»Hast du deinen Totengesang schon vorbereitet, Onkel Jamie?«, flüsterte Ian, der tags zuvor zu uns gestoßen war. Er und Jamie pressten sich jetzt zu beiden Seiten fest an mich, denn wir hatten uns gemeinsam hinter einen gewaltigen umgestürzten Baum geflüchtet.
»Oh, ich werde ihnen schon einen Totengesang singen, wenn es so weit ist«, murmelte Jamie und zog eine der Pistolen aus seinem Gürtel.
»Du kannst doch gar nicht singen«, wandte ich ein. Eigentlich hatte ich gar nicht vorgehabt, einen Scherz zu machen – ich hatte solche Angst, dass ich ganz spontan das Erste gesagt hatte, was mir in den Sinn kam –, und er lachte auch nicht.
»Das ist wahr«, sagte er. »Nun ja.«
Er lud die Pistole, verschloss das Ladepfännchen und schob sie wieder in seinen Gürtel.
»Hab keine Angst, a nighean«, flüsterte Jamie, und ich sah die Bewegung seiner Kehle, als er schluckte. »Ich lasse nicht zu, dass sie dich bekommen. Jedenfalls nicht lebend.« Er fasste sich an die Pistole.
Ich starrte erst ihn an, dann die Pistole. Ich hatte nicht gedacht, dass es möglich sein könnte, mich noch mehr zu fürchten.
Ich fühlte mich plötzlich, als wäre meine Wirbelsäule entzweigebrochen; meine Gliedmaßen verweigerten mir jede Bewegung, und mein Inneres verwandelte sich buchstäblich in Wasser. In diesem Moment begriff ich genau, was Mrs Raven dazu getrieben hatte, sich selbst die Kehle durchzuschneiden.
Ian flüsterte Jamie etwas zu und glitt lautlos wie ein Schatten davon.
Etwas verspätet kam mir der Gedanke, dass er, wenn er sich die Zeit nahm, mich zu erschießen, falls wir überrannt wurden, sehr wahrscheinlich selbst lebend in die Hand der Indianer fallen würde. Ich hatte aber solche Angst, dass ich ihm nicht sagen konnte, er solle es nicht tun.
Ich packte meinen Mut mit beiden Händen beim Schopf und schluckte krampfhaft.
»Geh!«, sagte ich. »Sie werden – einer Frau werden sie wahrscheinlich nichts tun.« Mein Überrock hing in Fetzen, genau wie meine Jacke, und ich war von Kopf bis Fuß mit Schlamm, Laub und den kleinen Blutflecken der erschlagenen Moskitos übersät, die zu langsam gewesen waren – doch ich war immer noch eindeutig eine Frau.
»Den Teufel werd ich tun«, sagte er mir knapp.
»Onkel Jamie«, raunte Ians Stimme aus der Dunkelheit. »Es sind keine Indianer.«
»Was?« Ich begriff ihn nicht, doch Jamie richtete sich steil auf.
»Es ist ein Rotrock, der neben uns herläuft und wie ein Indianer kreischt, um uns vor sich herzutreiben.«
Jamie fluchte leise. Inzwischen war es fast vollständig dunkel; ich konnte nur ein paar vage Umrisse sehen; hoffentlich die unserer Begleiter. Ich meinte, jemanden unter meinen Füßen wimmern zu hören, konnte aber niemanden sehen, als ich den Kopf senkte.
Wieder erschollen die Kreischlaute, diesmal von der anderen Seite. Wenn uns der Mann vor sich hertreiben wollte – wusste er, dass wir hier waren? Und wenn ja, wohin wollte er uns treiben? Ich konnte Jamies Unentschlossenheit spüren. Wohin? Eine Sekunde, vielleicht zwei, dann nahm er mich beim Arm und zog mich tiefer in den Wald.
Innerhalb von Minuten stießen wir direkt auf eine Gruppe von Flüchtlingen; sie hatten angehalten, zu verängstigt, um weiterzugehen, ganz gleich, wohin. Sie drängten sich dicht aneinander; die Frauen umklammerten ihre Kinder, legten den Kleinen die Hände ganz fest auf den Mund und hauchten »Schsch!« wie der Wind.
»Lass sie«, flüsterte mir Jamie ins Ohr und legte die Hand fester um meinen Arm. Ich wandte mich ab, um ihm zu folgen, als plötzlich mein anderer Arm von einer Hand gepackt wurde. Ich schrie auf, und ringsum brach Geschrei los. Schlagartig wimmelte es im ganzen Wald von Gestalten und Stimmen.
Der Soldat – es war ein britischer Soldat; aus der Nähe konnte ich die Knöpfe seiner Uniform sehen und seine Munitionsdose spüren, die mir vor die Hüfte schwang – beugte sich nieder, um mir ins Gesicht zu sehen, und grinste; sein Atem roch nach Verwesung.
»Schön stehen bleiben«, sagte er. »Ihr geht nirgendwo mehr hin.«
Das Herz hämmerte mir so heftig in den Ohren, dass ich eine volle Minute brauchte, um zu begreifen, dass nichts mehr meinen anderen Arm umklammert hielt. Jamie war verschwunden.
Man trieb uns dicht aneinandergedrängt zur Straße zurück, und wir bewegten uns langsam durch die Nacht. Bei Tagesanbruch ließen sie uns an einem Bach trinken, ließen uns dann aber bis zum frühen Nachmittag weitergehen, und zu diesem Zeitpunkt waren auch die Kräftigsten unter uns zum Umfallen erschöpft.
Man dirigierte uns unsanft auf ein Feld hinaus. Als Farmersfrau, die ich nun einmal war, zuckte ich zusammen, als ich sah, wie die Stängel so kurz vor der Ernte zertrampelt wurden, wie das zerbrechliche Gold des Weizens zerknickt und zermalmt im Schmutz endete. Zwischen den Bäumen am anderen Ende des Feldes stand eine Hütte; ich sah, wie ein Mädchen auf die Veranda rannte, sich entsetzt eine Hand vor den Mund schlug und wieder im Inneren verschwand.
Drei britische Offiziere steuerten jetzt quer über das Feld hinweg auf die Hütte zu, ohne die Masse der Invaliden, Frauen und Kinder zu beachten, die rat- und ziellos umherirrten. Ich wischte mir mit dem Ende meines Halstuchs den Schweiß aus den Augen, steckte es wieder in mein Mieder und sah mich nach jemandem um, der vielleicht das Kommando hatte.
Keiner unserer Offiziere oder gesunden Männer schien gefasst worden zu sein; es waren nur zwei Ärzte in unserer Begleitung gewesen, die den Transport der Invaliden überwachten, und ich hatte seit zwei Tagen keinen mehr von ihnen gesehen. Hier waren sie auch nicht. Also schön, dachte ich grimmig und stiefelte zu dem nächsten britischen Soldaten hinüber, der das Chaos mit zusammengekniffenen Augen beobachtete, die Muskete in der Hand.
»Wir brauchen Wasser«, sagte ich ohne Umschweife. »Gleich hinter diesen Bäumen fließt ein Bach. Darf ich drei oder vier Frauen mitnehmen und Wasser für die Kranken und Verletzten holen?«
Er schwitzte ebenfalls; der ausgeblichene rote Wollstoff seines Uniformrocks war schwarz unter den Achseln, und in seinen Stirnfalten klebte dahingeschmolzener Reispuder aus seinem Haar. Er verzog das Gesicht, um mir zu bedeuten, dass er sich nicht mit mir befassen wollte, doch ich starrte ihn an, so scharf ich konnte. Er sah sich um in der Hoffnung, jemanden zu entdecken, zu dem er mich schicken konnte, doch die drei Offiziere waren in der Hütte verschwunden. Resigniert zog er eine Schulter hoch und wandte den Blick ab.
»Aye, dann geht«, murmelte er und drehte uns den Rücken zu, um tapfer die Straße zu bewachen, auf der immer neue Gefangene herbeigetrieben wurden.
Ein rascher Erkundungsgang über das Feld förderte drei Eimer und dieselbe Anzahl vernünftiger Frauen zutage, die zwar beunruhigt waren, aber nicht hysterisch. Ich schickte sie zum Bach hinunter und begann, das Feld einzuteilen und mir rasch einen Überblick über die Lage zu verschaffen – ebenso sehr, um meine eigene Besorgnis im Zaum zu halten, wie auch weil es sonst niemanden gab, der es tun konnte.
Würde man uns lange hier festhalten?, fragte ich mich. Wenn wir uns länger als einige Stunden hier aufhielten, mussten Latrinen gegraben werden – aber das betraf ja auch die Soldaten. Also würde ich dieses Problem der Armee überlassen. Wasser war unterwegs; wir würden eine Weile ohne Unterbrechung im Staffellauf zum Bach gehen müssen. Unterstände … Ich spähte gen Himmel – er war dunstig, aber wolkenlos. Die Gefangenen, die noch relativ gesund waren, halfen bereits mit, die Schwerkranken oder Verletzten in den Schatten der Bäume am Rand des Feldes zu schleppen.
Wo war Jamie? War er unbehelligt davongekommen?
Hin und wieder hörte ich im Gewirr der Rufe und der nervösen Unterhaltungen das Flüstern fernen Donners. Die Luft schien mir an der Haut zu kleben, schwül und feucht. Sie würden uns irgendwo hinbringen müssen – zur nächsten Siedlung, wo immer das sein mochte –, doch das konnte mehrere Tage dauern. Ich hatte keine Ahnung, wo wir uns befanden.
Hatte man ihn ebenfalls gefangen genommen? Wenn ja, würden sie ihn an denselben Ort bringen wie die Invaliden?