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»Nein«, sagte er. »Ich habe vor, mit dir zu gehen.« Plötzlich lächelte er, und ich packte seine Hand. »Du glaubst doch nicht, dass ich vorhabe, dich mit einem Haufen kranker Halbidioten durch die Wildnis spazieren zu lassen, oder? Selbst wenn ich dazu in ein Boot steigen muss«, fügte er angewidert hinzu.

Ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen.

»Das ist aber nicht sehr freundlich ausgedrückt«, sagte ich. »Aber es ist auch nicht unzutreffend, falls du Mrs Raven meinst. Du hast sie nicht zufällig gesehen, oder?«

Er schüttelte den Kopf. Der Wind hatte ihm das Haar zur Hälfte aus seinem Band gezerrt, das er jetzt herauszog und zwischen die Zähne nahm, um sein Haar zu einem schweren Zopf zu raffen und es erneut zusammenzubinden.

In unserer Nähe krächzte jemand etwas. Es klang sehr erschrocken, und Jamie und ich fuhren gemeinsam herum. Mount Independence stand in Flammen.

»Feuer! Feuer!«

Die Schreie scheuchten die Menschen aus der Kaserne wie die Wachteln. Es brannte direkt unterhalb des Gipfels, dort, wo General Fermoy und seine Männer einen Außenposten errichtet hatten. Eine Flammenzunge reckte sich zum Himmel, unablässig wie eine einatmende Kerze. Dann drückte ein Windstoß sie zu Boden, und die Flamme brannte einen Moment lang flach, als hätte jemand den Gasherd heruntergedreht, um dann jedoch erneut aufzuspringen, sodass der ganze Berghang erleuchtet wurde und winzige schwarze Umrisse sichtbar wurden, Hunderte von Menschen im Begriff, Zelte abzubrechen und Gepäck zu verladen.

»Fermoys Lager steht in Flammen«, sagte der Soldat neben mir ungläubig. »Oder?«

»Ja«, sagte Jamie auf der anderen Seite grimmig. »Und wenn wir den beginnenden Rückzug von hier aus sehen können, müssen Burgoynes Späher ihn auch sehen.«

Und damit setzte die Panik ein.

Wenn ich je an der Existenz von so etwas wie Telepathie gezweifelt hätte, hätten diese Momente ausgereicht, um meine Zweifel zu zerstreuen. Die Nerven der Soldaten waren durch St. Clairs Zögern und den unablässigen Hagel der Gerüchte ohnehin schon zum Zerreißen gespannt. So wie sich das Feuer auf dem Mount Independence ausbreitete, sprang die Überzeugung, dass die Rotröcke und die Indianer jeden Moment über uns herfallen würden, von Kopf zu Kopf, ohne dass Worte notwendig waren. Panik breitete ihre schwarzen Flügel über das Fort, und das Durcheinander am Seeufer löste sich vor unseren Augen in Chaos auf.

»Komm mit«, sagte Jamie. Und ehe ich wusste, wie mir geschah, wurde ich die schmale Treppe der Geschützstellung hinuntergeschoben. Man hatte ein paar Holzhütten angezündet – diesmal mit der Absicht, die Eroberer um das Material zu bringen –, und der Schein der Flammen beleuchtete eine Szene aus der Hölle. Schreiende Frauen, die halb nackte Kinder und Bettwäsche hinter sich herzerrten, Männer, die Möbel aus den Fenstern warfen. Ein Nachttopf knallte auf die Steine, und scharfe Keramikscherben zerschnitten den Umstehenden die Beine.

Hinter mir erscholl eine atemlose Stimme. »Eine goldene Guinee darauf, dass der alberne Franzose das Feuer selbst gelegt hat.«

»Dagegen wette ich nicht«, erwiderte Jamie knapp. »Ich hoffe nur, er ist mit in Flammen aufgegangen.«

Ein gewaltiger Blitz tauchte das Fort in taghelles Licht, und überall erhoben sich Schreie, um sofort wieder im Donner unterzugehen. Wie zu erwarten war, glaubte die Hälfte der Leute, der Zorn Gottes habe sich über uns entladen – ungeachtet der Tatsache, dass wir schon seit Tagen ähnlich heftige Gewitter hatten, dachte ich gereizt –, während die weniger religiösen Köpfe von noch größerer Angst erfüllt wurden, weil die Milizeinheiten der äußeren Linien in Sichtweite der Briten auf dem Mount Defiance bei ihrem Rückzug beleuchtet wurden.

»Ich muss meine Invaliden holen!«, rief ich Jamie ins Ohr. »Hol unsere Sachen aus dem Quartier.«

Er schüttelte den Kopf. Sein Haar, das sich wieder aus seinem Zopf gelöst hatte, wurde von einem weiteren Blitz erleuchtet, und er sah selbst aus wie einer der Erzdämonen.

»Ich lasse dich nicht allein«, sagte er und packte mich fest beim Arm. »Am Ende finde ich dich nie wieder.«

»Aber –« Der Einwand erstarb mir auf den Lippen, als ich mich umsah. Er hatte recht. Tausende von Menschen rannten im Fort umher, schubsten sich gegenseitig aus dem Weg oder standen einfach nur da, zu erschüttert, um noch zu wissen, was sie tun sollten. Es war gut möglich, dass er mich nicht wiederfand, falls wir getrennt wurden, und über die Vorstellung, in den Wäldern am Fuß des Forts allein zu sein – in denen es von blutrünstigen Indianern genauso wimmelte wie von Rotröcken –, wollte ich keine zehn Sekunden nachdenken.

»Gut«, sagte ich. »Dann komm.«

Die Szene im Inneren des Lazarettgebäudes war nur deshalb weniger hektisch, weil sich die meisten Patienten weniger gut bewegen konnten. Ansonsten waren sie eher noch aufgeregter als die Leute im Freien, weil sie nur bruchstückhafte Neuigkeiten von den Leuten erfahren hatten, die hier hastig ein und aus gingen. Wer eine Familie hatte, wurde so eilig aus dem Gebäude gezerrt, dass er kaum Zeit hatte, nach seinen Kleidern zu greifen; wer keine hatte, humpelte zwischen den Liegen hin und her, um sich anzuziehen, oder stolperte schon zur Tür.

Kapitän Stebbings tat natürlich nichts dergleichen. Er lag friedlich auf seinem Bett, die Hände auf der Brust verschränkt, und beobachtete das Chaos im Licht der Kerze an der Wand hinter ihm.

»Mrs Fraser«, begrüßte er mich fröhlich. »Ich werde dann wohl bald wieder ein freier Mann sein. Hoffe, die Armee bringt mir etwas zu essen mit; ich glaube, die Chancen, hier heute etwas zum Abendessen zu bekommen, stehen schlecht.«

»Das kann gut sein«, sagte ich und musste sein Lächeln einfach erwidern. »Ihr kümmert Euch um die anderen britischen Gefangenen, ja? General St. Clair lässt sie hier zurück.«

Er setzte eine etwas beleidigte Miene auf.

»Es sind doch meine Männer«, brummte er.

»Das stimmt.« Tatsächlich hockte Guinea Dick, der im gedämpften Licht vor der Steinwand kaum zu sehen war, neben dem Bett des Kapitäns, einen stabilen Wanderstab in der Hand – um potenzielle Plünderer abzuwehren, dachte ich. Mr Ormiston saß blass, aber aufgeregt auf seiner Liege und zupfte an seinem verbundenen Beinstummel.

»Sie ist wirklich im Anmarsch, nicht wahr, Ma’am? Die Armee?«

»Ja, das ist sie. Ihr müsst jetzt gut auf Eure Wunde achten und sie sauber halten. Sie heilt gut, aber Ihr dürft sie noch mindestens einen Monat nicht belasten – und Ihr müsst noch mindestens zwei Monate warten, bevor Ihr Euch ein Holzbein anpassen lasst. Die Armeeärzte dürfen Euch nicht zur Ader lassen – Ihr braucht Eure ganze Kraft.«

Er nickte, obwohl ich wusste, dass er vor der ersten Aderlassklinge Schlange stehen würde, die mit einem britischen Stabsarzt hier auftauchte; er glaubte inbrünstig an die Tugenden des Aderlasses und hatte sich nur besänftigen lassen, weil ich ihm ab und zu Blutegel auf den Stumpf gesetzt hatte.

Ich drückte ihm zum Abschied die Hand und wandte mich schon zum Gehen, als er mich festhielt.

»Einen Moment noch, Ma’am!« Er ließ meine Hand los und zog sich eine Kordel vom Hals. Ich konnte den Gegenstand zwar im Halbdunkel kaum sehen, doch er drückte ihn mir in die Hand, und ich spürte eine Metallscheibe, die noch warm war.

»Falls Ihr den kleinen Abram noch einmal sehen solltet, Ma’am, wäre ich Euch dankbar, wenn Ihr ihm das geben würdet. Es ist mein Glücksbringer, den ich schon zweiunddreißig Jahre bei mir habe; sagt ihm, er beschützt ihn, wenn’s gefährlich wird.«

Jamie tauchte neben mir in der Dunkelheit auf. Er strahlte Ungeduld und Aufregung aus. Er hatte eine kleine Gruppe von Verletzten im Schlepptau, die sich an ihre wenigen Habseligkeiten klammerten. Ich konnte Mrs Ravens unverwechselbare schrille Stimme in der Ferne klagen hören. Ich duckte mich und hängte mir Mr Ormistons Glücksbringer um den Hals.