»Schuldet Ihr mir ein Leben oder nicht?« Ohne eine Antwort abzuwarten, wies Ian mit dem Daumen auf mich. »Aye – dann ist es das ihre.«
»Hier geht es ja wohl kaum um ihr Leben«, sagte William ziemlich gereizt und nickte dann verlegen in meine Richtung, um anzudeuten, dass ich möglicherweise ebenfalls an diesem Gespräch interessiert sein könnte. »Ihr glaubt doch wohl nicht, dass wir Frauen umbringen?«
»Nein«, sagte Ian ungerührt. »Das glaube ich allerdings nicht. Ich weiß nämlich genau, dass Ihr es tut.«
»Was?«, erwiderte William. Seine Miene war überrascht, doch seine Wangen wurden plötzlich rot.
»Doch«, versicherte ich ihm. »General Howe hat in New Jersey drei Frauen hängen lassen, um in der Armee ein Exempel zu statuieren.«
Das schien ihn sehr in Verlegenheit zu bringen.
»Nun … Aber sie waren doch Spioninnen.«
»Und Ihr glaubt, ich sehe nicht wie eine Spionin aus?«, erkundigte ich mich. »Ich danke Euch sehr für Euer Wohlwollen, doch ich weiß nicht, ob General Burgoyne es teilen würde.« Natürlich gab es noch viele andere Frauen, die durch die Hand der britischen Armee gestorben waren, wenn auch weniger offiziell, doch dies schien nicht der richtige Moment zu sein, um sie anzuführen.
»General Burgoyne ist ein Gentleman«, sagte William steif. »Und ich bin es auch.«
»Gut«, sagte Ian kurz. »Dann dreht Euch dreißig Sekunden um, und wir machen Euch keinen Kummer mehr.«
Ich weiß nicht, ob er es getan hätte oder nicht, doch just in diesem Moment gellten auf der anderen Straßenseite Indianerschreie durch die Luft. Wieder erhob sich panisches Geschrei unter den Gefangenen, und ich biss mir auf die Zunge, um nicht ebenfalls aufzuschreien. Eine Feuerzunge erhob sich von der Spitze des Offizierszeltes in den Lavendelhimmel. Während ich sie angaffte, schossen zwei weitere flammende Kometen über den Himmel. Es sah aus wie das Eintreffen des Heiligen Geistes, doch bevor ich diese interessante Beobachtung aussprechen konnte, hatte mich Ian am Arm gepackt und mich beinahe umgerissen.
Es gelang mir, im Vorübergehen die Feldflasche an mich zu raffen, und dann rannten wir zum Wald. Ian nahm sie mir ab und zerrte mich hastig hinter sich her. Hinter uns brachen Gewehrfeuer und Geschrei aus, und die Haut auf meinem Rücken zog sich angstvoll zusammen.
»Hier entlang.« Ich folgte ihm, ohne auf eventuelle Hindernisse am Boden zu achten; ich stolperte im Dämmerlicht und verdrehte mir die Knöchel, und dann warfen wir uns kopfüber ins Gebüsch und kämpften uns durchs Dickicht weiter, weil wir jeden Moment erwarteten, dass man uns in den Rücken schoss.
Das Gehirn verfügt über seltsame Fähigkeiten, sich selbst zu amüsieren. Ich konnte mir deshalb detailliert ausmalen, wie ich mich verletzte, gefasst wurde, in eine Entzündung abglitt, der eine Blutvergiftung folgte, und schließlich langsam starb, jedoch nicht, ohne zuvor mit anzusehen, wie man sowohl Jamie – ich hatte den Urheber der Indianerschreie und der Brandpfeile ohne Schwierigkeiten erkannt – als auch Ian festnahm und hinrichtete.
Erst als wir langsamer wurden – gezwungenermaßen; ich hatte solche Seitenstiche, dass ich kaum atmen konnte –, kamen mir andere Dinge in den Sinn. Die Kranken und Verletzten, die ich zurückgelassen hatte. Walter Woodcock, der am Rand des Todes schwebte.
Du hättest ihnen allen ohnehin höchstens die Hand halten können, sagte ich mit Nachdruck zu mir selbst, während ich Ian hinterherhumpelte. Es war die Wahrheit; ich wusste, dass es die Wahrheit war. Doch ich wusste auch, dass hin und wieder eine Hand in der Dunkelheit einem Menschen etwas gab, woran er sich im tosenden Wind des Todesengels klammern konnte. Manchmal war das schon genug; manchmal nicht. Doch der Schmerz dieser Zurückgelassenen zog an mir wie ein Anker auf See, und ich war mir nicht sicher, ob die Flüssigkeit, die mir über das Gesicht rann, Schweiß war oder Tränen.
Es war jetzt vollkommen dunkel, und die Wolkenberge verdeckten den Mond, der nur noch hin und wieder durch eine Lücke strahlte. Ian hatte sein Tempo weiter verringert, um mich nicht zu verlieren, und hin und wieder nahm er meinen Arm, um mir über einen Felsen oder einen Bach hinwegzuhelfen.
»Wie … weit noch?«, keuchte ich und blieb abermals stehen, um nach Luft zu schnappen.
»Nicht mehr weit«, erwiderte Jamies Stimme leise neben mir. »Geht es dir gut, Sassenach?«
Mein Herz tat einen gewaltigen Satz und ließ sich dann wieder in meiner Brust nieder, während er nach meiner Hand tastete und mich kurz an sich drückte. Einen Moment lang empfand ich derart durchdringende Erleichterung, dass ich das Gefühl hatte, meine Knochen hätten sich aufgelöst.
»Ja«, sagte ich in seine Brust hinein und hob dann mit großer Anstrengung den Kopf. »Dir?«
»Jetzt auch gut«, sagte er. Seine Hand strich mir über den Kopf und berührte meine Wange. »Kannst du noch ein kleines Stück laufen?«
Ich richtete mich auf und schwankte sacht. Es hatte angefangen zu regnen; schwere Tropfen platschten mir ins Haar und landeten überraschend kalt auf meiner Kopfhaut.
»Ian – hast du diese Feldflasche noch?«
Ich hörte ein leises Plop!, und Ian drückte mir die Feldflasche in die Hand. Ganz vorsichtig hob ich sie an meinen Mund.
»Ist das etwa Brandy?«, sagte Jamie, der sich erstaunt anhörte.
»Mmm-hmm.« Ich schluckte, so langsam ich konnte, und reichte ihm die Feldflasche. Ein paar Schlucke waren noch übrig.
»Woher hast du ihn?«
»Dein Sohn hat ihn mir gegeben«, sagte ich lapidar. »Wohin gehen wir?«
Lange blieb es still in der Dunkelheit, dann hörte ich, wie der Brandy getrunken wurde.
»Nach Süden«, sagte er schließlich. Er nahm meine Hand und führte mich in den Wald, während der Regen flüsternd auf die Blätter fiel.
Durchnässt und zitternd holten wir die Miliz kurz vor Tagesanbruch ein und wären fast aus Versehen von einem nervösen Wachtposten erschossen worden. Doch das war mir zu diesem Zeitpunkt schon beinahe gleichgültig. Der Tod war auf jeden Fall besser als der Gedanke, nur einen einzigen weiteren Schritt zu tun.
Nachdem man uns für vertrauenswürdig befunden hatte, verschwand Jamie kurz und kam mit einer Wolldecke und drei frischen Maisküchlein zurück. Ich verschlang meinen Anteil an dieser Götterspeise in ungefähr vier Sekunden, wickelte mich in die Decke und legte mich an einer Stelle unter einen Baum, wo der Boden zwar feucht war, aber nicht schlammig, und wo eine dicke Laubschicht gemütlich unter mir nachgab.
»Ich bin sofort zurück, Sassenach«, flüsterte Jamie, der sich neben mich gehockt hatte. »Bitte geh nirgendwohin, aye?«
»Keine Sorge – ich werde hier sein. Jede Bewegung, die ich vor Weihnachten mache, wäre zu früh.« Meine zitternden Muskeln erwärmten sich bereits ein wenig, und der Schlaf zog mich so unentrinnbar in die Tiefe wie Treibsand.
Er lachte leise auf und streckte die Hand aus, um mir die Decke an den Schultern festzustecken. Das Dämmerlicht zeigte mir die tiefen Furchen, die die Nacht in sein Gesicht gegraben hatte, die Flecken aus Schmutz und Erschöpfung, die seine kräftigen Knochen zeichneten. Der breite Mund, den er so lange zusammengepresst hatte, hatte sich jetzt in der Erleichterung der vorübergehenden Sicherheit entspannt, und er sah seltsam jung und verletzlich aus.
»Er sieht aus wie du«, flüsterte ich. Seine Hand erstarrte auf meiner Schulter, und er blickte auf mich hinunter, die Augen hinter den langen Wimpern verborgen.
»Ich weiß«, sagte er ganz leise. »Erzähl mir von ihm. Später, wenn wir Zeit haben.«
Ich hörte seine Schritte, ein Rascheln im feuchten Laub, und schlief ein, ein Gebet für Walter Woodcock unvollendet im Sinn.
Kapitel 57
Das Deserteursspiel
Die Hure grunzte, einen Lumpen zwischen die zusammengebissenen Zähne geklemmt.