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Rachel. Bei dem Gedanken an sie verkrampfte sich mein Magen aufs Neue.

»Was hat er sich nur dabei gedacht?«

Jamie seufzte tief und drehte sich auf den Rücken.

»Er ist Quäker, Sassenach. Aber er ist auch ein Mann. Wenn er kein Mann wäre, der für seine Überzeugungen kämpft, wäre er ja in seinem Dörfchen geblieben, um Pferde zu verarzten und sich um seine Schwester zu kümmern. Aber das ist er nicht.« Er schüttelte den Kopf und sah mich an.

»Wäre es dir lieber, wenn ich zu Hause bliebe, Sassenach? Dem Kampf den Rücken zukehren würde?«

»Ja«, sagte ich, und aus meiner Erregung wurde Gereiztheit. »Auf der Stelle. Ich weiß nur, dass dir das niemals in den Sinn käme, wozu also?«

Das brachte ihn zum Lachen.

»Dann verstehst du es also«, sagte er und nahm meine Hand. »Für Denzell Hunter ist es dasselbe, aye? Und wenn er schon sein Leben aufs Spiel setzt, muss ich doch dafür sorgen, dass sein Einsatz den größtmöglichen Gewinn einbringt.«

»Wobei man nicht vergessen darf, dass der Gewinn beim Glücksspiel meistens gleich null ist«, stellte ich fest und versuchte, meine Hand wieder an mich zu nehmen. »Hat dir noch niemand gesagt, dass am Ende immer die Bank gewinnt?« Er ließ nicht los, sondern begann stattdessen, mir langsam mit dem Daumen über die Fingerspitzen zu streichen.

»Aye, nun ja. Man kalkuliert die Chancen und mischt die Karten, Sassenach. Und es ist nicht nur Glückssache, aye?« Das Licht hatte unmerklich zugenommen, wie es vor der Dämmerung geschieht. Nichts, was schon so drastisch wie ein Sonnenstrahl gewesen wäre; nur ein allmähliches Auftauchen von Gegenständen, während die Schatten rings um sie herum von Schwarz zu Grau in Blau übergingen.

Sein Daumen glitt in meine Hand, und ich schloss unwillkürlich meine Finger darum, während ich zusah, wie seine Gesichtszüge aus dem Schatten der Nacht auftauchten. Ich zeichnete seine kräftige Augenbraue mit dem Daumen nach und spürte die Matte seines kurzen Bartes unter meiner Handfläche, sah zu, wie sich der formlose Schatten in einzelne Löckchen und Drähtchen auflöste und sich in eine leuchtende Masse aus Kastanienbraun, Gold und Silber verwandelte, die sich deutlich auf seiner wettergegerbten Haut abmalte.

Eigentlich sollten wir schlafen, doch es würde nicht mehr lange dauern, bis sich die Armee ringsum zu regen begann.

»Warum führen Frauen wohl eigentlich keinen Krieg?«

»Ihr seid nicht dafür gemacht, Sassenach.« Seine Hand umfing meine Wange, fest und rau. »Und es wäre auch nicht recht; ihr Frauen nehmt so viel mehr mit, wenn ihr geht.«

»Was meinst du denn damit?«

Seine kleine achselzuckende Geste sagte mir, dass er nach einem Wort oder einem Gedanken suchte, eine unbewusste Bewegung, als sei ihm sein Rock zu eng, selbst wenn er im Moment gar keinen trug.

»Wenn ein Mann stirbt, ist es nur er«, sagte er. »Und ein Mann ist mehr oder weniger wie der andere. Aye, eine Familie braucht einen Mann, der sie versorgt und beschützt. Doch das kann jeder anständige Mann. Eine Frau …« Seine Lippen bewegten sich über meine Fingerspitzen, ein schwaches Lächeln. »Eine Frau nimmt das Leben mit, wenn sie geht. Eine Frau ist … voller grenzenloser Möglichkeiten.«

»Idiot«, sagte ich ganz leise. »Wenn du glaubst, dass ein Mann wie der andere ist.«

Eine Weile lagen wir da und sahen zu, wie das Licht zunahm.

»Wie oft hast du das schon getan, Sassenach?«, fragte er plötzlich. »Zwischen Nacht und Tag verharrt und die Ängste eines Mannes in deiner Hand gehalten?«

»Schon viel zu oft«, behauptete ich, doch das stimmte nicht, und er wusste das. Ich hörte sein Ausatmen, in dem ein Hauch von Humor mitklang, und er drehte meine Handfläche nach oben, um mit dem Daumen über die Hügel und Täler zu fahren, Gelenke und Schwielen, Lebenslinie und Liebeslinie und die glatte Wölbung des Venushügels, wo der Buchstabe »J« immer noch als schwache Narbe zu erkennen war. Ich hielt ihn schon den Großteil meines Lebens in der Hand.

»Das gehört zu meiner Arbeit«, sagte ich. Es war nicht leichtfertig gemeint, und er fasste es auch nicht so auf.

»Glaubst du denn, ich habe keine Angst?«, fragte er leise. »Wenn ich tue, was ich muss?«

»Oh, natürlich hast du Angst«, sagte ich. »Aber du tust es trotzdem. Du bist ein verflixter Glücksspieler – und ein Menschenleben ist der höchste Einsatz, der möglich ist, nicht wahr? Vielleicht dein eigenes – vielleicht das eines anderen.«

»Aye, nun ja«, sagte er leise. »Davon verstehst du ja auch einiges, nicht wahr? Um mich geht es mir aber gar nicht so sehr«, sagte er nachdenklich. »Alles in allem habe ich mich doch hier und da durchaus nützlich gemacht. Meine Kinder sind erwachsen; meinen Enkeln geht es gut – das ist doch das Wichtigste, oder?«

»Ja«, gab ich zu. Die Sonne war da; irgendwo hörte ich einen Hahn krähen.

»Nun denn. Ich kann nicht sagen, dass ich immer noch so viel Angst habe wie früher. Natürlich möchte ich nicht gern sterben – aber vielleicht würde ich es mit weniger Bedauern tun. Andererseits« – er betrachtete mich und zog einen Mundwinkel hoch – »habe ich zwar weniger Angst um mich selbst, aber dafür widerstrebt es mir eher, junge Männer umzubringen, die das Leben noch vor sich haben.« Und das, dachte ich, war dann wohl seine Art, sich für Denny Hunter zu entschuldigen.

»Hast du etwa vor, erst das Alter der Leute zu erraten, die auf dich schießen?«, fragte ich, während ich mich hinsetzte und anfing, mir das Heu aus dem Haar zu kämmen.

»Schwierig«, gab er zu.

»Und ich hoffe doch sehr, dass du nicht vorhast, dich von irgendeinem Schnösel umbringen zu lassen, weil sein Leben noch nicht so erfüllt ist wie deines.«

Er setzte sich ebenfalls aufrecht hin und sah mich ernst an. Heuenden ragten ihm aus Haar und Kleidern.

»Nein«, sagte er. »Ich würde ihn umbringen. Es würde mir nur mehr ausmachen.«

Kapitel 58

Unabhängigkeitstag I

Philadelphia

4. Juli 1777

Grey war noch nie in Philadelphia gewesen. Abgesehen von den Straßen, die sich in einem grauenvollen Zustand befanden, schien es eine recht angenehme Stadt zu sein. Der Sommer hatte die Bäume in der Stadt mit breiten grünen Kronen beglückt, und am Ende seiner Spaziergänge war er mit Laubpartikeln übersät, und seine Stiefelsohlen waren mit zu Boden getropftem Harz verklebt. Vielleicht waren es ja die fiebrigen Temperaturen, die für Henrys Geisteszustand verantwortlich waren, dachte er finster.

Nicht dass er seinem Neffen Vorwürfe machte. Mrs Woodcock war schlank, aber wohlgerundet, und sie hatte ein hübsches Gesicht und einen herzlichen Charakter. Und sie hatte ihn mit ihrer Pflege von der Schwelle des Todes zurückgeholt, als ihn der Offizier des örtlichen Gefängnisses zu ihr gebracht hatte, weil er fürchtete, ein potenziell lukrativer Gefangener könnte sterben, bevor er seine Ernte voll erbracht hatte. So etwas verband natürlich, wie er wusste – obwohl er selbst zum Glück noch nie zärtliche Gefühle für eine der Frauen entwickelt hatte, die sich um ihn gekümmert hatten, wenn er krank war. Bis auf …

»Mist«, sagte er unwillkürlich, sodass ihm ein Passant, der seinem Aussehen nach ein Kirchenmann war, einen finsteren Blick zuwarf.

Er hatte im Geiste eine Teetasse über den Gedanken gestülpt, der ihm wie eine lästige Fliege durch den Kopf summte. Da er es aber nicht lassen konnte, dennoch einen Blick darauf zu werfen, hob er die Tasse an und fand Claire Fraser darunter. Er entspannte sich ein wenig.

Mit Sicherheit keine zärtlichen Gefühle. Andererseits sollte ihn aber der Teufel holen, wenn er wusste, was es gewesen war. In jedem Fall eine höchst merkwürdige Art bestürzender Intimität – die zweifellos daraus resultierte, dass sie Jamie Frasers Frau war und wusste, welche Gefühle er für Jamie hegte. Er schob den Gedanken an Claire Fraser beiseite und widmete sich wieder seiner Sorge um seinen Neffen.