Mrs Woodcock war unleugbar eine angenehme Erscheinung, doch ebenso unleugbar war sie Henry für eine verheiratete Frau ein wenig zu zärtlich zugetan – obwohl ihr Mann Rebell war, wie ihm Henry erzählt hatte, und nur der Himmel wusste, wann oder ob er zurückkehren würde. Schön und gut; zumindest bestand keine Gefahr, dass Henry ihretwegen den Kopf verlor und sie heiratete. Er konnte sich den Skandal schon vorstellen, wenn Henry mit der Witwe eines Zimmermanns heimkehrte, die noch dazu eine schwarze Hexe war. Er grinste bei diesem Gedanken, und seine Gefühle gegenüber Mercy Woodcock nahmen einen etwas freundlicheren Charakter an. Sie hatte Henry schließlich das Leben gerettet.
Vorerst. Dieser unwillkommene Gedanke summte herbei, bevor Grey seine obligate Teetasse darüberstülpen konnte. Er konnte ihm nicht lange ausweichen; er kam ständig zurück.
Er verstand, warum es Henry widerstrebte, sich einer weiteren Operation zu unterziehen. Hinzu kam die Angst, dass er zu schwach sein könnte, um sie durchzustehen. Gleichzeitig jedoch durfte man auch nicht zulassen, dass er in seinem gegenwärtigen Zustand verharrte; er würde einfach dahinschwinden und sterben, wenn ihn Krankheit und Schmerzen erst seiner restlichen Lebenskraft beraubt hatten. Wenn das geschah, würden ihn nicht einmal Mrs Woodcocks körperliche Vorzüge hier festhalten.
Nein, die Operation musste sein, und zwar bald. Im Verlauf seiner Unterhaltungen mit Dr. Franklin hatte ihn der alte Herr auf einen Freund aufmerksam gemacht, Dr. Benjamin Rush, den er als höchst erstaunlichen Mediziner beschrieb. Dr. Franklin drängte Grey, ihn zu besuchen, sollte er sich je in der Stadt aufhalten – und hatte Grey sogar ein Empfehlungsschreiben mitgegeben. Jetzt befand er sich auf dem Weg, dieses vorzuzeigen, in der Hoffnung, dass Dr. Rush entweder selbst der Chirurgie kundig war oder ihn an jemanden verweisen konnte, der es war. Denn ob Henry es wollte oder nicht, es musste sein. In diesem Zustand konnte Grey Henry nicht mit nach England nehmen, und er hatte sowohl Minnie als auch seinem Bruder versprochen, dass er ihnen ihren jüngsten Sohn zurückbringen würde, wenn er noch lebte.
Sein Fuß rutschte auf einem schlammigen Pflasterstein aus, und er stolperte mit einem überraschten Ausruf zur Seite und musste mit den Armen rudern, um das Gleichgewicht zu behalten. Er fing sich wieder und schüttelte sich mit respektabel vorgetäuschter Würde die Kleider wieder zurecht, ohne das Gekicher zweier Milchmädchen zu beachten, die ihn beobachtet hatten.
Verdammt, da war sie wieder. Claire Fraser. Doch warum? Natürlich – der Äther, wie sie es nannte. Sie hatte ihn um ein Glasbehältnis mit irgendeiner Säure gebeten und ihm erzählt, dass sie diese zur Herstellung von Äther benötigte. Nicht im Sinne von etwas Ätherischem, sondern eine chemische Substanz, die den Menschen das Bewusstsein nahm, sodass Operationen … schmerzfrei wurden.
Er blieb mitten auf der Straße stehen. Jamie hatte ihm von den Experimenten seiner Frau mit dieser Substanz erzählt, samt einer detaillierten Schilderung der erstaunlichen Operation, die sie an einem kleinen Jungen durchgeführt hatte, der vollständig bewusstlos gewesen war, während sie ihm den Bauch öffnete, ein Organ entfernte, von dem Gefahr ausging, und ihn wieder zunähte. Woraufhin das Kind anscheinend wieder putzmunter gewesen war.
Er setzte seinen Weg langsamer fort und überlegte fieberhaft. Würde sie kommen? Jede Reise von Fraser’s Ridge aus war mühselig, ganz gleich, wohin. Nur der Weg zum Meer war nicht so schlimm. Es war Sommer, das Wetter war gut, er konnte es arrangieren, dass sie auf dem nächstbesten Marineschiff nach Philadelphia gebracht wurde – er hatte Kontakte in der Marine.
Wie lange? Wie lange mochte sie brauchen – wenn sie bereit war zu kommen? Ernüchternder die Frage: Wie lange hatte Henry noch?
Etwas, das ein kleiner Aufruhr zu sein schien und sich auf ihn zubewegte, riss ihn aus diesen sorgenvollen Überlegungen. Eine größere Ansammlung von Menschen, die meisten anscheinend betrunken, denn sie grölten lauthals, schubsten sich gegenseitig hin und her und wedelten mit ihren Taschentüchern. Ein junger Mann schlug ebenso begeistert wie ungeschickt auf einer Trommel, und zwei Kinder trugen ein merkwürdiges Banner mit rot-weißen Streifen, aber ohne jede Aufschrift.
Er drängte sich an eine Hauswand, um sie vorüberzulassen. Doch statt vorbeizuziehen, sammelten sie sich vor einem Haus auf der anderen Straßenseite, wo sie auf Englisch und Deutsch skandierten. Er schnappte das Wort »Freiheit« auf, und irgendjemand blies ein Kavalleriesignal zum Angriff auf einer Trompete. Und dann hörte er sie »Rush! Rush! Rush!« rufen.
Guter Gott, es musste das Haus sein, das er suchte – Dr. Rushs Haus. Der Pöbel schien nichts Böses im Schilde zu führen; Grey ging nicht davon aus, dass sie vorhatten, den Doktor ins Freie zu zerren, um ihn zu teeren und zu federn – ein beliebter öffentlicher Zeitvertreib, wie man ihm mitgeteilt hatte. Vorsichtig trat er näher und tippte einer jungen Frau auf die Schulter.
»Ich suche Dr. Benjamin Rush«, rief er. »Ist das sein Haus?«
»Ja, das ist es.« Ein junger Mann an der Seite der Frau hörte ihn und drehte sich um, und bei Greys Anblick fuhren seine Augenbrauen in die Höhe. »Habt Ihr etwas mit Dr. Rush zu tun?«
»Ich habe ein Empfehlungsschreiben an ihn von einem gewissen Dr. Franklin, einem gemeinsamen –«
Das Gesicht des jungen Mannes brach in breites Grinsen aus. Doch bevor er noch etwas sagen konnte, öffnete sich die Haustür, und ein schlanker, gut gekleideter Mann Mitte dreißig trat auf die Eingangstreppe hinaus. Die Menge brüllte, und der Mann, der wohl Dr. Rush persönlich sein musste, streckte ihnen lachend die Hände entgegen. Der Lärm verstummte einen Moment, und der Mann beugte sich vor, um mit jemandem in der Menge zu sprechen. Dann kehrte er rasch ins Haus zurück, kam mit seinem Rock bekleidet wieder, stieg unter begeistertem Applaus die Treppe hinunter, und die ganze Versammlung setzte sich – mit frischer Kraft trötend und trommelnd – wieder in Bewegung.
»Kommt mit!«, brüllte ihm der junge Mann ins Ohr. »Es gibt Freibier!«
Und so kam es, dass sich Lord John Grey im Schankraum eines gut gehenden Wirtshauses wiederfand, wo er den ersten Jahrestag der Veröffentlichung der Unabhängigkeitserklärung feierte. Es gab politische Reden von sehr leidenschaftlicher, wenn auch nicht besonders eloquenter Natur. Im Verlauf dieser Ansprachen fand Grey heraus, dass Dr. Rush nicht nur ein wohlhabender und einflussreicher Sympathisant der Rebellen war, sondern selbst ein prominenter Rebell; wie er von seinen neuen Freunden erfuhr, zählten sowohl Rush als auch Dr. Franklin sogar zu den Unterzeichnern des aufwieglerischen Dokuments.
Unter den Umstehenden sprach sich bald herum, dass Grey mit Franklin befreundet war, und so wurde er freudig begrüßt und unmerklich immer weiter durch die Menge geschoben, bis er Benjamin Rush schließlich gegenüberstand.
Es war nicht das erste Mal, dass sich Grey auf Tuchfühlung mit einem Kriminellen wiederfand, und er wahrte die Fassung. Dies war eindeutig nicht der geeignete Zeitpunkt, um Rush die Lage seines Neffen zu schildern, und so begnügte sich Grey damit, dem jungen Arzt die Hand zu schütteln und seine Verbindung mit Franklin zu erwähnen. Rush reagierte äußerst herzlich und rief über den Lärm hinweg, dass Grey ihn zu Hause aufsuchen sollte, wenn sie beide mehr Zeit hatten, vielleicht am nächsten Morgen.
Grey erklärte sich eifrig dazu bereit und zog sich elegant zurück, wobei er hoffte, dass es der Krone nicht gelingen würde, Rush zu hängen, bevor er dazu gekommen war, Henry zu untersuchen.
Getöse auf der Straße brachte die Festivitäten vorübergehend zum Erliegen. Erneut erscholl lautstarkes Gebrüll, und ein Geschosshagel traf auf die Vorderseite des Gebäudes. Eines dieser Geschosse – wie sich herausstellte, ein großer, verdreckter Stein – traf und zerschmetterte eine Fensterscheibe des Etablissements, sodass man die »Verräter! Renegados!«-Rufe noch deutlicher hören konnte.