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»Nicht besonders gut«, bemerkte ich und holte tief Luft.

»So ist es«, pflichtete er mir bei. »Schlimmer noch, Burgoyne hat Simon Fraser als Brigadier unter sich. Er hat das Kommando über die Vorhut.«

»Ein Verwandter von dir?« Das war eine rhetorische Frage; niemand mit diesem Nachnamen konnte etwas anderes sein, und ich sah den Schatten eines Lächelns über Jamies Gesicht huschen.

»Ja«, sagte er trocken. »Ein Vetter zweiten Grades, glaube ich. Und ein ausgezeichneter Kämpfer.«

»Nun, was sonst? Waren das alle schlechten Nachrichten?«

Er schüttelte den Kopf.

»Nein. Die Deserteure haben gesagt, Burgoynes Armee geht der Nachschub aus. Die Dragoner sind zu Fuß, weil sie keine Pferde finden können. Obwohl ich nicht weiß, ob sie ihre gegessen haben oder nicht.«

Es war eine heiße, schwüle Nacht, doch ein Schauder ließ mir die Haare auf den Armen zu Berge stehen. Ich berührte Jamie am Handgelenk und stellte fest, dass es ihm genauso ging. Er wird heute Nacht von Culloden träumen, dachte ich spontan. Doch diesen Gedanken schob ich vorerst von mir.

»Das hätte ich jetzt für eine gute Nachricht gehalten. Warum ist es das nicht?«

Sein Handgelenk drehte sich; seine Hand griff nach der meinen, und unsere Finger umschlangen sich fest.

»Weil sie nicht mehr genug Verpflegung haben, um uns zu belagern. Sie müssen uns überrennen und uns mit Gewalt besiegen. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass sie das können.«

Drei Tage später tauchten die ersten britischen Kundschafter auf dem Mount Defiance auf.

Am nächsten Tag konnte jeder sehen – und jeder sah es auch –, dass auf dem Mount Defiance die ersten Spatenstiche für eine Geschützstation getan wurden. Arthur St. Clair beugte sich endlich dem Unvermeidlichen und erteilte die Order, mit der Evakuierung von Fort Ticonderoga zu beginnen.

Der Großteil der Garnison sollte sich zum Mount Independence begeben und die wichtigsten Ausrüstungsgegenstände, Vorräte und die Geschütze mitnehmen. Einige der Schafe und Rinder mussten geschlachtet und der Rest in den Wald getrieben werden. Einige Milizeinheiten sollten das Fort durch den Wald verlassen und sich auf die Straße nach Hubbardton begeben, wo sie als Verstärkung warten sollten. Frauen, Kinder und Invaliden sollten unter leichter Bewachung auf Booten über den See befördert werden. Es begann alles in geordneter Form. Zuerst erging die Anordnung, alles, was schwamm, nach Anbruch der Dunkelheit zum Seeufer zu bringen. Die Männer nahmen ihre Ausrüstung an sich und überprüften sie, und es wurde befohlen, alles zu zerstören, was nicht abtransportiert werden konnte.

Das war die übliche Vorgehensweise, um zu verhindern, dass der Feind irgendwelchen Nutzen aus den eigenen Ressourcen ziehen konnte. In diesem Fall war der Hintergrund jedoch noch dringlicher: Die Deserteure hatten berichtet, dass Burgoynes Armee schon jetzt die Verpflegung ausging; ihm die Vorräte Ticonderogas zu verweigern, würde ihm vielleicht Einhalt gebieten – oder seinen Vormarsch zumindest merklich verlangsamen, weil seine Männer gezwungen sein würden, sich in der Wildnis selbst zu verpflegen, solange sie auf das Eintreffen des Nachschubs aus Kanada warteten.

All dies – Packen, Verladen, das Schlachten oder Verjagen des Viehs und die Zerstörung – musste im Verborgenen direkt unter den Augen der Briten vonstattengehen. Denn wenn sie sahen, dass ein Rückzug unmittelbar bevorstand, würden sie wie die Wölfe über uns herfallen und die Garnison vernichten, sobald sie den Schutz des Forts verließ.

An den Nachmittagen brauten sich gewaltige Gewitterwolken über dem See zusammen, schwarze Giganten, die sich meilenweit auftürmten und voller Blitze waren. Manchmal brachen die Gewitter im Dunkeln los und peitschten den See, die Berge, die Gefechtslinien und das Fort mit Wasser, das vom Himmel fiel wie aus einem bodenlosen Eimer geschüttet. Manchmal trieben sie nur grollend und unheilvoll vorüber.

Heute Abend hingen die Wolken bedrohlich tief und bedeckten den ganzen Himmel. Blitze durchzogen sie wie Adern. Wetterleuchten pulsierte in ihrem Inneren und knisterte wie ein stockendes, lautloses Gespräch zwischen ihnen hin und her. Und ab und zu schoss eine blauweiße Gabel so plötzlich mit einem Donnerschlag zu Boden, dass jedermann zusammenfuhr.

Es gab nur sehr wenig zu packen, was nicht schlimm war, da kaum Zeit zum Packen blieb. Ich konnte das allgegenwärtige Durcheinander hören, während ich arbeitete: Stimmen, die nach vermissten Gegenständen riefen, Mütter, die nach verloren gegangenen Kindern schrien, und das Schlurfen und Donnern der Füße auf den Holztreppen, unablässig wie das Echo des Regens.

Draußen konnte ich das aufgeregte Lärmen der Schafe hören, verstört, weil man sie aus ihren Ställen holte, und plötzlichen Krach, als eine Kuh in Panik durchging. Das überraschte mich nicht; durch die Schlachterei roch es kräftig nach frischem Blut.

Ich hatte die Garnison natürlich schon beim Exerzieren gesehen; ich wusste, wie viele Männer es waren. Doch drei- oder viertausend Männern dabei zuzusehen, wie sie sich gegenseitig umherschubsten und dabei versuchten, in dramatischer Eile ungewohnte Aufgaben zu bewältigen, war so, als beobachtete man einen umgekippten Ameisenhaufen. Ich bahnte mir meinen Weg durch die tosende Masse und umklammerte dabei einen Mehlsack mit meinen Kleidern, meinen wenigen Arzneien und einem großen Stück Schinken, das ich von einem dankbaren Patienten hatte und das in meinen Ersatzunterrock eingewickelt war.

Ich würde mit der Bootsbrigade evakuiert werden und eine Gruppe von Invaliden begleiten – doch ich hatte nicht vor zu gehen, ohne Jamie noch einmal gesehen zu haben.

Das Herz hämmerte mir schon so lange im Hals, dass ich kaum sprechen konnte. Nicht zum ersten Mal dachte ich, wie praktisch es doch war, dass ich mit einem Hünen verheiratet war. Es war immer einfach, Jamie in einer Menschenmenge auszumachen, und auch jetzt sah ich ihn innerhalb von Sekunden. Er stand in Begleitung mehrerer Milizionäre auf einer der Geschützbatterien, und sie starrten alle nach unten. Ich vermutete, dass man dort dabei war, die Bootsbrigade zu formieren; das war ermutigend.

Doch der eigentliche Ausblick von der Balustrade der Geschützstellung war sehr viel weniger ermutigend. Die Szene am Seeufer zu Füßen des Forts erinnerte an die Heimkehr einer verunglückten Fischerflotte. Es gab Boote. Alle Arten von Booten, von Kanus und verschiedenen Ruderbooten bis hin zu grob gezimmerten Flößen. Einige hatte man ans Ufer gezogen, andere trieben offenbar unbemannt davon – während eines Blitzes entdeckte ich Köpfe im Wasser; Männer und Jungen, die ihnen nachschwammen, um sie zurückzuholen. Es gab nicht viel Licht am Ufer, um den Fluchtplan nicht zu verraten, doch hier und dort warf eine Fackel ihren Schein auf Streitereien und Faustkämpfe. Außerhalb der Reichweite der Fackeln schien sich der Boden in der Dunkelheit zu bewegen wie ein Kadaver voller Ungeziefer.

Jamie schüttelte gerade Mr Anderson die Hand, der ursprünglich von der Teal stammte und jetzt sein Korporal war.

»Geht mit Gott«, sagte er. Mr Anderson nickte und wandte sich ab, gefolgt von dem kleinen Pulk der Milizionäre. Sie kamen an mir vorbei, als ich die Geschützstellung erklomm, und ein paar von ihnen nickten mir zu, doch ihre Gesichter waren im Schatten ihrer Hüte nicht zu erkennen.

»Wohin gehen sie?«, fragte ich Jamie.

»Nach Hubbardton«, erwiderte er, ohne den Blick vom Ufer abzuwenden. »Ich habe ihnen die Entscheidung überlassen, aber ich dachte, besser, sie gehen so schnell wie möglich.« Er wies mit dem Kinn auf den unförmigen schwarzen Umriss des Mount Defiance, unter dessen Gipfel die Funken von Lagerfeuern aufglühten. »Wenn sie nicht gemerkt haben, was hier vor sich geht, sind sie wirklich unfähig. Wenn ich Simon Fraser wäre, wäre ich vor Tagesanbruch unterwegs.«

»Du hast nicht vor, mit deinen Männern zu gehen?« Ein Funke der Hoffnung sprang in meinem Herzen auf.

Es gab nur wenig Licht auf der Geschützstellung, nur das Glühen der Fackeln auf der Treppe und der größeren Feuer im Inneren des Forts. Es reichte jedoch, um mir sein Gesicht zu zeigen, als er sich jetzt umdrehte, um mich anzusehen. Es war nüchtern, doch sein Mund drückte Ungeduld aus, und ich erkannte die Miene eines Soldaten, der bereit war, sich in den Kampf zu stürzen.