»Ich sage es ihm, Mr Ormiston. Danke.«
Irgendjemand hatte Jeduthan Baldwins elegante Brücke in Brand gesteckt. An ihrem einen Ende schmorte ein Trümmerhaufen, und ich sah schwarze Teufelsschatten mit Meißeln und Stemmeisen darauf hin und her laufen, um die Planken abzureißen und sie ins Wasser zu werfen.
Jamie schob sich durch die Menschenmenge, ich hinter ihm und hinter mir unsere kleine Schar von Frauen, Kindern und Verletzten, die wie aufgeregte Gänseküken quäkten.
»Fraser! Oberst Fraser!« Als ich mich bei diesem Ausruf umdrehte, sah ich Jonas – nein, Bill – Marsden über das Ufer laufen.
»Ich komme mit Euch«, schnaufte er atemlos. »Ihr werdet jemanden brauchen, der ein Boot steuern kann.«
Jamie zögerte nicht länger als den Bruchteil einer Sekunde. Er nickte und wies mit dem Kopf zum Ufer.
»Aye, schnell. Wir kommen, so schnell wir können.«
Mr Marsden verschwand in der Dunkelheit.
»Und der Rest deiner Männer?«, sagte ich und hustete vom Rauch.
Er zuckte mit den Achseln, eine breitschultrige Silhouette vor dem schwarzen Schimmer des Wassers.
»Fort.«
Hysterische Schreie erschollen aus der Richtung der alten Franzosenlinien. Sie verbreiteten sich wie ein Buschfeuer im Wald und am Seeufer, Rufe, die Briten kommen. Und erneut schlug die Panik mit den Flügeln. Sie war so überwältigend, diese Panik, dass ich spürte, wie auch in meiner Kehle ein Schrei aufstieg. Ich würgte ihn herunter und empfand stattdessen unbändige Wut, die ich von mir auf die Narren hinter mir übertrug, die außer sich kreischten und sich sofort zerstreut hätten, wenn sie es gekonnt hätten. Doch wir hatten jetzt fast das Ufer erreicht, und die Menschen drängten sich in solcher Zahl zu den Booten, dass sie einige davon durch ihr ungeordnetes Einsteigen zum Kentern brachten.
Ich glaubte zwar nicht, dass die Briten schon in der Nähe waren, doch sicher war ich mir nicht. Ich wusste, dass es mehr als eine Schlacht um Fort Ticonderoga gegeben hatte … Doch wann war das gewesen? Würde eine von ihnen heute Nacht stattfinden? Ich wusste es nicht, und drängende Eile trieb mich zum Ufer, wo ich Mr Wellman half, der sich am Mumps seines Sohnes angesteckt hatte und dem es ziemlich schlecht ging. Armer Kerl.
Mr Marsden, der Gute, hatte sich ein großes Kanu gesichert, das er ein wenig vom Ufer fortgepaddelt hatte, damit es nicht überrannt wurde. Als er Jamie kommen sah, kam er ans Ufer, und es gelang uns, insgesamt achtzehn Personen – darunter auch die Wellmans und Mrs Raven, die bleich vor sich hin starrte wie Ophelia – in das Boot zu bugsieren.
Jamie warf noch einen raschen Blick auf das Fort. Das Haupttor stand weit offen, und Feuerschein fiel hindurch. Dann hob er den Blick zu der Geschützstellung, auf der wir noch vor Kurzem gestanden hatten.
»Vier Mann sind bei der Kanone geblieben, die auf die Brücke zielt«, sagte er, ohne den Blick von den rotbauchigen Rauchwolken abzuwenden, die aus dem Inneren des Forts aufstiegen. »Freiwillige. Sie werden zurückbleiben. Die Briten – zumindest einige von ihnen – kommen mit Sicherheit über die Brücke. Sie können fast alle vernichten, die sich darauf befinden, und dann fliehen – wenn sie können.«
Dann wandte er sich ab, und die Muskeln seiner Schultern spannten sich kraftvoll an, als er das Paddel eintauchte.
Kapitel 53
Mount Independence
6. Juli, nachmittags
Brigadier Frasers Männer rückten gegen das Fort auf dem Gipfel des Hügels vor, den die Amerikaner ironischerweise »Independence« nannten. William führte einen der angreifenden Trupps an und befahl seinen Männern, die Bajonette aufzupflanzen, als sie sich näherten. Es herrschte völlige Stille, unterbrochen nur vom Knacken der Zweige, den leisen Geräuschen der Stiefel im feuchten Laub, hin und wieder dem leisen Klack!, wenn eine Patronendose gegen einen Musketenlauf stieß. Doch war diese Stille erwartungsvoll?
Die Amerikaner mussten wissen, dass sie im Anmarsch waren. Lagen die Rebellen irgendwo im Hinterhalt, bereit, aus der grob, aber sehr solide gezimmerten Befestigung, die er zwischen den Bäumen sehen konnte, auf sie zu feuern?
Etwa zweihundert Meter unterhalb des Gipfels signalisierte er seinen Männern anzuhalten, weil er hoffte, irgendein Lebenszeichen der Verteidiger aufzuschnappen, falls es denn Verteidiger gab. Seine eigene Kompanie hielt gehorsamst an, doch die nachfolgenden Männer begannen, sich rücksichtslos zwischen ihnen hindurchzuschieben, um das Fort zu erstürmen.
»Halt!«, rief er und war sich dabei bewusst, dass seine Stimme den amerikanischen Gewehrschützen fast ein genauso gutes Ziel bot wie das Leuchten seines roten Rockes. Einige der Männer hielten zwar an, wurden aber sofort von ihren Hintermännern weitergeschubst, und innerhalb von Sekunden war der ganze Hang eine einzige rote Masse. Sie konnten nicht stehen bleiben, man würde sie zertrampeln. Und wenn die Verteidiger vorhatten zu feuern, konnten sie nicht um eine bessere Gelegenheit bitten – und doch verharrte das Fort in Schweigen.
»Vorwärts!«, brüllte William und warf den Arm hoch, und die Männer stürzten begeistert aus dem Wald, die Bajonette bereit.
Die Tore hingen offen, und die Männer rannten wie blind ins Innere des Forts, ohne sich um die Gefahr zu kümmern – doch es gab keine Gefahr. William lief mit ihnen und fand das Fort verlassen vor. Nicht nur verlassen, sondern offenbar in erstaunlicher Eile verlassen.
Überall lagen die persönlichen Besitztümer der Verteidiger verstreut, als hätten sie sie im Laufen fallen gelassen: nicht nur schwere Gegenstände wie Kochutensilien, sondern auch Kleider, Schuhe, Bücher, Wolldecken – sogar Geld, wie in Panik weggeworfen. Noch wesentlicher war jedoch zumindest für William die Tatsache, dass die Verteidiger keinen Versuch unternommen hatten, die Munition oder das Pulver, das sie nicht mitnehmen konnten, in die Luft zu sprengen. Neben den aufgestapelten Fässern hatten sie obendrein Verpflegung zurückgelassen, ein willkommener Anblick.
»Warum haben sie nicht einfach Feuer gelegt?«, fragte ihn Leutnant Hammond, der sich mit großen Augen in den Unterkünften umsah, die immer noch vollständig mit Betten, Bettwäsche und Nachttöpfen ausgestattet waren – sodass die Eroberer einfach einziehen konnten.
»Weiß der Himmel«, erwiderte William knapp und stürzte dann auf einen Gefreiten zu, den er mit einem Schultertuch aus Spitze behängt und einem Arm voll Schuhe aus einem der Zimmer kommen sah. »Heda! Hier wird nicht geplündert! Habt Ihr mich gehört, Sir?«
Der Gefreite hatte ihn gehört. Er ließ die Schuhe fallen und stürzte davon, sodass die Spitze im Wind flatterte. Doch es gab noch andere Plünderer, und William begriff, dass er und Hammond nicht in der Lage sein würden, ihnen Einhalt zu gebieten. Er rief im zunehmenden Lärm nach einem Boten, griff nach seinem Schreibzeug und kritzelte eine hastige Note.
»Bringt das zu General Fraser«, sagte er und drückte dem Boten die Utensilien wieder in die Hand. »So schnell Ihr nur könnt!«
7. Juli 1777, bei Tagesanbruch
»Ich dulde diese entsetzlichen Unregelmäßigkeiten nicht!« General Frasers Gesicht war von tiefen Falten durchzogen, vor Wut genauso wie vor Erschöpfung. Die kleine Reiseuhr im Zelt des Generals zeigte kurz vor fünf Uhr morgens an, und William hatte das seltsam verträumte Gefühl, dass sein Kopf irgendwo über seiner linken Schulter in der Luft schwebte. »Plündereien, Diebstahl, um sich greifende Disziplinlosigkeit – ich dulde das nicht, sage ich. Ist das verstanden? Von allen?«
Die kleine Gruppe müder Offiziere bejahte dies mit einem Chor von Grunzlauten. Sie waren die ganze Nacht auf gewesen und hatten ihre Truppen einigermaßen zur Ordnung gerufen, die gemeinen Soldaten an den schlimmsten Exzessen gehindert, in aller Eile die verlassenen Außenposten bei den alten Franzosenlinien inspiziert und die unerwartete Fülle an Vorräten und Munition registriert, die ihnen die Verteidiger des Forts zurückgelassen hatten – vier davon hatte man bei der Erstürmung bis zur Bewusstlosigkeit betrunken neben einer geladenen Kanone gefunden, die auf die Brücke gerichtet war.