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Nachdem die dringlichste Aufgabe erledigt war, schien sich der Brigadier trotzdem nicht sogleich an den Abstieg machen zu wollen, sondern schritt stattdessen langsam auf und ab und schien die leichte Brise zu genießen. Dazu ließ er sich auf einem Felsen nieder und entkorkte mit einem wohltuenden Seufzer seine Feldflasche.

»Setzt Euch doch, William«, sagte er und wies neben sich. Eine Weile saßen sie schweigend da und lauschten den Geräuschen des Waldes.

»Ich kenne Euren Vater«, sagte der Brigadier plötzlich und lächelte – ein charmantes Lächeln. »Ich vermute, das erzählt Euch jeder.«

»Nun ja, das stimmt«, räumte William ein. »Oder wenn nicht ihn, dann meinen Onkel.«

General Fraser lachte. »Eine beachtliche Familiengeschichte, die Ihr da mit Euch herumschleppt«, sagte er mitfühlend. »Aber ich bin mir sicher, dass Ihr sie tapfer ertragt.«

William wusste nicht, was er sagen sollte, und antwortete mit einem ebenso höflichen wie unverbindlichen Geräusch. Der Brigadier lachte erneut und reichte ihm die Feldflasche. Das Wasser war so warm, dass er kaum spürte, wie es ihm durch die Kehle rann, doch es roch frisch, und es löschte seinen Durst.

»Wir waren zusammen auf dem Abrahamsfeld. Euer Vater und ich, meine ich. Hat er Euch je von dieser Nacht erzählt?«

»Nicht sehr viel«, sagte William und fragte sich, ob er wohl dazu verdammt war, jedem einzelnen Soldaten zu begegnen, der unter James Wolfe auf diesem Feld gekämpft hatte.

»Wir sind in der Nacht über den Fluss gekommen. Wir waren alle wie versteinert. Vor allem ich.« Der Brigadier ließ den Blick über den See hinwegschweifen und schüttelte bei dieser Erinnerung den Kopf. »Was für ein Fluss, der St.-Lorenz-Strom. General Burgoyne hat erwähnt, dass Ihr in Kanada wart. Habt Ihr ihn zu sehen bekommen?«

»Nicht viel davon, Sir. Ich habe den Großteil der Reise nach Quebec auf dem Landweg zurückgelegt und bin dann über den Richelieu gefahren. Doch mein Vater hat mir vom St.-Lorenz-Strom erzählt«, fügte er pflichtschuldigst hinzu. »Er sagt, es ist ein nobler Fluss.«

»Hat er Euch auch erzählt, dass ich ihm fast die Hand gebrochen hätte? Er hat neben mir im Boot gesessen, und als ich mich hinausgelehnt habe, um den französischen Wachtposten anzurufen – in der Hoffnung, dass mir die Stimme nicht versagen würde –, hat er meine Hand festgehalten, um mich zu stützen. Ich konnte spüren, wie seine Knochen knirschten, habe das unter den Umständen aber erst begriffen, als ich losgelassen habe und sein Aufkeuchen gehört habe.«

William sah, wie die Augen des Brigadiers zu seinen eigenen Händen wanderten. Eine Reaktion huschte über seine breite Stirn, eigentlich keine Bewunderung, aber doch der Ausdruck eines Menschen, der versucht, seine Erinnerungen mit der Gegenwart in Einklang zu bringen. Sein Vater hatte lange, schlanke, elegante, feinknochige Hände. Williams Finger waren zwar auch lang, doch seine Hände waren von einer geradezu vulgären Größe, die Handflächen breit und die Fingerknöchel klobig.

»Er – Lord John – ist mein Stiefvater«, entfuhr es ihm, dann errötete er, verlegen sowohl über das Eingeständnis als auch über die verrückte Eingebung, die ihn dazu getrieben hatte.

»Oh? Oh, ja«, sagte der Brigadier vage. »Ja, natürlich.«

Hatte der Brigadier etwa gedacht, er hätte ihn aus Stolz auf seine Abstammung aufmerksam gemacht?

Sein einziger Trost war die Tatsache, dass sein Gesicht – genau wie das des Brigadiers – von der Anstrengung so viel Farbe hatte, dass sein Erröten nicht zu erkennen war. Als hätte der Brigadier seine Gedanken in Bezug auf die Hitze gelesen, kämpfte er sich aus seinem Rock, dann knöpfte er seine Weste auf und wedelte damit, während er William zunickte, es ihm gleichzutun – was dieser mit einem Seufzer der Erleichterung tat.

Die Unterhaltung ging beiläufig zu anderen Feldzügen über, auf denen der Brigadier gekämpft hatte oder von denen William (zum Großteil) nur gehört hatte. Allmählich wurde ihm bewusst, dass der Brigadier dabei war, ihn einzuschätzen, sich einen Eindruck von seiner Erfahrung und seinem Verhalten zu verschaffen. Ihm war unangenehm bewusst, dass Erstere nicht sehr ruhmreich war; wusste General Fraser, was sich während der Schlacht von Long Island zugetragen hatte? So etwas sprach sich in der Armee stets schnell herum.

Schließlich kam das Gespräch zum Stillstand, und sie saßen eine Weile kameradschaftlich in Hemdsärmeln da und lauschten dem Rauschen der Bäume über ihren Köpfen. William hätte gern etwas zu seiner Verteidigung gesagt, doch ihm fiel keine Möglichkeit ein, sich dem Thema elegant anzunähern. Doch wenn er nichts sagte, nicht erklärte, was geschehen war … Nun, es gab ja im Grunde keine gute Erklärung. Er war ein Dummkopf gewesen, das war alles.

»General Howe lobt Eure Intelligenz und Eure Kühnheit, William«, sagte der Brigadier, als sei dies eine Fortführung ihrer Unterhaltung von vorhin, »obwohl er ebenfalls sagt, er glaubt, Ihr hattet noch keine Gelegenheit, Eure Fähigkeiten als Kommandeur unter Beweis zu stellen.«

»Äh … nein, Sir«, erwiderte William und schwitzte.

Der Brigadier lächelte.

»Nun, dem müssen wir abhelfen, nicht wahr?« Er stand auf, stöhnte leise, während er sich reckte, und zwängte sich wieder in seinen Rock. »Ihr werdet nachher mit mir zu Abend essen. Wir werden dies mit Sir Francis besprechen.«

Kapitel 52

Feuer! Feuer!

Fort Ticonderoga

1. Juli 1777

Whitcomb war zurück. Dem Gerücht zufolge mit mehreren britischen Skalps. Da ich Benjamin Whitcomb und ein paar anderen Langen Jägern schon persönlich begegnet war, war ich durchaus geneigt, das zu glauben. Sie redeten ganz zivil, und sie waren bei Weitem nicht die einzigen Männer im Fort, die grobes Leder oder zerlumptes Leinen trugen und deren Haut sich dicht über ihre Knochen spannte. Doch sie waren die einzigen Männer, die die Augen wilder Tiere hatten.

Am nächsten Tag wurde Jamie in die Kommandantur gerufen und war bei Anbruch der Dunkelheit noch nicht zurück.

Ein Mann sang an einem der Lagerfeuer auf dem Hof vor St. Clairs Quartier, und ich saß auf einem leeren Pökelfleischfass und hörte ihm zu, als ich Jamie auf der anderen Seite des Feuers vorübergehen und auf unser Kasernengebäude zusteuern sah. Schnell erhob ich mich und eilte zu ihm.

»Komm mit«, sagte er leise und führte mich zum Garten des Kommandeurs. Es war kein Echo unserer letzten Zusammenkunft in diesem Garten zu spüren, obwohl ich mir seines Körpers schmerzlich bewusst war, seiner Anspannung und seines Herzschlags. Schlechte Neuigkeiten also.

»Was ist passiert?«, flüsterte ich.

»Whitcomb hat einen britischen Soldaten gefangen und ihn mitgebracht. Natürlich wollte er nichts sagen – aber St. Clair war so schlau, Andy Tracy zu ihm in die Zelle zu stecken, weil man ihn – Tracy, meine ich – angeblich der Spionage beschuldigte.«

»Das war eine gute Idee«, sagte ich beifällig. Leutnant Andrew Hodges Tracy war ein Ire mit einem plumpen Charme, der geborene Lügner – wenn irgendjemand einem Menschen sein Wissen entlocken konnte, ohne Gewalt anzuwenden, wäre Tracy ebenso meine erste Wahl gewesen. »Dann hat er also etwas herausbekommen?«

»Ja. Außerdem haben wir drei britische Deserteure – Deutsche. St. Clair wollte, dass ich mit ihnen spreche.«

Was er auch getan hatte. Natürlich waren die Aussagen der Deserteure suspekt – doch sie stimmten mit dem überein, was man dem britischen Gefangenen entlockt hatte. Die Gewissheit, auf die St. Clair seit drei Wochen wartete.

General Carleton war mit einer kleinen Armee in Kanada zurückgeblieben; es war in der Tat General John Burgoyne, der an der Spitze einer großen Invasionsarmee auf das Fort zuhielt. Verstärkt wurde er durch General von Riedesel, der seinerseits sieben Regimenter aus Braunschweig befehligte, dazu ein leichtes Infanteriebataillon und vier Dragonerkompanien. Und seine Vorhut war weniger als vier Tage von uns entfernt.