»Und wer seid Ihr, Sir?«, fragte der Vogelmann wütend, bevor er sich aufrichtete und sich mit geballten Fäusten vor Grey aufbaute.
»Ich bin sein Onkel«, teilte Grey ihm knapp mit. »Wer seid Ihr denn, Sir? Ein Arzt?«
Der kleine Mann richtete sich würdevoll auf.
»Nun, nein, Sir. Ich bin Rutengänger. Joseph Hunnicutt, Sir, von Profession Rutengänger.«
Henry saß immer noch vornübergebeugt und keuchend da, doch er schien jetzt wieder ein wenig zu Atem zu kommen. Grey berührte sanft seinen entblößten Rücken. Die Haut war warm und ein wenig verschwitzt, doch er schien kein Fieber zu haben.
»Es tut mir leid, Henry«, sagte er. »Meinst du, du wirst es überleben?«
Henry stieß immerhin einen atemlosen Lacher hervor.
»Das wird schon«, brachte er heraus. »Nur … es dauert … eine Minute.«
Die Frau mit dem hübschen Gesicht stand an der Tür und ließ Grey nicht aus den Augen.
»Dieser Mann sagt, er ist dein Onkel, Henry. Ist das so?«
Henry nickte keuchend. »Lord John … Grey. Darf ich dir Mrs Mercy Wood … cock vorstellen?«
Grey verneigte sich korrekt und kam sich ein klein wenig lächerlich vor.
»Euer Diener, Ma’am. Und der Eure, Mr Hunnicutt«, fügte er höflich hinzu und verbeugte sich erneut.
»Darf ich fragen«, sagte er, als er sich wieder aufrichtete, »warum dir ein Rutengänger auf dem Bauch herumstochert, Henry?«
»Nun, natürlich, um das Metallstück zu finden, das dem armen jungen Mann solchen Kummer bereitet«, sagte Mr Hunnicutt und sah Grey von unten herauf an.
»Ich habe ihn rufen lassen, Sir – Eure Lordschaft, meine ich.« Mrs Woodcock war jetzt in das Zimmer getreten und sah ihn entschuldigend an. »Die Chirurgen haben einfach nichts gefunden, und ich hatte solche Angst, dass sie ihn beim nächsten Mal umbringen würden.«
Henry war es jetzt gelungen, sich aufzurichten. Grey ließ ihn langsam zurücksinken, bis er blass und verschwitzt auf seinem Kissen lag.
»Ich könnte es nicht noch einmal ertragen«, sagte er und schloss kurz die Augen. »Ich kann es nicht.«
Jetzt, da Henrys Bauch zu sehen war und Grey ihn ungehindert betrachten konnte, sah er die wulstigen Narben zweier Schusswunden und die längeren, geradlinigen Narben, die ein Chirurg beim Graben nach Metallteilen hinterlassen hatte. Drei Stück. Grey hatte selbst fünf solcher Narben auf der linken Brustseite, und er berührte seinen Neffen mitfühlend an der Hand.
»Ist es denn wirklich notwendig, die Kugel – oder die Kugeln – zu entfernen?«, fragte er, indem er zu Mrs Woodcock aufblickte. »Wenn er bis jetzt überlebt hat, steckt die Kugel ja vielleicht an einer Stelle fest, wo –«
Doch Mrs Woodcock schüttelte entschlossen den Kopf.
»Er kann nicht essen«, sagte sie unverblümt. »Er kann nichts schlucken außer Suppe und auch davon nicht sehr viel. Er war kaum mehr als Haut und Knochen, als sie ihn zu mir gebracht haben«, sagte sie und wies auf Henry. »Und Ihr könnt ja sehen, dass er immer noch nicht viel mehr ist.«
Das stimmte. Henry schlug nach seiner Mutter, nicht nach Hal. Eigentlich hatte er eine gesunde Gesichtsfarbe und war ziemlich kräftig gebaut. Von beidem war im Moment nichts zu sehen; man konnte seine Rippen zählen, sein Bauch war so eingesunken, dass sich seine Hüftknochen unter dem Leintuch abmalten, und sein Gesicht hatte in etwa den gleichen Farbton wie besagtes Leintuch, abgesehen von den tiefvioletten Ringen unter seinen Augen.
»Ich verstehe«, sagte Grey langsam. Er sah Mr Hunnicutt an. »Habt Ihr schon etwas entdecken können?«
»Nun, das habe ich«, sagte der Rutengänger. Er beugte sich über Henry und legte ihm seinen langen, dünnen Finger sacht auf den Bauch. »Zumindest eine Stelle. Bei der anderen bin ich mir noch nicht sicher.«
»Ich habe doch gesagt, es ist sinnlos, Mercy.« Henrys Augen waren geschlossen, doch seine Hand hob sich leicht, und Mrs Woodcock ergriff sie mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass Grey blinzeln musste. »Selbst wenn er sich sicher wäre – ich kann es nicht noch einmal aushalten. Lieber sterbe ich.« Trotz seiner Schwäche sprach er im Brustton der Überzeugung, und Grey erkannte die angeborene Sturheit der Greys.
Mrs Woodcock hatte das hübsche Gesicht sorgenvoll verzogen. Sie schien Greys Blick zu spüren, denn sie blickte kurz zu ihm auf. Seine Miene blieb unverändert, und sie hob das Kinn und sah ihm mit einem Ausdruck in die Augen, der etwas an eine Löwin erinnerte, ohne Henrys Hand loszulassen.
Oh, so ist das also, wie?, dachte Grey. Soso.
Er hüstelte, und Henry öffnete die Augen.
»Wie dem auch sei, Henry«, sagte er, »bitte sei so gut und stirb nicht, bevor ich nicht deine Schwester geholt habe, damit sie dir Lebewohl sagen kann.«
Kapitel 49
Bedenken
Die Indianer machten ihm Sorgen. General Burgoyne fand sie faszinierend. Aber General Burgoyne schrieb ja auch Theaterstücke.
Es ist nicht so, schrieb William langsam in dem Brief an seinen Vater, den er gerade verfasste, während er um die richtigen Worte für seine Bedenken rang, dass ich ihn für einen Fantasten halte oder glaube, dass er sich nicht über die eigentliche Natur der Indianer im Klaren ist, mit denen er zu tun hat. Er weiß sie genau einzuschätzen. Aber ich erinnere mich an eine Unterhaltung mit Mr Garrick in London, in deren Verlauf dieser den Stückeschreiber als kleinen Gott bezeichnete, der die Handlungen seiner Geschöpfe lenkt und absolute Kontrolle über sie ausübt. Mrs Cowley hat ihm widersprochen und gesagt, es sei eine Fehlannahme zu glauben, dass der Schöpfer seine Geschöpfe kontrolliert, und jeder Versuch, derartige Kontrolle ausüben zu wollen, während man die wahre Natur dieser Wesen ignoriert, sei zum Scheitern verurteilt.
Er hielt inne und kaute auf seinem Federkiel herum. Er hatte das Gefühl, dem Kern der Sache schon sehr nahe zu sein, ihn aber vielleicht noch nicht ganz erreicht zu haben.
Ich glaube, General Burgoyne begreift nicht ganz, mit welch unabhängiger Denk- und Handlungsweise diese … Nein, das war es auch nicht. Er strich den Satz durch und tauchte seine Feder in die Tinte, um es noch einmal zu versuchen. Er beleuchtete eine Formulierung im Kopf von allen Seiten, verwarf sie, wiederholte den Vorgang und gab schließlich das Streben nach Eloquenz auf, um einfach nur loszuwerden, was er auf dem Herzen hatte. Es war spät, er war an diesem Tag fast zwanzig Meilen weit gelaufen, und er war müde.
Er glaubt, dass er die Indianer wie ein Werkzeug benutzen kann, und ich glaube, da irrt er sich. Er starrte den Satz eine Zeit lang an, schüttelte den Kopf über die unverblümte Ausdrucksweise, doch etwas Besseres fiel ihm nicht ein, und er hatte keine Zeit, es noch einmal zu versuchen; sein Kerzenstummel war fast heruntergebrannt. Er tröstete sich mit dem Gedanken, dass sein Vater ja die Indianer – und wahrscheinlich auch General Burgoyne – viel besser kannte als er selbst, und unterschrieb, löschte und versiegelte den Brief in rascher Folge. Dann ließ er sich ins Bett fallen und schlief tief und traumlos.
Doch seine Beklommenheit gegenüber den Indianern ließ nicht nach. Er hatte nichts gegen Indianer; im Gegenteil, er hielt sich gern in ihrer Gesellschaft auf und ging hin und wieder mit ihnen auf die Jagd oder verlebte einen kameradschaftlichen Abend bei Bier und Geschichten an ihren Lagerfeuern.
»Die Sache ist die«, sagte er eines Abends auf dem Rückweg von einem besonders weinseligen Abendessen, das der General für seine Stabsoffiziere gegeben hatte, zu Balcarres, »dass sie die Bibel nicht lesen.«
»Wer denn? Halt.« Major Alexander Lindsay, der sechste Graf von Balcarres, streckte die Hand aus, um die Avancen eines sich scheinbar bewegenden Baums abzuwehren. Während er diesen mit einer Hand umklammerte, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, tastete er mit der anderen nach seinem Hosenlatz.
»Die Indianer.«