»Oh.« Er hielt inne, nahm sich den Gurt seiner Feldflasche von der Schulter und reichte sie mir. Sie war schwer und gluckerte verlockend. »Leutnant Ellesmere hat gesagt, ich soll Euch das geben.« Er lächelte kurz, und die Falten seiner Müdigkeit glätteten sich. »Er hat gesagt, Ihr seht so aus, als wäre Euch heiß.«
»Leutnant Ellesmere.« Ich begriff, dass das Williams Titel sein musste. »Danke. Und bitte dankt auch dem Leutnant, wenn Ihr ihn seht.« Er war eindeutig im Begriff zu gehen, doch ich musste einfach fragen: »Woher wusstet Ihr, wer ich war?«
Er sah meinen Kopf an, und sein Lächeln wurde breiter.
»Der Leutnant hat gesagt, Ihr wärt der Lockenkopf, der die Leute herumkommandiert wie ein Generalmajor.« Er sah noch einmal über das Feld und schüttelte den Kopf. »Viel Glück, Ma’am.«
Drei Männer starben, bevor die Sonne unterging. Walter Woodcock lebte zwar noch, aber nur gerade eben. Wir transportierten so viele Männer wie möglich in den Schatten der Bäume am Rand des Feldes, und ich teilte die Schwerverletzten in kleine Gruppen ein, denen ich jeweils einen Eimer und zwei oder drei Frauen oder bewegungsfähige Verletzte zuwies, die sich um sie kümmerten. Außerdem hatte ich eine Stelle für die Latrine bestimmt und mein Möglichstes getan, um die ansteckenden Fälle von jenen zu trennen, deren Fieber von ihren Verletzungen oder von der Malaria herrührte. Drei Mann litten an etwas, wovon ich hoffte, dass es nur eine Sommergrippe war, und bei einem befürchtete ich, dass er vielleicht Diphtherie haben könnte. Ich setzte mich an seine Seite – es war ein junger Stellmacher aus New Jersey – und überprüfte in Abständen seine Halsmembranen, während ich ihm so viel wie möglich zu trinken gab. Allerdings nicht aus meiner Feldflasche.
William Ransom, die gute Seele, hatte seine Feldflasche mit Brandy gefüllt.
Ich entkorkte sie und trank einen sparsamen Schluck. Ich hatte jeder Gruppe einen kleinen Becher eingeschenkt und diesen jeweils in einen Eimer Wasser geschüttet – doch ein bisschen hatte ich auch für mich selbst behalten. Das war kein Egoismus; ob ich wollte oder nicht, im Moment befanden sich die Gefangenen in meiner Obhut. Ich musste auf den Beinen bleiben.
Oder zumindest auf dem Hintern, dachte ich in einem spöttischen Anflug von Heiterkeit und lehnte mich an den Stamm einer Eiche. Meine Füße schmerzten bis hinauf zu den Knien, mein Rücken und meine Rippen ächzten mit jedem Atemzug, und hin und wieder musste ich die Augen schließen, um das Schwindelgefühl in Schach zu halten. Doch immerhin saß ich still, und ich hatte das Gefühl, dass das seit Tagen das erste Mal war.
Die Soldaten auf der anderen Straßenseite waren dabei, ihre mageren Rationen zu kochen; bei dem Geruch nach gebratenem Fleisch und Mehl lief mir das Wasser im Mund zusammen, und mein Magen verkrampfte sich schmerzvoll. Mrs Wellmans kleiner Junge hatte den Kopf im Schoß seiner Mutter liegen und jammerte vor Hunger. Sie strich ihm mechanisch über die Haare, den Blick auf die Leiche ihres Mannes gerichtet, die ein kleines Stück entfernt auf dem Boden lag. Wir hatten kein Laken und keine Decke, die wir als Leichentuch hätten benutzen können, doch irgendjemand hatte ihr ein Taschentuch geschenkt, damit sie ihm wenigstens das Gesicht verhüllen konnte. Die Fliegen waren eine Plage.
Die Luft hatte sich Gott sei Dank abgekühlt, doch es drohte immer noch zu regnen; Donner grollte unablässig über den Horizont, und wahrscheinlich würde es irgendwann im Lauf der Nacht schütten. Ich zupfte den schweißdurchtränkten Stoff von meiner Brust los und bezweifelte, dass er noch trocknen würde, bevor wir vom Regen durchnässt wurden. Neidisch betrachtete ich das Lager auf der anderen Straßenseite mit seinen aneinandergereihten kleinen Zelten und Unterständen. Dazu gab es ein etwas größeres Offizierszelt, obwohl mehrere Offiziere vorübergehend in der beschlagnahmten Hütte Quartier bezogen hatten.
Ich sollte dorthin gehen, dachte ich. Den ranghöchsten Offizier aufsuchen und ihn wenigstens um Verpflegung für die Kinder bitten. Wenn der Schatten des hochgewachsenen Kiefernschösslings meinen Fuß berührte, beschloss ich. Dann würde ich gehen. Unterdessen entkorkte ich die Feldflasche und trank noch einen kleinen Schluck.
Mir fiel eine Bewegung ins Auge, und ich blickte auf. Die unverwechselbare Gestalt Leutnant William Ransoms kam zwischen den Zelten hervorgestapft und überquerte die Straße. Es wärmte mir ein wenig das Herz, ihn zu sehen, obwohl sein Anblick auch meine Sorge um Jamie verstärkte – und mich mit einem kleinen Stich an Brianna erinnerte. Sie war wenigstens in Sicherheit, dachte ich. Roger, Jemmy und Amanda ebenfalls. Ich sagte ihre Namen wie einen kleinen, tröstenden Refrain vor mich hin, zählte sie wie Münzen. Vier von ihnen außer Gefahr.
William hatte seine Halsbinde gelöst, sein Haar war zerzaust und sein Rock voller Schweiß- und Schmutzflecken. Offensichtlich zehrte die Verfolgungsjagd auch an den Kräften der britischen Armee.
Er sah sich auf dem Feld um, entdeckte mich und kam geradewegs auf mich zu. Ich kämpfte mich wider den Sog der Schwerkraft hoch wie ein Flusspferd aus dem Sumpf.
Ich war kaum aufgestanden und hatte die Hand gehoben, um mir das Haar zu glätten, als eine andere Hand in meinen Rücken stieß. Ich fuhr heftig zusammen, doch glücklicherweise schrie ich nicht auf.
»Ich bin’s, Tante Claire«, flüsterte Ian hinter mir im Schatten. »Komm mit – oh, Himmel.«
William war mir jetzt bis auf wenige Schritte nahe gekommen, und als er den Kopf hob, hatte er Ian erspäht. Er sprang vor, packte mich am Arm und riss mich von den Bäumen fort. Ich stieß einen Schmerzenslaut aus, weil mich Ian nicht minder fest am anderen Arm gepackt hatte und mich kraftvoll in seine Richtung zerrte.
»Lasst sie los!«, knurrte William.
»Ich werde den Teufel tun«, erwiderte Ian hitzig. »Lasst Ihr sie los!«
Mrs Wellmans kleiner Sohn war aufgestanden und starrte mit großen Augen und offenem Mund in den Wald.
»Mama, Mama! Indianer!«
Unter den Frauen in unserer Nähe erhob sich Geschrei, und alles begann, wie verrückt vom Wald fortzurennen. Die Verletzten überließen sie sich selbst.
»Ach, verdammt!«, sagte Ian und ließ mich angewidert los. William jedoch nicht; er zerrte mit solcher Kraft an mir, dass ich gegen ihn prallte, woraufhin er prompt die Arme um meine Taille schlang und mich ein kleines Stück auf das Feld zog.
»Würdet Ihr endlich meine Tante loslassen?«, knurrte Ian gereizt und trat zwischen den Bäumen hervor.
»Ihr!«, bellte William. »Was wollt Ihr? Nun, egal. Eure Tante, sagt Ihr?« Er blickte auf mich hinunter. »Seid Ihr das? Seine Tante? Halt – natürlich seid Ihr das.«
»Das stimmt«, pflichtete ich ihm bei und drückte gegen seine Arme. »Lasst mich los.«
Sein Griff lockerte sich ein wenig, doch er ließ mich nicht los.
»Wie viele Männer habt Ihr dabei?«, wollte er wissen und wies mit dem Kinn zum Wald.
»Wenn ich welche dabeihätte, wärt Ihr längst tot«, teilte ihm Ian mit. »Ich bin allein. Überlasst sie mir.«
»Das kann ich nicht.« Doch in Williams Stimme klang Unsicherheit mit, und ich spürte, wie er den Kopf wandte und zur Hütte hinübersah. Bis jetzt war noch niemand herausgekommen, doch ich konnte erkennen, wie einige der Wachtposten an der Straße unruhig hin und her gingen und sich anscheinend zu fragen begannen, was los war. Die anderen Gefangenen rannten zwar nicht mehr weiter, doch sie bebten geradezu vor Panik, und ihre Augen suchten nervös die Schatten zwischen den Bäumen ab.
Ich versetzte William einen heftigen Klaps auf das Handgelenk, und er ließ los und trat einen Schritt zurück. Mir war schon wieder schwindelig – nicht zuletzt aufgrund des höchst merkwürdigen Gefühls, von einem völlig Fremden umarmt zu werden, dessen Körper sich so vertraut anfühlte. Er war dünner als Jamie, aber –