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Ich konnte Stimmen hören; Verpflegungstrupps waren im Wald unterwegs, hier und dort rief jemand einen Namen, suchte einen unterwegs verloren gegangenen Freund oder ein Familienmitglied. Die Flüchtlinge begannen, sich für die Nacht niederzulassen.

Dicht in meiner Nähe knackten Äste, und ein Mann kam aus dem Wald. Ich kannte ihn nicht. Zweifellos einer der »Schmutzstrümpfe« aus einer der Milizen; er trug eine Muskete in der Hand und ein Pulverhorn am Gürtel. Sonst nicht viel. Und ja, er war barfuß, auch wenn seine Füße viel zu groß waren, um meine Strümpfe zu tragen – eine Tatsache, auf die ich mein Gewissen vorsichtshalber hinwies, bevor es sich bemüßigt fühlte, mich erneut zur Nächstenliebe zu drängen.

Er sah mich in der Tür stehen und hob die Hand.

»Seid Ihr die Heilerin?«, rief er.

»Ja.« Ich hatte den Versuch aufgegeben, die Leute dazu zu bewegen, mich als Ärztin zu bezeichnen.

»Bin einer Hure mit einem feinen neuen Verband am Fuß begegnet«, sagte der Mann und lächelte mich an. »Sie sagt, in der Scheune ist eine Heilerin mit Medizin.«

»Ja«, sagte ich erneut und betrachtete ihn rasch von oben bis unten. Ich sah keine äußerliche Verletzung, und er war nicht krank – das sah ich an seiner Gesichtsfarbe und seiner aufrechten Haltung. Vielleicht hatte er ja eine Frau, ein Kind oder einen kranken Kameraden.

»Dann gebt sie mir«, sagte er immer noch lächelnd und richtete die Mündung der Muskete auf mich.

»Was?«, sagte ich überrascht.

»Gebt mir Eure Medizin.« Er kam näher und fuchtelte mit der Muskete in der Luft herum. »Könnte Euch einfach erschießen und mich selbst bedienen, aber ich will das Pulver nicht verschwenden.«

Ich stand reglos da und starrte ihn an.

»Was zum Teufel wollt Ihr denn damit?« Ich war schon einmal von jemandem überfallen worden, der Medikamente wollte – in der Bostoner Notaufnahme. Ein verschwitzter, glasig blickender junger Süchtiger mit einer Pistole. Ich hatte ihm sofort gegeben, was er wollte. Jetzt jedoch hatte ich das nicht vor.

Er prustete und spannte seine Muskete. Bevor ich jedoch nur auf die Idee kommen konnte, Angst zu haben, erscholl ein lauter Knall, und es roch nach Pulverqualm. Der Mann zog ein völlig überraschtes Gesicht und ließ die Hand mit der Muskete sinken. Dann fiel er mir vor die Füße, in die Scheune hinein.

»Halt das für mich, Sassenach.« Jamie drückte mir die gerade abgefeuerte Pistole in die Hand und fasste den Toten an den Füßen. Er zerrte ihn aus der Scheune in den Regen hinaus. Ich schluckte, griff in meine Tasche und holte meine Ersatzstrümpfe heraus. Ich ließ sie der erschrockenen Frau mit den Kindern in den Schoß fallen und ging dann zur Wand hinüber, um die Pistole und den Rucksack abzustellen. Ich war mir bewusst, dass mir die Blicke der Mutter und ihrer Kinder folgten – die dann wieder zur offenen Tür zuckten. Als ich mich umdrehte, sah ich Jamie hereinkommen, nass bis auf die Haut, das Gesicht ausgezehrt vor Erschöpfung.

Er durchquerte die Scheune, setzte sich neben mich, legte den Kopf auf die Knie und schloss die Augen.

»Danke, Sir«, sagte die Frau ganz leise. »Ma’am.«

Im ersten Moment dachte ich, er wäre auf der Stelle eingeschlafen, denn er regte sich nicht. Kurz darauf jedoch sagte er genauso leise: »Gern geschehen, Ma’am.«

Ich war mehr als erfreut, die Hunters wiederzutreffen, als wir das nächste Dorf erreichten; sie hatten sich in einem der Boote befunden, die ganz zu Anfang abgefangen wurden, hatten aber entkommen können, indem sie nach Anbruch der Dunkelheit einfach in den Wald marschierten. Da sich die Soldaten, die sie gefangen genommen hatten, nicht die Mühe gemacht hatten, ihre Gefangenen zu zählen, war niemandem aufgefallen, dass sie nicht mehr da waren.

Im Großen und Ganzen besserte sich unsere Lage ständig. Wir fanden mehr Verpflegung vor und marschierten mit der regulären Kontinentalarmee. Doch Burgoynes Armee befand sich nach wie vor nur ein paar Meilen hinter uns, und die Strapazen des langen Rückzugs begannen, ihren Tribut zu fordern. Desertion war weitverbreitet – wenn auch niemand genaue Zahlen kannte. Unter dem Einfluss der Kontinentalarmee wurden zwar Organisation, Disziplin und militärische Strukturen wiederhergestellt, doch es gab immer noch Männer, denen es gelang, sich unauffällig davonzustehlen.

Es war Jamie, der sich das Deserteursspiel einfallen ließ. In den britischen Feldlagern nahm man Deserteure freundlich auf, gab ihnen Essen und Kleider und fragte sie aus.

»Also geben wir ihnen Antworten, aye?«, sagte er. »Und es ist doch nur fair, wenn wir zum Dank dafür auch ein paar zurückbekommen, oder?«

Die Gesichter der Offiziere, denen er diese Idee erläuterte, begannen, freudig zu strahlen. Und innerhalb der nächsten Tage begaben sich sorgfältig ausgewählte »Deserteure« unauffällig ins Feindeslager und wurden dort britischen Offizieren vorgeführt, woraufhin die präparierten Geschichten nur so aus ihnen heraussprudelten. Und nach einem guten Abendessen nutzten sie die erstbeste Gelegenheit, um zu den Amerikanern zurückzudesertieren – und brachten dann nützliche Informationen über unsere britischen Verfolger mit.

Ian unternahm zwar gelegentliche Stippvisiten zu den Indianerlagern, wenn es ihm ungefährlich erschien, doch dieses Spiel spielte er nicht mit; er war zu auffällig. Ich hatte das Gefühl, dass sich Jamie gern einmal als Deserteur verkleidet hätte – es hätte sowohl seinem Gespür für das Dramatische als auch natürlich seiner Abenteuerlust entsprochen, die schließlich beträchtlich war. Doch seine Körpergröße und sein auffallendes Aussehen machten auch ihm einen Strich durch die Rechnung; die Deserteure mussten ganz normale Männer sein, die hinterher niemand wiedererkennen würde.

»Denn die Briten werden früher oder später begreifen, was hier gespielt wird. Sie sind schließlich keine Dummköpfe. Und ihre Reaktion wird bestimmt keine freundliche sein.«

Wieder hatten wir für die Nacht in einer Scheune Zuflucht gefunden – diesmal war sie nicht angekokelt, und es gab sogar noch ein paar staubige Heuhaufen, obwohl das Vieh längst verschwunden war. Wir waren allein, würden es wahrscheinlich aber nicht lange bleiben. Das Zwischenspiel im Garten des Kommandeurs kam mir vor, als hätte es in einem anderen Leben stattgefunden, doch ich legte meinen Kopf an Jamies Schulter und entspannte mich in seiner Wärme und Geborgenheit.

»Glaubst du vielleicht –«

Jamie hielt abrupt inne und klammerte die Hand um mein Bein. Im nächsten Moment hörte auch ich das verstohlene Rascheln, das ihn alarmiert hatte, und mein Mund wurde trocken. Es konnte alles sein – von einem Wolf auf der Pirsch bis hin zu einem Indianerhinterhalt. Was immer es war, es war groß, und ich tastete – so lautlos wie möglich – nach der Tasche, in der ich das Messer verstaut hatte, das Jamie mir gegeben hatte.

Kein Wolf; irgendetwas huschte an der offenen Tür vorüber, ein mannshoher Schatten, und verschwand. Jamie drückte mir den Oberschenkel, und dann war er fort. In geduckter Haltung bewegte er sich lautlos durch die Scheune. Im ersten Moment konnte ich ihn in der Dunkelheit der Scheune nicht sehen, doch meine Augen waren schon daran gewöhnt, und Sekunden später fand ich ihn, einen langen dunklen Schatten, der sich dicht neben der Tür an die Wand presste.

Der Schatten im Freien war zurück; vor dem helleren Schwarz der Nacht malte sich der gedrungene Umriss eines Kopfes ab. Ich zog die Füße ein, um schnell aufstehen zu können, und meine Haut prickelte vor Angst. Die Tür war der einzige Ausgang; vielleicht sollte ich mich doch besser zu Boden werfen und mich zur Wand rollen. Möglicherweise konnte ich so der Entdeckung entgehen – oder den Eindringling mit etwas Glück am Knöchel fassen oder ihm das Messer in den Fuß stechen.

Ich stand kurz davor, diese Strategie in die Tat umzusetzen, als ein bebendes Flüstern aus der Finsternis drang.

»Freund – Freund James?«, sagte es, und ich atmete mit einem Keuchlaut auf.