein, der zu Jemmy gesagt hatte, er würde in die Hölle kommen.
»Tut mir leid, Jimmy. Das heißt aber nicht, dass man den Leuten nicht trotzdem ordentlich die Meinung sagen kann«, fuhr er fort, als das Gelächter verstummte. »Aber gälische Flüche sind eine Kunstform, keine Frage der Grobheit.« Das brachte auch die alten Leute zum Lachen, und mehrere Kinder wandten ihren Großeltern erstaunt die Köpfe zu.
»Ich habe zum Beispiel einmal gehört, wie ein Farmer, dem ein Schwein in die Maische geraten war, zu dem Tier gesagt hat, dass er hoffte, seine Gedärme würden ihm aus dem Bauch platzen und von den Krähen gefressen werden.«
Ein beeindrucktes »Ooh!« seitens der Kinder, und er fuhr lächelnd fort, ihnen sorgsam redigierte Fassungen einiger besonders kreativer Flüche zu präsentieren, die er bei seinem Schwiegervater aufgeschnappt hatte. Unnötig hinzuzufügen, dass es trotz des Mangels an Schimpfwörtern möglich war, jemanden als »Tochter einer Hündin« zu bezeichnen, wenn man etwas wirklich Böses sagen wollte. Wenn die Kinder wissen wollten, was Jem tatsächlich zu Miss Glendenning gesagt hatte, mussten sie ihn selbst fragen. Wenn sie das nicht längst getan hatten.
Dann ließ er eine ernstere – aber schnelle – Beschreibung des Gaeltacht folgen, jener Region Schottlands, wo traditionell Gälisch gesprochen wurde, und erzählte ein paar Anekdoten darüber, wie er als Teenager auf den Heringsbooten im Minch Gälisch gelernt hatte – einschließlich der vollständigen Rede, die ein aufgebrachter Kapitän Taylor gehalten hatte, als ein Sturm sein bevorzugtes Hummernest leer gefegt und sämtliche Reusen mitgenommen hatte (ein Beispiel seiner Eloquenz, das er mit erhobener Faust an die See, den Himmel, die Besatzung und die Hummer gerichtet hatte). Wieder lagen sie fast am Boden vor Lachen, und ein paar der alten Knacker in der letzten Reihe flüsterten grinsend miteinander, denn offensichtlich hatten sie schon Ähnliches erlebt.
»Aber Gaidhlig ist eine Sprache«, sagte er, als das Gelächter ein weiteres Mal verstummt war. »Und das heißt, es dient vor allem der Verständigung – dazu, dass sich Menschen miteinander unterhalten können. Wie viele von euch haben schon einmal Wechselgesänge gehört? Walklieder?«
Interessiertes Gemurmel; einige ja, andere nicht. Also erklärte er ihnen, wie Wolle gewalkt wurde: »Die Frauen haben alle zusammengearbeitet, den nassen Wollstoff zu kneten, um ihn wind- und wasserfest zu machen – denn früher gab es ja noch keine Regenmäntel oder Gummistiefel, und die Leute mussten sich Tag und Nacht bei jedem Wetter im Freien aufhalten können, um sich um ihr Vieh oder ihre Häuser zu kümmern.« Seine Stimme war inzwischen gut aufgewärmt; er glaubte, dass er ein kurzes Walklied wohl überstehen würde. Also schlug er seinen Ordner auf, sang ihnen die erste Strophe und den Refrain vor und ließ sie das Ganze dann wiederholen. Sie schafften vier Strophen, dann begann er die Anstrengung zu spüren und kam zum Ende.