Oben ging es zwar noch eine Weile lautstark zu, nachdem sie die Kinder ins Bett geschickt hatten, doch Roger setzte dem Toben mit einem kurzen Auftritt als gestrenger Vater ein Ende, und die Geräusche gingen in Geschichten und unterdrücktes Kichern über.
»Erzählen sie sich schmutzige Witze?«, fragte Brianna, als er wieder nach unten kam.
»Sehr wahrscheinlich. Meinst du, ich soll Mandy nach unten holen?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Wahrscheinlich schläft sie ja schon. Und wenn nicht, werden ihr die Witze, die sich neunjährige Jungen erzählen, wohl kaum bleibende Schäden zufügen. Sie ist noch nicht alt genug, um die Pointen zu behalten.«
»Das stimmt.« Roger hatte sich nachgeschenkt und nahm jetzt sein Glas, um daran zu nippen. Der Wein glitt ihm weich über die Zunge, um sie ihm dann mit den Aromen schwarzer Johannisbeeren und schwarzen Tees zusammenzuziehen.
»Prost«, sagte er und hielt ihr sein Glas entgegen.
»Slàinte.«
Er schloss die Augen und atmete den Wein genauso ein, wie er ihn trank. Allmählich kam ihm die angenehme Illusion, dass er Briannas Körperwärme spüren konnte, obwohl sie ein ganzes Stück von ihm entfernt saß. Sie schien langsam pulsierende Hitzewellen zu verströmen.
»Wie nennt man das, wenn man weit entfernte Sterne findet?«
»Teleskop«, sagte sie. »Du kannst doch nicht von einer halben Flasche Wein betrunken sein, auch wenn er gut ist.«
»Nein, das meine ich ja auch nicht. Es gibt einen Ausdruck dafür – Hitzesignatur? Klingt das richtig?«
Sie schloss ein Auge und überlegte, dann zuckte sie mit den Schultern.
»Vielleicht. Warum?«
»Du hast eine.«
Sie blinzelte an sich hinunter.
»Nein. Zwei. Definitiv zwei.«
Er war nicht betrunken, und sie war es auch nicht, doch was immer es war, es war sehr lustig.
»Eine Hitzesignatur«, sagte er und streckte den Arm aus, um ihre Hand zu ergreifen. Sie war viel wärmer als die seine, und er konnte spüren, wie die Hitze in ihren Fingern im andauernden Rhythmus ihres Pulsschlags zunahm und wieder schwächer wurde. »Ich könnte dich mit verbundenen Augen in einer Menschenmenge ausmachen; du leuchtest im Dunklen.«
Sie stellte ihr Glas beiseite, glitt von ihrem Stuhl und kniete sich zwischen seine Beine, ohne seinen Körper jedoch zu berühren. Sie leuchtete tatsächlich. Wenn er die Augen schloss, konnte er es noch durch ihre weiße Bluse hindurch sehen.
Er leerte sein Glas.
»Toller Wein. Woher hast du ihn?«
»Rob hat ihn mitgebracht – als Dankeschön, weil er die Lieder abschreiben durfte.«
»Netter Kerl«, sagte er großzügig. Im Moment empfand er es sogar so.
Brianna griff nach der Weinflasche und goss Roger den Rest ins Glas. Dann ging sie in die Hocke und schielte ihn an, die Weinflasche an ihre Brust geklammert.
»Hey. Du schuldest mir noch etwas.«
»Schon klar«, versicherte er ihr ernst, und sie musste kichern.
»Nein«, sagte sie, als sie sich wieder gesammelt hatte. »Du hast gesagt, wenn ich meinen Bauhelm mit nach Hause bringe, erzählst du mir, was du mit der Champagnerflasche vorhattest. Ich meine, als du darauf herumgetrötet hast.«
»Ah.« Er überlegte einen Moment – es war durchaus möglich, dass sie mit der Weinflasche auf ihn losgehen würde, wenn er es ihr erzählte, aber abgemacht war schließlich abgemacht – und das Bild vor seinem inneren Auge, Brianna, nackt bis auf den Bauhelm, während sie in alle Richtungen Hitze aussandte, hätte jeden Mann die Vorsicht in den Wind schießen lassen.
»Ich wollte ausprobieren, ob ich die genaue Tonhöhe der Geräusche treffen kann, die du machst, wenn wir miteinander schlafen und du kurz davor bist zu … äh … zu … es ist irgendwo zwischen einem Knurren und einem ganz tiefen Summlaut.«
Ihr Mund öffnete sich ein wenig, ihre Augen ein wenig mehr. Ihre Zungenspitze war tief dunkelrot.
»Ich glaube, es ist das F unter dem mittleren C«, schloss er hastig. Sie blinzelte.
»Das ist ein Scherz.«
»Nein.« Er ergriff sein halb volles Glas und hielt es vorsichtig schräg, sodass die Kante ihre Unterlippe berührte. Sie schloss die Augen und trank langsam. Er strich ihr das Haar hinter das Ohr und wanderte dann langsam mit dem Finger über ihren Hals, sah die Bewegung ihrer Kehle, als sie schluckte, fuhr mit der Fingerspitze über den kräftigen Bogen ihres Schlüsselbeins.
»Du wirst wärmer«, flüsterte sie, ohne die Augen zu öffnen. »Wenden wir den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik an?«
»Und der wäre?«, sagte er, und auch seine Stimme war jetzt leiser.
»Wärme kann nicht von selbst von einem Körper niedriger Temperatur auf einen Körper höherer Temperatur übergehen.«
»Oh, aye.«
»Mmm-hmm. Deswegen gibt ein warmer Körper Energie an einen kälteren ab, bis sie die gleiche Temperatur haben.«
»Ich wusste doch, dass es dafür einen Grund geben muss.« Oben war es jetzt still geworden, und seine Stimme kam ihm laut vor, obwohl er flüsterte.
Ihre Augen öffneten sich plötzlich dicht vor den seinen, und ihr Johannisbeeratem auf seiner Wange war so warm wie seine Haut. Die Flasche landete mit einem sanften Plumps auf dem Teppich.
»Wollen wir sehen, ob du auch ein Es triffst?«
Kapitel 48
Henry
14. Juni 1777
Er hatte es Dottie verboten, ihn zu begleiten. Er wusste ja nicht, was er vorfinden würde. Die Adresse, zu der man ihn geschickt hatte, lag in einer bescheidenen Straße in Germantown, doch das Haus war geräumig und gepflegt, auch wenn es nicht besonders groß war.
Er klopfte an die Tür und wurde von einer hübschen jungen Afrikanerin begrüßt, die ein Kalikokleid trug und bei seinem Anblick große Augen bekam. Er hatte es für besser gehalten, nicht in Uniform zu gehen, obwohl man hier und dort Männer in britischen Uniformen auf der Straße antraf, freigelassene Kriegsgefangene vermutlich oder Soldaten in offiziellen Botendiensten. Stattdessen hatte er einen guten flaschengrünen Anzug gewählt, dazu seine beste Weste, die aus goldener Chinaseide geschneidert und mit modischen Schmetterlingen bestickt war. Er lächelte, und die Frau erwiderte sein Lächeln, hielt sich aber die Hand vor den Mund, um es zu verbergen.
»Kann ich Euch helfen, Sir?«
»Ist Euer Herr daheim?«
Sie lachte. Leise und sehr belustigt.
»Gottes Segen, Sir, ich habe keinen Herrn. Das Haus gehört mir.«
Er blinzelte bestürzt.
»Vielleicht hat man mich ja falsch informiert. Ich bin auf der Suche nach einem britischen Soldaten, Hauptmann Vicomte Asher – Henry Grey ist sein Name. Ein britischer Kriegsgefangener?«
Sie ließ die Hand sinken und starrte ihn mit großen Augen an. Dann kehrte das Lächeln zurück, so breit, dass ihre beiden vergoldeten Backenzähne sichtbar wurden.
»Henry! Nun, warum habt Ihr das nicht gleich gesagt, Sir? Kommt herein, kommt herein!«
Und bevor er seinen Stock abstellen konnte, hatte man ihn ins Haus gezogen und über eine enge Treppe in ein kleines, ordentliches Schlafzimmer geschoben, wo er seinen Neffen Henry entdeckte, der mit nacktem Oberkörper auf dem Rücken lag, während ihm ein kleiner, schwarz gekleideter Mann mit einem Vogelgesicht auf dem Bauch herumstocherte – der mit einer Reihe brutal aussehender Narben überzogen war.
»Ich bitte um Verzeihung?« Er blickte dem vogelgesichtigen Mann über die Schulter und winkte zaghaft. »Wie geht es dir, Henry?«
Henry, dessen Augen angespannt zur Decke gerichtet gewesen waren, sah ihn an, wandte den Blick ab, sah ihn noch einmal an und setzte sich dann abrupt auf, eine Bewegung, die einen Protestruf der kleinen Person und einen Schmerzenslaut aus Henrys Mund nach sich zog.
»O Gott, o Gott, o Gott.« Henry krümmte sich, die Arme vor den Bauch geschlagen und das Gesicht schmerzverzerrt. Grey packte ihn an den Schultern, um ihn wieder hinzulegen.
»Henry, mein Lieber. Verzeih mir. Ich wollte dir nicht –«