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Callahan hielt sich die Hand über die Augen und spähte nach Westen, wo der Dunstschleier jetzt über der fernen See hing.

»Höhenlagen«, sagte er nüchtern. »Sie haben sich damals immer Höhenlagen ausgesucht. Ob es eine Festung war oder ein Ort der Anbetung; sie sind immer in die Höhe gestiegen.«

»Damals?«, fragte Roger und spürte ein kurzes Prickeln im Nacken. »Wann damals?«

Callahan schüttelte den Kopf.

»Weiß nicht. Vielleicht die Pikten – alles, was wir von ihnen haben, sind die Steinmetzarbeiten, die sie hier und dort hinterlassen haben – oder ihre Vorgänger. Manchmal sieht man einfach Dinge, von denen man weiß, dass sie von Menschenhand geschaffen – oder zumindest an diesen Ort geschafft – wurden, die man aber keiner bekannten Kultur zuordnen kann. Die Megalithen zum Beispiel – die Steinkreise. Niemand weiß, wer sie aufgestellt hat oder wozu.«

»Ist das so«, murmelte Roger. »Können Sie denn sagen, was für ein Ort das hier gewesen ist? Verteidigung oder Anbetung, meine ich?«

Callahan schnaubte bedauernd.

»An der Oberfläche kann ich das nicht erkennen. Möglicherweise, wenn man das ausgraben würde, was darunterliegt. Es gibt Hunderte von Fundstellen wie diese an höher gelegenen Orten auf den ganzen Britischen Inseln und auch in der Bretagne – etliche davon keltischen Ursprungs oder aus der Eisenzeit, viele noch viel älter.« Er hob den angeschlagenen Heiligenkopf auf und strich mit einer Art Zuneigung darüber.

»Diese Dame hier ist sehr viel jünger, vielleicht dreizehntes, vierzehntes Jahrhundert. Vielleicht die Schutzpatronin der Familie, die über die Jahre weitervererbt wurde.« Er drückte dem Kopf einen kurzen, unbefangenen Kuss auf die Stirn und reichte ihn sanft an Roger weiter.

»Trotzdem kann man wahrscheinlich sagen – und das ist keine wissenschaftliche Erkenntnis, nur meine persönliche Meinung, nachdem ich ja schon einige solcher Stellen gesehen habe –, wenn das jüngste Gebäude eine Kapelle war, dann war der ältere Fundort darunter wahrscheinlich ebenfalls ein Ort der Anbetung. Die Menschen in den Highlands sind Gewohnheitstiere. Sie bauen vielleicht alle zwei- oder dreihundert Jahre eine neue Scheune –, aber man kann fast darauf wetten, dass sie genau dort stehen wird, wo die alte auch war.«

Roger lachte.

»Das stimmt wohl. Unsere Scheune ist noch das Original – sie ist zusammen mit dem Haus im frühen achtzehnten Jahrhundert gebaut worden. Aber ich habe darunter die Steine einer älteren Kate gefunden, als ich den Fußboden aufgebuddelt habe, um einen neuen Kanal zu legen.«

»Achtzehntes Jahrhundert? Dann können Sie Ihr Dach ja noch hundert Jahre behalten.«

Es war fast sechs, aber immer noch heller Tag. Der Dunst war jetzt auf mysteriöse Weise völlig verschwunden, und eine blasse Sonne war zum Vorschein gekommen. Roger zeichnete der Statue mit dem Daumen ein kleines Kreuz auf die Stirn und stellte den Kopf behutsam wieder in die Nische, die dafür vorgesehen zu sein schien. Sie waren hier fertig, doch noch machte keiner der beiden Männer Anstalten zu gehen. Jeder von ihnen fühlte sich wohl in der Gesellschaft des anderen, und sie teilten den Zauber dieses Ortes.

Unten sah er, dass Rob Camerons zerbeulter Laster erneut auf dem Hof parkte. Rob selbst saß auf der hinteren Eingangstreppe, und Mandy, Jem und Jems Freunde beugten sich zu beiden Seiten über seine Schultern, offensichtlich ganz in die Blätter in seiner Hand vertieft. Was zum Teufel machte er da?

»Singt da jemand?« Callahan, der den Blick nach Norden gerichtet hatte, drehte sich halb um, und jetzt hörte es Roger auch. Schwach und lieblich, nicht mehr als der Hauch eines Klangs, doch genug, um die Melodie von »Crimond« auszumachen.

Der Stich der Eifersucht, der ihn durchfuhr, raubte ihm den Atem, und er spürte, wie sich seine Kehle verschloss, als ob ihn jemand würgte.

Die Eifersucht ist grausam wie das Grab: Ihre Kohlen brennen wie Feuer.

Er schloss einen Moment die Augen und atmete langsam und tief ein, und mit etwas Anstrengung holte er den ersten Teil dieses Zitats zum Vorschein: Die Liebe ist so mächtig wie der Tod.

Er spürte, wie das Erstickungsgefühl schwächer wurde und die Vernunft wieder Einkehr hielt. Natürlich konnte Rob Cameron singen; er war im Männerchor. Es war doch klar, dass er versuchen würde, die simplen Tonfassungen zu singen, die Roger für einige der alten Lieder niedergeschrieben hatte. Und Kinder – vor allem seine Kinder – liebten die Musik.

»Kennen Sie Rob eigentlich schon lange?«, fragte er und war froh, dass seine Stimme dabei ganz normal klang.

»Oh, Rob?« Callahan überlegte. »Vielleicht fünfzehn Jahre … Nein, das ist gelogen, eher zwanzig. Er war als Freiwilliger bei einer Ausgrabung dabei, die ich auf Shapinsay geleitet habe – das ist eine der Orkneyinseln –, da war er aber noch ein Junge, lange noch keine zwanzig.« Er sah Roger freundlich, aber scharfsinnig an. »Warum?«

Roger zuckte mit den Schultern.

»Er ist ein Kollege meiner Frau, bei Hydro-Electric. Ich selbst kenne ihn kaum. Habe ihn erst kürzlich bei den Freimaurern kennengelernt.«

»Ah.« Callahan beobachtete einen Moment lang schweigend die Szene unten auf dem Hof. Ohne Roger anzusehen, sagte er dann: »Er ist mit einer Französin verheiratet gewesen. Sie hat sich vor ein paar Jahren scheiden lassen und ist mit ihrem Sohn zurück nach Frankreich gezogen. Seitdem ist er unglücklich.«

»Ah.« Das erklärte natürlich, warum Rob so an der Familie seiner verwitweten Schwester hing und warum er sich so gern mit Jem und Mandy beschäftigte. Er atmete noch einmal tief durch, befreiter jetzt, und das Flämmchen der Eifersucht erlosch.

Als hätte dieser kurze Wortwechsel einen Schlusspunkt unter den Tag gesetzt, ergriffen sie die Überreste ihres Mittagessens und Callahans Rucksack und stiegen kameradschaftlich schweigend den Hügel hinunter.

»Was ist denn das?« Auf der Arbeitsplatte standen zwei Weingläser. »Haben wir etwas zu feiern?«

»Ja«, sagte Brianna entschlossen. »Erstens, dass die Kinder gleich ins Bett gehen.«

»Oh, waren sie so anstrengend?« Er empfand einen kleinen Gewissensbiss, weil er den Nachmittag gemeinsam mit Callahan in lichter Höhe bei der Ruine der Kapelle verbracht hatte, statt kleine Verrückte aus dem Gemüsegarten zu verscheuchen.

»Nur ziemlich unermüdlich.« Sie warf einen argwöhnischen Blick zur Flurtür, durch die das gedämpfte Dröhnen des Fernsehers im Wohnzimmer drang. »Ich hoffe, dass sie zu erschöpft sind, um die Nacht mit Trampolinspringen auf den Betten zu verbringen. Sie haben genug Pizza gegessen, um sechs ausgewachsene Männer für eine Woche ins Koma zu befördern.«

Er lachte – er hatte selbst fast eine ganze Salamipizza verdrückt und fühlte sich allmählich angenehm benommen.

»Und was noch?«

»Oh, was wir noch feiern?« Sie sah ihn an wie eine Katze, die an der Sahne genascht hat. »Also, was mich betrifft …«

»Ja?«, sagte er gehorsamst.

»Ich habe die Probezeit überstanden; ich bin jetzt fest angestellt, und sie können mich nicht feuern, selbst wenn ich Parfum zur Arbeit trage. Und du«, fügte sie hinzu und griff in eine Schublade, um ihm einen Umschlag hinzulegen, »hast eine offizielle Einladung von der Schulbehörde, deinen gälischen Triumph nächsten Monat in fünf verschiedenen Schulen zu wiederholen!«

Im ersten Moment erschrak er, doch dann durchströmte ihn etwas Warmes, das er nicht ganz zuordnen konnte, bis er noch erschrockener begriff, dass er errötete.

»Wirklich?«

»Meinst du, ich würde mit so etwas scherzen?« Ohne eine Antwort abzuwarten, schenkte sie den Wein ein, dunkelrot und aromatisch, und reichte ihm ein Glas. Er stieß feierlich mit ihr an.

»Auf uns, auf uns. Wer ist wie wir?«

»Nicht viele, nicht viele«, erwiderte sie mit breitem schottischem Akzent. »Und die sind alle tot.«