»Meinst du, er hat noch nicht gemerkt, dass seine Frau den Verstand verliert?«, erwiderte er. »Wenn nicht, dann denke ich nicht, dass er es besonders zu schätzen wüsste, wenn ihn jemand darauf aufmerksam macht. Und falls doch«, fügte er in aller Logik hinzu, »was soll er dagegen tun?«
Tatsächlich konnte niemand etwas Sinnvolles dagegen tun, außer sie im Auge zu behalten und zu versuchen, ihre lebhafteren Visionen zu lindern – oder zumindest darauf zu achten, dass sie nicht vor den besonders ängstlichen Patienten davon sprach.
Doch je weiter die Tage voranschritten, desto weniger auffallend erschienen uns Mrs Ravens exzentrische Anwandlungen im Vergleich mit der Nervosität der meisten anderen Fortbewohner, vor allem der Frauen, denen nichts anderes zu tun übrig blieb, als sich um ihre Kinder zu kümmern, die Wäsche zu waschen – schwer bewacht am Seeufer oder in kleinen Pulks an den dampfenden Kesseln – und zu warten.
Im Wald war es nicht mehr sicher; vor ein paar Tagen waren zwei Männer der Feldwache nicht mehr als eine Meile vom Fort entfernt ermordet und skalpiert aufgefunden worden. Diese grauenvolle Entdeckung traf Mrs Raven zwar am schlimmsten, doch ich konnte nicht behaupten, dass sie meinem eigenen Mut besonders förderlich war. Vorbei die Zeit, in der ich von den Geschützstellungen aus hinuntergeblickt und mich an den endlosen Meilen dichten Grüns erfreut hatte; genau diese Lebenskraft des Waldes schien jetzt zur Bedrohung zu werden. Ich legte nach wie vor Wert auf saubere Wäsche, doch meine Haut kribbelte unangenehm, wann immer ich das Fort verließ.
»Noch dreizehn Tage«, sagte ich und glitt mit dem Finger über den Türpfosten unseres kleinen Heiligtums. Jamie hatte kommentarlos für jeden Tag des Milizdienstes eine Kerbe hineingeritzt, die er abends mit dem Messer durchstrich, wenn er zu Bett ging. »Hast du eigentlich im Gefängnis die Tage auch gezählt?«
»Nicht in Fort William oder in der Bastille«, sagte er nachdenklich. »Ardsmuir … aye, damals haben wir es getan. Es gab zwar keine Strafdauer zum Mitrechnen, aber … man verliert so vieles so schnell. Es kam uns wichtig vor, irgendetwas im Griff zu behalten, und wenn es nur der Wochentag war.«
Er trat an meine Seite, um einen Blick auf den Türpfosten und die lange Säule der Kerben zu werfen.
»Ich glaube, ich wäre in Versuchung davonzulaufen«, sagte er ganz leise, »wenn Ian nicht unterwegs wäre.«
Nicht dass mir dieser Gedanke nicht auch schon gekommen wäre – oder dass mir nicht bewusst gewesen wäre, dass er es dachte. Es wurde mit jeder Sekunde offensichtlicher, dass das Fort dem Angriff einem Heer in der Größe, wie es sich zweifellos auf dem Weg zu uns befand, nicht standhalten konnte. Immer häufiger trafen Kundschafter mit Berichten von Burgoynes Armee ein. Diese wurden zwar hastig in das Büro des Kommandanten geschoben und dann nicht minder hastig wieder aus dem Fort komplimentiert, doch innerhalb einer Stunde wusste jeder, was für Neuigkeiten sie mitgebracht hatten – bis jetzt nur herzlich wenige, diese jedoch ausnahmslos alarmierend. Und doch konnte sich Arthur St. Clair nicht dazu durchringen, die Evakuierung des Forts anzuordnen.
»Es wäre ein Makel in seinem Lebenslauf«, sagte Jamie mit einem Gleichmut, der seine Wut Lügen strafte. »Er kann es nicht ertragen, dass man über ihn sagen wird, dass er Ticonderoga verloren hat.«
»Er wird es aber verlieren«, mutmaßte ich. »Unumgänglich, oder?«
»Ja. Aber wenn er es im Kampf verliert, ist das eine Sache. Zu kämpfen und es an ein überlegenes Heer zu verlieren, ist ehrenhaft. Es dem Feind kampflos zu überlassen? Damit kann er sich nicht anfreunden. Obwohl er eigentlich kein schlechter Mensch ist«, fügte er nachdenklich hinzu. »Ich werde noch einmal mit ihm sprechen. Wie alle anderen auch.«
»Alle anderen« waren die Milizoffiziere, die es sich leisten konnten, offen zu sprechen. Zwar teilten einige der regulären Armeeoffiziere die Meinung der Miliz, doch die Disziplin hinderte die meisten von ihnen daran, offen mit St. Clair zu sprechen.
Ich hatte ebenfalls nicht den Eindruck, dass Arthur St. Clair ein böser Mensch war – hielt ihn aber genauso wenig für einen Dummkopf. Er wusste – er musste einfach wissen –, was der Preis für diesen Kampf sein würde. Oder für die Kapitulation.
»Er wartet auf Whitcomb, weißt du«, sagte Jamie im Konversationston. »Er hofft, dass ihm dieser sagen wird, dass Burgoyne keine nennenswerte Artillerie mitbringt.« Einer Belagerung würde das Fort widerstehen können; die Männer hatten in der Umgebung Vorräte in Hülle und Fülle gesammelt, und Ticonderoga verfügte immer noch über einiges an Artillerie und über das kleine Fort auf dem Mount Independence sowie eine beachtliche Garnison, die hinreichend mit Musketen und Pulver ausgestattet war. Doch einem massiven Artillerieangriff vom Mount Defiance aus konnte es nicht widerstehen. Jamie war dort oben gewesen und hatte mir erzählt, dass man von dem Punkt aus das gesamte Innere des Forts einsehen konnte – das dem Feind daher völlig offen stand.
»Das kann er doch wohl nicht ernsthaft glauben?«
»Nein, aber solange er es nicht mit Sicherheit weiß, muss er auch keine endgültige Entscheidung treffen. Keiner der Kundschafter hat ihm bis jetzt irgendetwas Definitives mitgebracht.«
Ich seufzte und drückte mir die Hand an den Busen, um einem Schweißrinnsal Einhalt zu gebieten.
»Ich kann hier nicht schlafen«, sagte ich abrupt. »Es ist, als würde man in der Hölle schlafen.«
Das überraschte ihn so, dass er lachen musste.
»Du hast gut lachen«, sagte ich gereizt. »Du kannst ab morgen unter Zeltleinen schlafen.« Die Hälfte der Garnison wurde in Zelte außerhalb des Forts umquartiert, um schneller auf Burgoynes Eintreffen reagieren zu können.
Die Briten waren im Anmarsch; wie weit sie noch entfernt waren, wie viele Männer sie hatten und wie gut sie bewaffnet waren, war nach wie vor nicht bekannt.
Benjamin Whitcomb war ausgezogen, es herauszufinden. Whitcomb war ein schlaksiger, pockennarbiger Mann Mitte dreißig, einer der Männer, die man die »Langen Jäger« nannte, Männer, die wochenlang in der Wildnis leben konnten – und es oft genug taten – und sich dort selbst verpflegten. Solche Männer mieden die Gesellschaft, da sie nichts für die Zivilisation übrighatten, doch sie waren von großem Wert. Whitcomb war St. Clairs bester Kundschafter; er war mit fünf Männern aufgebrochen, um Burgoynes Hauptstreitmacht zu finden. Ich hoffte, dass sie zurückkehren würden, bevor Jamies Dienstzeit um war; Jamie wollte nichts wie fort von hier – und ich ebenfalls –, doch natürlich konnten wir nicht ohne Ian gehen.
Jamie drehte sich unvermittelt um und kehrte in unser Zimmer zurück.
»Was suchst du denn?« Er kramte in der kleinen Wäschetruhe, die unsere wenigen Ersatzkleider und die Ausrüstungsgegenstände enthielt, die wir seit unserer Ankunft im Fort angesammelt hatten.
»Meinen Kilt. Wenn ich St. Clair meine Aufwartung mache, soll es offiziell wirken.«
Ich half ihm, sich anzukleiden, und flocht ihm das Haar. Er hatte keinen anständigen Rock, aber immerhin hatte er ein sauberes Hemd und seinen Dolch, und er sah selbst in Hemdsärmeln eindrucksvoll aus.
»Ich habe dich schon seit Wochen nicht mehr im Kilt gesehen«, sagte ich und betrachtete ihn bewundernd. »Ich bin mir sicher, dass du Eindruck auf den General machen wirst, auch wenn du keine rosa Schärpe hast.«
Er lächelte und küsste mich. »Es wird nichts nützen«, sagte er, »aber es wäre nicht recht, es nicht wenigstens zu versuchen.«
Ich begleitete ihn über den Exerzierplatz hinweg zu St. Clairs Haus. Über dem See braute sich ein Gewitter zusammen, kohlrabenschwarz vor dem flammenden Himmel, und ich konnte Ozon riechen. Es schien mir ein passendes Vorzeichen zu sein.
Bald. Alles sagte bald. Die bruchstückhaften Berichte und Gerüchte, die wie Tauben durch das Fort flatterten, die Stickigkeit der schwülen Luft, der gelegentliche Kanonendonner in der Ferne, wenn von der vorgelagerten Station, die man die alte Franzosenlinie nannte, Übungsschüsse abgefeuert wurden – zumindest hofften wir, dass es nur Übungsschüsse waren.