»Seid Ihr das, Denzell?«, sagte ich, um einen normalen Tonfall bemüht.
»Claire!« Erleichtert stürmte er zur Tür herein, um prompt über irgendetwas zu stolpern und kopfüber auf den Boden zu krachen.
»Schön, Euch wiederzusehen, Freund Hunter«, sagte Jamie, dessen Stimme das nervöse Bedürfnis zu lachen deutlich anzuhören war. »Habt Ihr Euch wehgetan?« Der lange Schatten löste sich von der Wand, um unserem Besucher aufzuhelfen.
»Nein. Nein, ich glaube nicht. Obwohl ich eigentlich gar nicht mehr weiß – James, ich habe es geschafft!«
Es folgte kurzes Schweigen.
»Wie nah sind sie uns denn, a charaidh?«, fragte Jamie leise. »Und sind sie in Bewegung?«
»Nein, dem Herrn sei Dank.« Denzell ließ sich neben mich plumpsen, und ich konnte spüren, wie er zitterte. »Sie warten darauf, dass ihre Verpflegungskolonne sie einholt. Sie wagen es nicht, sie zu weit zurückzulassen, und sie kommen nur sehr schwer voran, weil wir die Straßen so verwüstet haben.« Der Stolz in seiner Stimme war nicht zu überhören. »Und der Regen hat natürlich ebenfalls ordentlich nachgeholfen.«
»Wisst Ihr, wie lange das dauern wird?«
Ich sah, wie Denzell eifrig nickte.
»Einer der Sergeanten hat gesagt, es könnte noch zwei oder drei Tage dauern. Er hat ein paar Soldaten ermahnt, sparsam mit dem Mehl und dem Bier umzugehen, weil sie keines mehr bekommen würden, bis die Wagen kämen.«
Jamie atmete aus, und ich spürte einen Teil seiner Anspannung von ihm abfallen. Mir ging es ebenso, und ich empfand eine Welle tiefer Dankbarkeit. Wir konnten uns Zeit zum Schlafen nehmen. Jetzt floss die Spannung aus mir heraus wie Wasser, und ich bekam kaum noch mit, was Denzell sonst noch zu berichten hatte. Ich hörte Jamies Stimme, die ihn murmelnd beglückwünschte; er klopfte Denzell auf die Schultern und schlüpfte aus der Scheune, wohl, um das Gehörte weiterzusagen.
Denzell saß ganz still; nur sein Atmen war zu hören. Ich konzentrierte mich mit letzter Kraft und versuchte, mich höflich zu benehmen.
»Haben sie Euch etwas zu essen gegeben, Denzell?«
»Oh.« Denzells Tonfall veränderte sich, und er begann, in seiner Tasche umherzutasten. »Hier. Das habe ich dir mitgebracht.« Er drückte mir etwas in die Hände: einen kleinen, zerquetschten Brotlaib, der ziemlich angebrannt war – wie ich an der harten Kruste und dem Aschegeruch erkannte. Mir lief das Wasser im Mund zusammen.
»O nein«, brachte ich heraus und versuchte, ihm das Brot zurückzugeben. »Ihr solltet –«
»Ich habe zu essen bekommen«, beruhigte er mich. »Es gab Eintopf. Und ich habe noch ein Brot für meine Schwester in der Tasche. Sie haben mir das Essen gegeben«, versicherte er mir ernst. »Ich habe es nicht gestohlen.«
»Danke«, war alles, was ich sagen konnte. Mit äußerster Selbstbeherrschung riss ich den Laib entzwei und steckte die eine Hälfte für Jamie ein. Dann stopfte ich mir den Rest in den Mund und zerrte daran wie ein Wolf, der blutige Fetzen von einem Kadaver abreißt.
Dennys Magen knurrte lautstark mit dem meinen um die Wette.
»Ich dachte, Ihr hättet etwas zu essen bekommen!«, sagte ich anklagend.
»Das habe ich auch. Aber der Eintopf scheint nicht bleiben zu wollen, wo er ist«, sagte er mit einem leisen, schmerzerfüllten Lachen. Er beugte sich vornüber, die Arme vor dem Bauch verschränkt. »Ich – äh, Ihr habt nicht vielleicht etwas Gerstenwasser oder Pfefferminze zur Hand, Freundin Claire?«
»Doch«, sagte ich, unaussprechlich erleichtert, weil ich die Reste in meinem Rucksack noch hatte. Viel war es nicht mehr, aber Pfefferminze hatte ich noch. Es gab kein heißes Wasser; ich gab ihm eine Handvoll zu kauen und ließ es ihn mit Wasser aus einer Feldflasche hinunterspülen. Er trank gierig, rülpste, hielt inne und holte dann auf eine Weise Luft, die mir verriet, was mit ihm los war. Ich führte ihn hastig beiseite und hielt ihm den Kopf, während er sich erbrach und die Pfefferminze mitsamt dem Eintopf wieder von sich gab.
»War das Essen schlecht?«, fragte ich und versuchte, seine Stirn zu betasten, doch er entwand sich mir und ließ sich auf einen Strohhaufen fallen, den Kopf auf den Knien.
»Er hat gesagt, er würde mich hängen«, flüsterte er plötzlich.
»Wer denn?«
»Der englische Offizier. Hauptmann Bradbury war, glaube ich, sein Name. Hat gesagt, er hätte das Gefühl, dass ich Soldat und Spion spiele, und wenn ich nicht sofort gestehen würde, würde er mich hängen.«
»Aber er hat es nicht getan«, sagte ich leise und legte ihm die Hand auf den Arm.
Er zitterte am ganzen Leib, und ich sah einen Schweißtropfen an seinem Kinn hängen, durchsichtig im Dämmerlicht.
»Ich habe – habe zu ihm gesagt, das könnte er natürlich tun. Wenn er wollte. Und ich habe wirklich geglaubt, er tut es. Aber er hat es nicht getan.« Er atmete krampfhaft, und ich begriff, dass er lautlos weinte.
Ich nahm ihn in die Arme, hielt ihn fest, beruhigte ihn, und nach einer Weile hörte er auf. Er schwieg ein paar Minuten.
»Ich dachte, ich wäre bereit zu sterben«, sagte er leise. »Dass ich gern vor den Herrn treten würde, wann immer Er beschließt, mich zu rufen. Zu meiner Schande muss ich sagen, dass das nicht stimmt. Ich hatte solche Angst.«
Ich holte tief Luft und sah ihn mitfühlend an.
»Ich habe mich schon oft gefragt, wie das wohl bei den Märtyrern war«, sagte ich. »Niemand hat je behauptet, dass sie keine Angst hatten. Sie waren nur trotzdem bereit zu tun, was sie getan haben. Und Ihr wart das auch.«
»Ich bin aber nicht ausgezogen, um zum Märtyrer zu werden«, sagte er nach kurzer Pause. Er klang so verzagt, dass ich fast aufgelacht hätte.
»Ich glaube, das tun die meisten nicht«, beruhigte ich ihn. »Und jemand, der es täte, wäre wohl als Mensch kaum zu ertragen. Es ist spät, Denzell, und Eure Schwester wird sich Sorgen machen. Und sie wird Hunger haben.«
Es dauerte über eine Stunde, bis Jamie zurückkam. Ich lag im Heu und hatte das Schultertuch über mich gezogen, doch ich schlief nicht. Er kroch zu mir unter das Tuch, legte sich seufzend hin und legte einen Arm um mich.
»Warum er?«, fragte ich nach kurzer Zeit und bemühte mich um einen ruhigen Tonfall. Es nützte nichts; Jamie war sehr empfänglich für Untertöne – in jeder Stimme, vor allem aber in meiner. Ich sah, wie er abrupt den Kopf abwandte, doch jetzt war es an ihm, einen Moment innezuhalten, bevor er antwortete.
»Er wollte es selbst«, sagte er und war mit seinen Bemühungen um einen ruhigen Ton um einiges erfolgreicher als ich. »Und ich hatte das Gefühl, dass er seine Sache gut machen würde.«
»Gut machen? Er ist doch kein Schauspieler! Du weißt genau, dass er nicht lügen kann; er muss sich doch pausenlos verhaspelt haben! Ich bin erstaunt, dass sie ihm geglaubt haben – falls sie ihm geglaubt haben«, fügte ich hinzu.
»Oh, das haben sie, aye. Glaubst du denn, ein echter Deserteur hätte keine Angst, Sassenach?«, sagte er, und es klang schwach belustigt. »Ich wollte, dass er schwitzt und stottert. Hätte ich versucht, ihn einen Text lernen zu lassen, hätten sie ihn auf der Stelle erschossen.«
Bei diesem Gedanken kam mir das Brot wieder hoch. Ich zwang es zurück in die Tiefe.
»Doch«, sagte ich und schnappte ein paarmal nach Luft. Auch mir stand jetzt der kalte Schweiß im Gesicht, als ich mir vorstellte, wie der kleine Denny Hunter schwitzend und stotternd vor den kalten Augen eines britischen Offiziers stand.
»Doch«, sagte ich noch einmal. »Aber … hätte es denn niemand anders tun können? Denny Hunter ist doch nicht nur unser Freund – er ist Arzt. Er wird gebraucht.«
Jamie wandte mir den Kopf wieder zu. Draußen begann sich der Himmel zu lichten; ich konnte die Umrisse seines Gesichtes sehen.
»Hast du nicht gehört, dass ich gesagt habe, er wollte es selbst, Sassenach?«, fragte er. »Ich habe ihn nicht darum gebeten. Ich habe sogar versucht, es ihm auszureden – genau aus dem Grund, den du gerade angeführt hast. Aber er wollte nichts davon hören und hat mich nur gebeten, mich um seine Schwester zu kümmern, falls er nicht zurückkommen sollte.«