»Also gut, ein Glas«, sagte er und lächelte.
Als sie den Parkplatz überquerten, wurden sie von einem zerbeulten blauen Kleinlaster überholt. Rob Cameron streckte den Kopf aus dem Fenster und rief ihnen etwas zu.
»Hat es dir gefallen, Rob?«, fragte Menzies, der immer noch strahlte.
»Absolut«, sagte Cameron, der es ernst zu meinen schien. »Zwei Dinge – ich wollte Sie fragen, ob Sie mir vielleicht ein paar von Ihren alten Liedern zeigen würden; Siegfried MacLeod hat mir die Lieder gezeigt, die Sie für ihn aufgeschrieben haben.«
Roger war ein wenig verblüfft, aber angenehm überrascht.
»Aye, natürlich«, sagte er. »Ich wusste ja gar nicht, dass Sie auf so etwas stehen«, scherzte er.
»Oh, ich liebe die alten Lieder«, sagte Cameron ausnahmsweise ernsthaft. »Ich würde es wirklich zu schätzen wissen.«
»Also schön. Kommen Sie doch bei uns vorbei, vielleicht nächstes Wochenende?«
Rob grinste und salutierte ihm knapp.
»Halt – hatten Sie nicht gesagt, zwei Dinge?«, fragte Menzies.
»Oh, aye.« Cameron streckte die Hand aus und ergriff etwas, das zwischen ihm und Bobby auf dem Sitz lag. »Das war mit bei den gälischen Büchern, die Sie herumgereicht haben. Aber ich hatte das Gefühl, dass es aus Versehen dabei war, also habe ich es herausgenommen. Sie schreiben wohl einen Roman, wie?«
Er reichte das schwarze Notizbuch mit dem »Anhalter« aus dem Fenster, und Rogers Hals schnürte sich zu, als hätte man ihn garottiert. Er nahm das Notizbuch an sich und nickte sprachlos.
»Vielleicht darf ich es ja lesen, wenn es fertig ist«, sagte Cameron beiläufig und legte einen Gang ein. »Ich liebe Science-Fiction.«
Der Laster fuhr los, dann blieb er noch einmal stehen und setzte zurück. Roger nahm das Notizbuch fester in die Hand, doch Rob würdigte es keines Blickes mehr.
»Hey«, sagte er. »Das habe ich ganz vergessen. Ihre Frau sagt, Sie haben eine alte Steinfestung oder so etwas auf Ihrem Grundstück?«
Roger nickte und räusperte sich.
»Ich habe einen Freund, der Archäologe ist. Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn er vorbeikommt und einen Blick darauf wirft?«
»Nein«, krächzte Roger. Dann räusperte er sich noch einmal und sagte mit festerer Stimme: »Nein, das wäre schön. Danke.«
Rob grinste ihn fröhlich an und trat aufs Gas.
»Keine Ursache, Kumpel«, sagte er.
Kapitel 47
Höhenlagen
Robs Freund, der Archäologe Michael Callahan, entpuppte sich als sympathischer Kerl Mitte fünfzig mit schütterem blondem Haar, der so oft Sonnenbrand gehabt hatte, dass sein Gesicht mit den dunklen Sommersprossen zwischen Stellen, an denen die Haut roh und hellrosa war, wie ein Flickenteppich aussah. Er zeigte sich sehr interessiert, während er zwischen den zusammengefallenen Steinen des alten Kirchleins umherwieselte, und bat Roger um die Erlaubnis, an einer Außenmauer einen Graben anlegen zu dürfen.
Rob, Brianna und die Kinder kamen kurz nach oben gestiegen, um zuzusehen, doch die Arbeit eines Archäologen ist nicht massentauglich, und als es Jem und Mandy zu langweilig wurde, stiegen sie alle wieder zum Haus hinunter, um das Mittagessen vorzubereiten, sodass Roger und Mike sich selbst überlassen blieben.
»Ich brauche Sie nicht unbedingt«, sagte Callahan nach einer Weile und blickte zu Roger auf. »Falls Sie zu tun haben.«
Er hatte immer zu tun – es war schließlich eine Farm, wenn auch eine kleine –, doch Roger schüttelte den Kopf.
»Es interessiert mich«, sagte er. »Wenn ich Ihnen nicht im Weg bin …?«
»Ganz und gar nicht«, versicherte Callahan vergnügt. »Dann kommen Sie her, und helfen Sie mir, das hier hochzuheben.«
Callahan pfiff und murmelte während der Arbeit vor sich hin, ließ Roger aber weitgehend im Dunkeln darüber, wonach er suchte. Hin und wieder bat er Roger, ihm zu helfen, etwas Schutt beiseitezuräumen oder einen instabilen Stein festzuhalten, während Callahan mit einer kleinen Taschenlampe darunterblickte, doch die meiste Zeit saß Roger auf dem Mauerstück, das noch intakt war, und lauschte dem Wind.
Es war still auf dem Hügel, die Stille der Wildnis, die ständig unauffällig in Bewegung war, und ihm kam der Gedanke, dass das eigentlich seltsam war. Normalerweise hatten Orte, an denen Menschen gelebt hatten, diese Ausstrahlung nicht, und aus der Tiefe von Callahans Graben und seinen gelegentlichen neugierigen Äffchenpfiffen konnte er schließen, dass auf diesem Gipfel schon sehr lange Menschen zugange waren.
Brianna brachte ihnen Brote und Limonade und setzte sich zum Essen neben Roger auf die Mauer.
»Ist Rob weg?«, fragte Roger, weil ihm auffiel, dass der Laster nicht mehr auf dem Hof stand.
»Er hat gesagt, er hätte ein paar Dinge zu erledigen. Er meinte, es hätte ja nicht so ausgesehen, als würde Mike hier bald fertig sein«, sagte sie und warf einen Blick auf Callahans Hosenboden, der aus einem Busch hervorlugte, unter dem er munter buddelte.
»Das kann schon sein«, sagte Roger lächelnd. Er beugte sich vor und küsste sie flüchtig. Sie stieß einen leisen, zufriedenen Kehllaut aus und trat einen Schritt zurück, hielt seine Hand aber noch einen Moment fest.
»Rob hat mich nach den alten Liedern gefragt, die du für MacLeod aufgeschrieben hast«, sagte sie und warf einen Seitenblick auf das Haus. »Hast du ihm gesagt, er könnte sie sehen?«
»Oh, aye, das hatte ich ganz vergessen. Wenn ich nicht unten bin, wenn er zurückkommt, kannst du sie ihm zeigen. Die Originale sind in der unteren Aktenschublade in einem Ordner, auf dem Cèolas steht.«
Sie nickte und stieg wieder nach unten. Ihre schlanken Füße bewegten sich in Turnschuhen so sicher wie die eines Rehs über den steinigen Pfad, und der Zopf, der ihr über den Rücken fiel, hatte die Fellfarbe ebendieses Rehs.
Während der Nachmittag weiter voranschritt, ertappte er sich dabei, dass er in einen Zustand verfiel, der dem der Trance nicht unähnlich war. Seine Gedanken bewegten sich träge, und sein Körper war auch nicht viel schneller. Wenn er gebraucht wurde, half er gemächlich aus, wechselte aber kaum ein Wort mit Callahan, dem es ganz ähnlich zu gehen schien. Der leichte Dunst des Vormittags hatte sich verdichtet, und die kühlen Schatten zwischen den Steinen verblassten gemeinsam mit dem Licht. Die Luft war kühl und legte sich wie Wasser auf seine Haut, doch er hatte nicht das Gefühl, dass es regnen würde. Man konnte beinahe spüren, wie sich die Steine ringsum erhoben, dachte er, und wieder zu dem wurden, was sie einmal waren.
Unten im Haus herrschte reges Kommen und Gehen: Türen schlugen zu, Brianna hängte die Wäsche auf, die Kinder und ein paar Jungen von der Nachbarfarm, die bei Jem übernachten wollten, rannten überall auf dem Hof herum und spielten lautstark Fangen. Ihr fröhliches Kreischen stieg schrill und scharf wie die Rufe der Fischadler zu ihm auf. Einmal sah er den Lieferwagen des Landmarktes, der wahrscheinlich die Pumpe für die Zentrifuge brachte, denn Roger sah, wie Brianna den Fahrer, der mit dem großen Karton in seinen Armen nichts sehen konnte, in die Scheune lotste.
Gegen fünf kam eine kräftige Brise auf, und der Dunst begann, sich zu zerstreuen. Als sei dies ein Signal, das Callahan aus seinem Traum aufweckte, richtete sich der Archäologe auf, stand einen Moment mit gesenktem Blick da und nickte dann.
»Also, es ist gut möglich, dass es ein sehr alter Fundort ist«, sagte er. Er kletterte aus seinem Graben und beugte sich stöhnend hin und her, um seinen Rücken zu dehnen. »Das Gebäude selbst aber nicht. Wahrscheinlich wurde es irgendwann im Lauf der letzten paar Hundert Jahre erbaut, obwohl sein Erbauer Steine benutzt hat, die sehr viel älter sind. Wahrscheinlich hat er sie herbeitransportiert, obwohl es auch sein kann, dass einige von einem älteren Gebäude stammen, das hier einmal gestanden hat.« Er lächelte Roger an. »Die Leute in den Highlands verschwenden nichts; letzte Woche habe ich eine Scheune gesehen, in deren Fundament ein antiker piktischer Stein verbaut worden war, und der Fußboden bestand aus Ziegelsteinen von einer abgerissenen öffentlichen Toilette in Dornoch.«