Möglich, dass sie die Frauen freilassen würden, um sie nicht durchfüttern zu müssen. Doch die Frauen würden bei ihren kranken Männern bleiben – zumindest die meisten – und sich mit ihnen teilen, egal, wie wenig und was immer es zu essen gab.
Ich ging langsam über das Feld und führte im Kopf eine Vorauswahl durch – der Mann auf der Bahre würde sterben, wahrscheinlich noch vor Anbruch der Nacht; ich konnte seinen rasselnden Atem aus zwei Metern Entfernung hören –, als ich eine Bewegung auf der Veranda der Hütte wahrnahm.
Die Familie – zwei erwachsene Frauen, zwei Jugendliche, drei Kinder und ein Baby – verließ ihr Haus. Sie trugen ein paar Körbe, Decken und bewegliche Haushaltsgegenstände an sich geklammert. Einer der Offiziere begleitete sie; er führte sie über das Feld und sprach mit einem der Wachtposten, den er offenbar anwies, die Frauen ziehen zu lassen. Eine der Frauen blieb am Rand der Straße stehen und blickte noch einmal zurück. Die andere ging geradewegs weiter, ohne sich umzusehen. Wo waren ihre Männer?
Wo sind meine?
»Hallo«, sagte ich und lächelte einem Mann zu, dem man vor Kurzem das Bein abgenommen hatte. Ich wusste nicht, wie er hieß, doch ich erkannte sein Gesicht; er war einer der wenigen Schwarzen aus Ticonderoga, ein Zimmermann. Ich kniete mich neben ihn. Sein Verband war verrutscht, und aus dem Beinstumpf sickerte Flüssigkeit. »Von Eurem Bein einmal abgesehen, wie fühlt Ihr Euch?« Seine Haut war blassgrau und klamm wie ein nasses Laken, doch er antwortete mir mit einem schwachen Grinsen.
»Meine linke Hand schmerzt gerade nicht besonders.« Zur Demonstration hob er die Hand hoch, ließ sie aber wie einen Bleiklumpen fallen, weil ihm die Kraft fehlte, sie hochzuhalten.
»Das ist gut«, sagte ich und schob meine Finger unter seinen Oberschenkel, um ihn anzuheben. »Lasst mich Euren Verband ordnen – wir haben gleich etwas Wasser für Euch.«
»Das wäre schön«, murmelte er und schloss die Augen zum Schutz vor der Sonne.
Das lose Ende des Verbandes war in sich verdreht wie eine Schlangenzunge und vom getrockneten Blut steif geworden, und die Unterlage war verrutscht. Die Unterlage selbst, ein Umschlag aus Flachssamen und Terpentin, war mit Blut und Lymphe rosa durchtränkt. Doch mir blieb nichts anderes übrig, als sie noch einmal zu benutzen.
»Wie heißt Ihr?«
»Walter.« Seine Augen blieben geschlossen, und er atmete flach und keuchend. Mir ging es kaum anders; die stickige, heiße Luft legte sich wie ein Druckverband auf meine Brust. »Walter … Woodcock.«
»Sehr erfreut, Walter. Mein Name ist Claire Fraser.«
»Ich weiß«, murmelte er. »Ihr seid die Frau vom großen Roten. Ist er lebend aus dem Fort gekommen?«
»Ja«, sagte ich und tupfte mir mein Gesicht an der Schulter ab, damit mir der Schweiß nicht in die Augen lief. »Es geht ihm gut.«
Lieber Gott, bitte lass es ihm gut gehen.
Der englische Offizier kam jetzt wieder auf die Hütte zu und ging dicht an mir vorbei. Ich blickte auf, und meine Hände erstarrten.
Er war hochgewachsen und schlank, aber breitschultrig, und ich hätte diese langen Schritte, diese unbefangene Eleganz und diese arrogante Kopfhaltung überall wiedererkannt. Er blieb stirnrunzelnd stehen und wandte den Kopf, um den Blick über das mit Menschen übersäte Feld wandern zu lassen. Seine Nase war so gerade wie eine Messerklinge und ein kleines bisschen zu lang. Ich schloss für einen Moment die Augen, weil mir schwindelig wurde und ich mir sicher war, dass ich halluzinierte – doch ich öffnete sie sofort wieder, weil ich wusste, dass es nicht so war.
»William Ransom?«, entfuhr es mir, und sein Kopf fuhr überrascht zu mir herum. Blaue Augen, dunkelblau, Fraser-Katzenaugen, zum Schutz vor der Sonne zu Schlitzen verengt.
»Ich, äh, bitte um Verzeihung.« Gott, warum hatte ich ihn nur angesprochen? Doch ich hätte es auch nicht lassen können. Ich hatte meine Finger gegen Walters Bein gepresst, um den Verband festzuhalten; unter meinen Fingerspitzen konnte ich seinen Puls spüren, der genauso unregelmäßig vor sich hinhämmerte wie der meine.
»Kenne ich Euch, Ma’am?«, fragte William mit einer angedeuteten Verbeugung.
»Nun, ja, das tut Ihr«, sagte ich ziemlich entschuldigend. »Vor einigen Jahren habt Ihr einmal eine kleine Weile bei meiner Familie verbracht. An einem Ort namens Fraser’s Ridge.«
Bei diesem Namen änderte sich seine Miene, und sein Blick wurde schärfer und heftete sich neugierig auf mich.
»Oh, ja«, sagte er langsam. »Jetzt erinnere ich mich. Ihr seid Mrs Fraser, nicht wahr?« Ich konnte sehen, wie seine Gedanken arbeiteten, und war fasziniert; er verfügte nicht über Jamies Fähigkeit zu verbergen, was er dachte – oder falls doch, benutzte er sie nicht. Ich konnte sehen, wie er sich fragte – da er ja ein netter, gut erzogener Junge war –, wie wohl die angemessene gesellschaftliche Reaktion auf diese peinliche Situation aussehen mochte und – mit einem raschen Blick in Richtung der Hütte – inwiefern sie mit seinen Dienstpflichten kollidierte.
Seine Schultern versteiften sich entschlossen, doch bevor er etwas sagen konnte, sprang ich in die Bresche.
»Meint Ihr, es wäre vielleicht möglich, ein paar Eimer zum Wasserholen aufzutreiben? Und Verbandsmaterial?« Die meisten Frauen hatten sich zu diesem Zweck bereits Stoffstreifen von den Unterröcken abgerissen; noch etwas länger, und wir würden alle halb nackt herumlaufen.
»Ja«, sagte er bedächtig und blickte auf Walter hinunter, dann zur Straße. »Eimer, ja. Die Division hinter uns wird von einem Stabsarzt begleitet; sobald ich einen Moment Zeit habe, schicke ich ihm jemanden mit der Bitte um Verbandsmaterial.«
»Und etwas zu essen?«, fragte ich hoffnungsvoll. Seit fast zwei Tagen hatte ich nichts mehr gegessen außer einer Handvoll halb reifer Beeren. Der Hunger war zwar nicht schmerzhaft – dafür war mein Magen zu sehr verkrampft –, doch mir wurde immer wieder schwindelig, und Flecken tanzten mir vor den Augen. Den anderen ging es kaum besser; wir würden einige der Invaliden einfach nur durch Hitze und Schwäche verlieren, wenn wir nicht bald etwas zu essen und einen Unterschlupf bekamen.
Er zögerte, und ich sah, wie sein Blick über das Feld huschte, offensichtlich, um die Zahl der Gefangenen einzuschätzen.
»Möglich … Unsere Vorräte sind …« Er presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. »Ich sehe zu, was sich machen lässt. Euer Diener, Ma’am.« Er verneigte sich höflich, wandte sich ab und schritt auf die Straße zu. Fasziniert sah ich ihm nach, den nassen Verband noch in der Hand.
Er war dunkelhaarig, obwohl die Sonne seinem Scheitel einen roten Schimmer verlieh. Seine Stimme war tiefer geworden – nun, natürlich war sie das; bei unserer letzten Begegnung war er höchstens zwölf gewesen –, und es war gerade dermaßen seltsam gewesen, Jamie mit einem kultivierten englischen Akzent sprechen zu hören, dass ich trotz unserer gefährlichen Lage und meiner Sorge um Jamie und Ian am liebsten gelacht hätte. Ich schüttelte den Kopf und machte mich wieder an die Arbeit.
Eine Stunde nach meiner Unterhaltung mit Leutnant Ransom kam ein britischer Gefreiter mit vier Eimern, die er mir wortlos vor die Füße fallen ließ, um dann wieder auf die Straße zuzusteuern. Zwei Stunden später kam eine verschwitzte Ordonnanz mit zwei großen Stoffbeuteln voller Verbände durch den zertrampelten Weizen gestapft. Interessanterweise hielt er geradewegs auf mich zu, sodass ich mich fragte, wie William mich wohl beschrieben haben mochte.
»Danke.« Ich nahm die Verbandsbeutel dankbar entgegen. »Wisst Ihr … glaubt Ihr, wir könnten bald etwas zu essen bekommen?«
Der Mann ließ den Blick über das Feld schweifen und verzog das Gesicht. Natürlich – wahrscheinlich würden die Invaliden unter seine Verantwortung fallen. Dann jedoch wandte er sich wieder zu mir um, höflich, offensichtlich jedoch sehr müde.
»Das bezweifle ich, Ma’am. Die Vorratswagen befinden sich zwei Tage hinter uns, und die Männer leben von dem, was sie bei sich tragen oder was sie unterwegs finden.« Er wies kopfnickend zur Straße hinüber; auf der anderen Seite konnte ich einige englische Soldaten sehen, die dort ihr Lager aufschlugen. »Es tut mir leid«, fügte er förmlich hinzu und wandte sich zum Gehen.