»Fast fertig«, murmelte ich und fuhr ihr sanft mit dem Handrücken über den Unterschenkel, um sie zu beruhigen, bevor ich mit dem Debridement ihrer unangenehmen Fußverletzung fortfuhr. Das Pferd eines Offiziers war auf sie getreten, als sie – und eine ganze Reihe anderer Menschen und Tiere – sich während des Rückzugs an einem Bach gedrängt hatten, um zu trinken. Ich konnte deutlich sehen, wie sich die Hufnägel schwarz auf der roten, geschwollenen Haut ihres Spanns abzeichneten. Das Hufeisen war so abgenutzt gewesen, dass seine papierdünne, messerscharfe Kante einen tiefen, gebogenen Einschnitt hinterlassen hatte, der ihr über die Mittelfußknochen lief und zwischen dem vierten und fünften Zeh verschwand.
Ich hatte schon befürchtet, den kleinen Zeh amputieren zu müssen – der nur noch an einem Hautfetzen zu hängen schien –, doch als ich den Fuß näher untersuchte, stellte ich fest, dass sämtliche Knochen wundersamerweise intakt waren – soweit ich das ohne Röntgengerät sagen konnte.
Sie hatte mir erzählt, dass der Pferdehuf ihren Fuß in den Schlamm des Flussbetts gedrückt hatte; das hatte sie wahrscheinlich davor bewahrt, dass die Knochen zermalmt wurden. Wenn es mir jetzt noch gelang, die Entzündung in den Griff zu bekommen, und ich den Fuß nicht zu amputieren brauchte, würde sie vielleicht sogar wieder ganz normal laufen können. Vielleicht.
Mit vorsichtigem Optimismus legte ich das Skalpell beiseite und griff nach einer Flasche, deren Inhalt hoffentlich eine penizillinhaltige Flüssigkeit war, die ich aus dem Fort mitgebracht hatte. Ich hatte die Optik von Dr. Rawlings’ Mikroskop aus den Überresten des Hausbrandes gerettet und fand sie zwar sehr nützlich zum Feueranzünden – doch ohne Okular, Objektträger oder Spiegel war ihr Nutzen bei der Identifikation von Mikroorganismen höchst begrenzt. Ich konnte mir zwar sicher sein, dass das, was ich herangezüchtet und gefiltert hatte, Brotschimmel war, ja – doch darüber hinaus …
Mit einem unterdrückten Seufzer schüttete ich die Flüssigkeit großzügig über das rohe Fleisch, das ich gerade freigelegt hatte. Sie war zwar nicht alkoholisch, doch das Gewebe war roh. Die Hure stieß einen schrillen Laut durch das Tuch aus und atmete durch die Nase wie eine Dampfmaschine, doch als ich ihr schließlich eine Kompresse mit Lavendel und Beinwell angelegt und den Fuß verbunden hatte, war sie wieder ruhig, wenn auch noch sehr rot.
»So«, sagte ich und tätschelte ihr vorsichtig das Bein. »Ich denke, so ist es gut.« Ich hatte schon automatisch angehoben, »Haltet es sauber« zu sagen, doch ich biss mir auf die Zunge. Sie hatte keine Schuhe und Strümpfe und verbrachte ihre Tage entweder auf dem Marsch durch eine Wildnis aus Felsen, Erde und Bächen oder in einem schmutzigen Feldlager voller menschlicher und tierischer Dunghaufen. Ihre Fußsohlen waren hart wie Horn und schwarz wie die Sünde.
»Kommt in ein oder zwei Tagen noch einmal zu mir«, sagte ich stattdessen. Wenn Ihr könnt, dachte ich. »Dann sehe ich es mir noch einmal an und wechsele Euch den Verband.« Wenn ich kann, dachte ich mit einem Seitenblick auf den Rucksack in der Ecke, in dem ich meine schwindenden Arzneivorräte aufbewahrte.
»Danke, sehr gütig«, sagte die Hure. Sie setzte sich auf und stellte den Fuß vorsichtig auf den Boden. Der Haut ihrer Beine und Füße nach war sie noch jung, doch ihrem Gesicht sah man das nicht an. Ihre Haut war verwittert, und Hunger und Strapazen hatten sich tief darin eingegraben. Ihre Wangenknochen waren scharf vor Hunger, und ihr Mund war auf einer Seite eingesunken, weil ihr dort die Zähne fehlten – der Fäulnis anheimgefallen oder von einem Kunden oder einer anderen Hure ausgeschlagen.
»Glaubt Ihr, Ihr werdet noch ein wenig hier sein?«, fragte sie. »Ich habe eine Freundin, die die Krätze hat.«
»Wir werden auf jeden Fall heute hier übernachten«, versicherte ich ihr und stand mit einem unterdrückten Stöhnlaut auf. »Schickt mir Eure Freundin; dann sehe ich, was ich tun kann.«
Unser Miliztrupp war mit anderen versprengten Gruppen zusammengetroffen und hatte sich mit ihnen zusammengeschlossen. Innerhalb weniger Tage begannen sich unsere Wege mit denen anderer Rebellengruppen zu kreuzen. Wir begegneten Bruchstücken von General Schuylers und General Arnolds Armeen, die sich ebenfalls südwärts durch das Tal des Hudson bewegten.
Tagsüber marschierten wir immer noch ohne Pause weiter, doch wir begannen, uns so sicher zu fühlen, dass wir nachts schliefen. Und da uns die Armee mit Verpflegung versorgte – zwar unregelmäßig, aber dennoch –, kam ich allmählich wieder zu Kräften. Eigentlich regnete es meistens nachts, doch heute regnete es auch bei Tagesanbruch noch, und wir stapften stundenlang durch den Matsch, bevor ein Unterschlupf in Sicht kam.
General Arnolds Männer hatten die Farm geplündert und das Haus abgebrannt. Eine Wand der Scheune war stark verkohlt, doch das Feuer war erloschen, bevor es das Gebäude verzehrt hatte.
Ein Windstoß fegte durch die Scheune, wehte verfaultes Stroh und Staub umher und peitschte uns die Unterröcke um die Beine. Die Scheune hatte ursprünglich einen Holzboden gehabt; ich konnte die Abdrücke der Dielen noch in der Erde sehen. Die Verpflegungstrupps hatten sie herausgerissen, um sie als Brennholz mitzunehmen, doch Gott sei Dank war es ihnen zu mühselig gewesen, die Scheune abzureißen.
Einige der Flüchtlinge aus Ticonderoga hatten hier bereits Unterschlupf gesucht; bis zum Abend würden es noch mehr werden. Eine Mutter mit zwei kleinen, erschöpften Kindern schlief zusammengerollt an der Wand; ihr Mann hatte sie hergebracht und sich dann auf die Suche nach etwas Essbarem gemacht.
Bittet aber, dass eure Flucht nicht geschehe im Winter oder am Sabbat …
Ich folgte der Hure zur Tür und blieb dort stehen, um ihr nachzusehen. Die Sonne berührte jetzt den Horizont; etwa noch eine Stunde Tageslicht, doch der Abendwind wehte bereits durch die Wipfel, und die Nacht kam mit flüsterndem Atem. Ich erschauerte unwillkürlich, obwohl es eigentlich noch warm war.
Was willst du eigentlich tun, wenn es einmal wirklich kalt wird?, fragte mich die leise, nervöse Stimme, die in meiner Magengrube zu Hause war.
»Dann ziehe ich mir noch ein Paar Strümpfe an«, knurrte ich zurück. »Ruhe jetzt!«
Ein echter Christenmensch hätte das zweite Paar Strümpfe aber der Hure mit den nackten Füßen gegeben, merkte die scheinheilige Stimme meines Gewissens an.
»Ebenfalls Ruhe«, zischte ich. »Ich bekomme schon noch genügend Gelegenheit, die Christin zu spielen – falls mir danach ist.« Außerdem hatte mindestens die Hälfte der Flüchtenden keine Strümpfe.
Ich fragte mich, was ich wohl für die Freundin der Hure tun konnte, falls sie kam. »Die Krätze« konnte alles Mögliche von einem tatsächlichen Krätze-Ekzem oder Windpocken bis hin zur Gonorrhö sein – obwohl man angesichts des Berufes der Frau wohl von einer Geschlechtskrankheit ausgehen konnte. Damals in Boston wäre es wahrscheinlich eine simple Hefepilzinfektion gewesen – merkwürdigerweise sah ich so etwas hier kaum, und mir kam der Gedanke, dass dies vielleicht dem weitverbreiteten Verzicht auf jede Unterwäsche zu verdanken war. So viel zu den Errungenschaften der Moderne!
Ich ließ den Blick noch einmal auf den Rucksack fallen und überlegte, was ich noch übrig hatte und wie ich es verwenden konnte. Reichlich Verbände und Watte. Einen Topf Enziansalbe für die allgegenwärtigen Schürfwunden. Einen kleinen Vorrat der Heilkräuter, die sich am besten für Tinkturen und Kompressen eigneten: Lavendel, Beinwell, Pfefferminze, Senfsaat. Wie durch ein Wunder hatte ich die Chinarinde noch, die ich in New Bern gekauft hatte – ich dachte an Tom Christie und bekreuzigte mich, verdrängte dann aber jeden Gedanken an ihn; es gab nichts, was ich für ihn tun konnte, und ich war hier wirklich beschäftigt genug. Zwei Skalpelle, die ich Leutnant Stactoes Leiche entwendet hatte – er war unterwegs einer Fiebererkrankung erlegen –, und meine silberne Chirurgenschere. Jamies goldene Akupunkturnadeln hätte ich zwar auch zur Behandlung anderer benutzen können, doch leider wusste ich nur, wo man sie zur Behandlung der Seekrankheit setzen musste.