»Das hat meine Großmutter immer gesungen«, entfuhr es einer Mutter impulsiv. Dann wurde sie puterrot, weil alle sie ansahen.
»Lebt Ihre Großmutter noch?«, fragte Roger, und als sie schüchtern nickte, sagte er: »Ja, dann – bitten Sie sie, es Ihnen beizubringen, dann können Sie es Ihren Kindern beibringen. So etwas sollte nicht verloren gehen, aye?«
Leise gemurmelte, halb überraschte Zustimmung, und wieder lächelte er und hob das zerfledderte Gebetbuch hoch, das er mitgebracht hatte.
»Gut. Dann habe ich noch von Wechselgesängen gesprochen. Auf den Inseln hört man so etwas sonntags noch in der Kirche. Sie brauchen zum Beispiel nur nach Stornoway zu fahren. Es ist eine Art des Psalmengesangs, der auf eine Zeit zurückgeht, als die Leute noch nicht viele Bücher hatten – und auch noch nicht viele Gemeindemitglieder lesen konnten. Es gab also einen Vorsänger, der den Psalm Zeile für Zeile sang und die Gemeinde antworten ließ. Dieses Buch« – er hielt das Gebetbuch hoch – »hat meinem Vater gehört, Reverend Wakefield; einige von Ihnen erinnern sich vielleicht noch an ihn. Ursprünglich jedoch hat es einem anderen Prediger gehört, Reverend Alexander Carmichael. Und er …« Und er erzählte ihnen von Reverend Carmichael, der im neunzehnten Jahrhundert die Highlands und die Inseln durchkämmt hatte. Er hatte die Leute angesprochen und sie gedrängt, ihm ihre Lieder vorzusingen und ihnen von ihren Gebräuchen zu erzählen. So hatte er mündlich überlieferte »Lieder, Sprüche und Gesänge« gesammelt, wo immer er sie finden konnte, und dieses große, mehrbändige wissenschaftliche Werk veröffentlicht, das Carmina Gadelica genannt wurde.
Er hatte einen Band der Gadelica mitgebracht, und während er das alte Liederbuch zusammen mit einem Heftchen mit Walkliedern, die er selbst zusammengetragen hatte, durch die Klasse wandern ließ, las er ihnen eine Beschwörungsformel für den Neumond vor, eine für die Verdauung der Wiederkäuer, die Ballade vom Käfer und einige Passagen aus der »Ansprache der Vögel«.
Columba trat hinaus
Eines frühen milden Morgens;
Sah einen weißen Schwan,
»Lug, Trug«,
Unten am Strand,
»Lug, Trug«,
Todesklage sang,
»Lug, Trug«.
Ein weißer Schwan, verwundet, verwundet,
Ein weißer Schwan, verletzt, verletzt,
Der weiße Schwan der zwei Visionen,
»Lug, Trug«,
Der weiße Schwan der zwei Omen,
»Lug, Trug«,
Leben und Tod,
»Lug, Trug«,
»Lug, Trug«.
Wann gehst du fort,
Schwan der Trauer?
Sagt Columba in Liebe,
»Lug, Trug«,
Aus Erin schwamm ich,
»Lug, Trug«,
Fiann verletzt’ mich,
»Lug, Trug«,
Die scharfe Wunde meines Todes,
»Lug, Trug«,
»Lug, Trug«.
Weißer Schwan von Erin,
Ich bin der Freund in der Not;
Das Auge Christi auf deiner Wunde,
»Lug, Trug«,
Das Auge des Herzens und der Gnade,
»Lug, Trug«,
Das Auge der Güte und der Liebe,
»Lug, Trug«.
Das dich heilt,
»Lug, Trug«,
»Lug, Trug«.
Schwan von Erin,
»Lug, Trug«,
Nichts soll dir geschehen,
»Lug, Trug«,
Heil sei deine Wunde,
»Lug, Trug«.
Herrin der Wogen,
»Lug, Trug«,
Herrin der Klage,
»Lug, Trug«,
Herrin der Lieder,
»Lug, Trug«.
Christus sei der Ruhm,
»Lug, Trug«,
Dem Sohn der Jungfrau,
»Lug, Trug«,
Dem König der Könige,
»Lug, Trug«,
Ihm singe dein Lied,
»Lug, Trug«,
Ihm singe dein Lied,
»Lug, Trug«,
»Lug, Trug«.
Sein Hals schmerzte schier unerträglich von den Schwanenrufen, vom leisen Klagen des verwundeten Schwans bis hin zum Triumph der letzten Worte, bei denen sich seine Stimme dann doch überschlug, aber es war dennoch ein Triumph, und die Klasse brach in Applaus aus. Von seinen Halsschmerzen und seinen Gefühlen überwältigt, verschlug es ihm tatsächlich zunächst die Sprache. Also verbeugte er sich und lächelte, verbeugte sich erneut und reichte Jimmy Glasscock den Bücherstapel, um ihn herumzureichen, während die Zuhörer auf ihn zustürmten, um ihn zu beglückwünschen.
»Mann, das war großartig!«, sagte eine Stimme, die ihm irgendwie bekannt vorkam, und als er aufblickte, sah er, dass die Hand, die die seine schüttelte, Rob Cameron gehörte, dessen Augen vor Begeisterung leuchteten. Roger musste ein überraschtes Gesicht gemacht haben, denn Rob wies kopfnickend auf den kleinen Jungen an seiner Seite: Bobby Hurragh, den Roger aus dem Chor kannte. Ein herzerweichend klarer Sopran – und ein kleiner Teufel, wenn man ihn nicht genau im Auge behielt.
»Ich bin mit Bobby hier«, sagte Rob, der – wie Roger bemerkte – die Hand des Kindes nicht losließ. »Meine Schwester musste heute arbeiten und konnte sich nicht freinehmen. Sie ist Witwe«, fügte er hinzu, um zu erklären, warum Bobbys Mutter nicht da war und er eingesprungen war.
»Danke«, brachte Roger krächzend heraus, doch Cameron schüttelte ihm nur erneut die Hand und machte dann dem nächsten Gratulanten Platz.
In der Menge befand sich eine Frau in den mittleren Jahren, die er nicht kannte, die ihn jedoch erkannte.
»Mein Mann und ich haben Sie einmal in Inverness auf einem Festival singen hören«, sagte sie mit gebildeter Aussprache, »obwohl Sie damals noch den Namen Ihres verstorbenen Vaters benutzt haben, nicht wahr?«
»Ja«, quakte er wie ein Ochsenfrosch, denn mehr gab seine Stimme im Moment nicht her. »Sie – Sie haben – ein Enkelkind?« Er wies mit einer vagen Handbewegung auf die summende Kinderschar, die sich um eine ältere Dame drängte, die ihnen rot vor Vergnügen die Aussprache einiger der seltsamen Worte in einem Märchenbuch erklärte.
»Ja«, sagte die Frau, die sich aber nicht vom eigentlichen Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit ablenken ließ, nämlich der Narbe an seinem Hals. »Was ist passiert?«, fragte sie mitfühlend. »Ist es für immer?«
»Ein Unfall«, sagte er. »Ich fürchte, ja.«
Bestürzung zog ihr die Augenwinkel kraus, und sie schüttelte den Kopf.
»Oh, wie schade«, sagte sie. »Sie hatten so eine herrliche Stimme. Es tut mir so leid.«
»Danke«, sagte er, weil es alles war, was er sagen konnte, und sie überließ ihn dem Lob der Leute, die ihn nie singen gehört hatten. Vorher.
Hinterher bedankte er sich bei Lionel Menzies, der an der Tür stand, um die Leute zu verabschieden, und strahlte wie ein Zirkusdirektor nach einer erfolgreichen Vorstellung.
»Das war großartig«, sagte Menzies und nahm ihn überschwänglich bei der Hand. »Noch besser, als ich gehofft hatte. Sagen Sie, könnten Sie sich vorstellen, es noch einmal zu machen?«
»Noch einmal?« Er lachte, brach aber hustend ab. »Ich habe es ja diesmal schon nur mit Mühe überlebt.«
»Ach.« Menzies winkte ab. »Ein ordentlicher Tropfen bringt Ihren Hals schon wieder in Ordnung. Kommen Sie doch noch mit in den Pub, ja?«
Roger war schon im Begriff abzulehnen, doch Menzies’ Gesicht leuchtete so sehr vor Freude, dass er es sich anders überlegte. Die Tatsache, dass er in Schweiß gebadet war – Auftritte ließen seine Körpertemperatur immer um mehrere Grad steigen – und Durst hatte wie ein Reisender in der Wüste Gobi, hatte damit natürlich nichts zu tun.