Выбрать главу

»Schnauze, ihr Speichellecker!«, rief jemand im Inneren des Wirtshauses. Darauf hagelte es Schlammklöße und weitere Steine, die zum Teil durch die offene Tür oder das zersplitterte Fenster flogen, begleitet von patriotischen »Gott erhalte den König!«-Rufen.

»Kastriert den gekrönten Rohling!«, rief Greys Bekannter von vorhin als Erwiderung, und die halbe Besetzung des Schankraums rannte auf die Straße hinaus. Der eine oder andere Zecher brach sich im Vorübergehen ein Bein von einem Hocker ab, um damit im Lauf des folgenden politischen Disputs seine Argumente zu unterstreichen.

Greys größte Sorge war, dass die Loyalisten Rush auf offener Straße überfallen könnten, bevor er Henry etwas nützen konnte. Doch Rush hielt sich mit einigen anderen Männern, die Grey ebenfalls für prominente Rebellen hielt, von dem Getümmel fern, und nach kurzem Kriegsrat wählten sie den Abgang durch die Küche.

Grey fand sich in Gesellschaft eines Mannes namens Paine wieder, eines unterernährten, schlecht gekleideten armen Schluckers aus Norfolk mit einer großen Nase und lebhaftem Temperament, der aus seinen Ansichten über Freiheit und Demokratie keinen Hehl machte und über eine eindrucksvolle Sammlung abfälliger Bezeichnungen für den König verfügte. Da er es als problematisch empfand, sich mit dem Mann zu unterhalten, weil es unvernünftig gewesen wäre, seinen eigenen, anderslautenden Ansichten zu diesen Themen Ausdruck zu verleihen, entschuldigte sich Grey in der Absicht, Rush und seinen Freunden zur Hintertür hinaus zu folgen.

Nach seinem kurzen Höhepunkt hatte der Aufruhr im Freien sein vorhersehbares Ende in der Flucht der Loyalisten gefunden, und die Leute strömten auf einer Woge der Selbstgerechtigkeit und der Selbstbeweihräucherung in das Wirtshaus zurück. Unter ihnen war ein hochgewachsener, schlanker Mann, der plötzlich von seinem Gespräch aufblickte, Grey in die Augen sah und erstarrte.

Grey trat eilends zu ihm und hoffte nur, dass sein Herzschlag nicht lauter war als der verhallende Lärm auf der Straße.

»Mr Beauchamp«, sagte er und ergriff Perseverance Wainwright so an Hand und Handgelenk, dass man hätte glauben können, dass er ihn herzlich begrüßte, obwohl er ihn in Wirklichkeit unentrinnbar gefangen hielt. »Ein Wort unter vier Augen, Sir?«

Es kam nicht infrage, dass er Percy in das Haus brachte, das er für sich und Dottie gemietet hatte. Dottie würde ihn zwar nicht erkennen, denn zu dem Zeitpunkt, als Percy aus Greys Leben verschwand, war sie noch gar nicht auf der Welt gewesen; er folgte einfach nur demselben Instinkt, der ihn auch daran gehindert hätte, einem kleinen Kind eine Giftschlange zum Spielen zu geben.

Percy schlug – aus welchem Grund auch immer – andererseits nicht vor, mit Grey in sein Quartier zu gehen; wahrscheinlich wollte er ja nicht, dass Grey erfuhr, wo er wohnte, falls es nötig wurde, sich im Stillen davonzumachen. Nach einem unentschlossenen Moment – Grey kannte sich in der Stadt ja noch nicht aus – stimmte er Percys Vorschlag zu, in den Park zu gehen, der Southeast Square genannt wurde.

»Es ist ein Armenfriedhof«, sagte Percy, der vorausging. »Wo sie die Namenlosen und Fremden verscharren.«

»Wie passend«, sagte Grey, doch entweder hörte Percy es nicht, oder er gab vor, es nicht zu hören. Der Weg war weit, und sie redeten nicht viel, da die Straßen voller Menschen waren. Trotz der Feiertagsstimmung und der gestreiften Banner, die hier und dort aufgehängt waren – sie schienen alle eine Fläche mit Sternen zu haben, obwohl er noch keine zwei gesehen hatte, die gleich aussahen, und die Streifen von unterschiedlicher Breite und Farbe waren, manchmal rot, weiß und blau, manchmal nur rot und weiß –, hatte die fröhliche Stimmung einen hektischen Beigeschmack, und über den Straßen hing ein Hauch von Gefahr. Philadelphia mochte ja die Hauptstadt der Rebellen sein, doch ihre Hochburg war es nicht.

Im Park war es ruhiger, wie es von einem Friedhof zu erwarten war. Für einen solchen war es jedoch ein überraschend angenehmer Ort. Hier und dort standen Holzkreuze mit den spärlichen Einzelheiten, die über die darunter begrabene Person bekannt waren; niemand wäre auf die Idee gekommen, hier Grabsteine aufzustellen, obwohl eine gütige Seele in der Mitte des Feldes ein großes Steinkreuz auf einem Sockel errichtet hatte. Ohne sich abzusprechen, hielten sie beide darauf zu und folgten dabei dem Lauf eines kleinen Bachs, der durch den Park floss.

Grey war der Gedanke gekommen, dass Percy den Park als Ziel vorgeschlagen haben könnte, um unterwegs Zeit zum Nachdenken zu haben. Schön und gut – er hatte ebenfalls nachgedacht. Als sich Percy daher auf das Fundament des Sockels setzte und sich ihm erwartungsvoll zuwandte, verschwendete er keine Zeit mit Bemerkungen über das Wetter.

»Erzähle mir von der zweiten Schwester des Barons Amandine«, forderte er, nachdem er sich vor Percy hingestellt hatte.

Percy blinzelte verblüfft, doch dann lächelte er.

»Also wirklich, John, du erstaunst mich. Ich bin mir sicher, dass dir Claude nichts von Amelie erzählt hat.«

Statt einer Erwiderung verschränkte Grey die Hände unter seinen Rockschößen und wartete. Percy überlegte kurz, dann zuckte er mit den Achseln.

»Also schön. Sie war Claudes ältere Schwester; meine Frau, Cecile, ist die jüngere.«

»›War‹«, wiederholte Grey. »Also ist sie tot.«

»Sie ist schon über vierzig Jahre tot. Warum interessierst du dich für sie?« Percy zog sich ein Taschentuch aus dem Ärmel, um sich die Schläfen zu betupfen; der Tag war heiß, und der Weg war weit gewesen; auch Greys Hemd war feucht.

»Wo ist sie denn gestorben?«

»In einem Bordell in Paris.« Das ließ Grey erstarren. Percy merkte es und lächelte ironisch. »Wenn du es unbedingt wissen musst, John, ich bin auf der Suche nach ihrem Sohn.«

Grey starrte ihn einen Moment lang an, dann setzte er sich langsam neben ihn. Der graue Stein des Sockels war warm unter seinem Hintern.

»Also schön«, sagte er gefasst. »Bitte erzähle es mir.«

Percy warf ihm einen belustigten Seitenblick zu – voller Argwohn, aber dennoch belustigt.

»Es gibt Dinge, die ich dir nicht sagen kann, John, wie du gewiss verstehst. Übrigens gibt es, wie ich höre, hitzige Diskussionen zwischen den britischen Staatssekretären, welcher von ihnen eine Annäherung in Bezug auf mein Angebot von damals unternehmen soll – und auf wen er zugehen soll. Ich gehe davon aus, dass dies dein Werk ist? Ich danke dir.«

»Lenk nicht vom Thema ab. Ich habe dich nicht nach diesem Angebot gefragt.« Jedenfalls noch nicht. »Ich habe dich nach Amelie Beauchamp und ihrem Sohn gefragt. Ich sehe nicht, was die beiden mit der anderen Angelegenheit zu tun haben sollten, also gehe ich davon aus, dass sie von persönlichem Interesse für dich sind. Natürlich gibt es Dinge, die du mir in Bezug auf diese politische Angelegenheit nicht erzählen kannst« – er verneigte sich sacht –, »doch dieses Geheimnis um die Schwester des Barons scheint mir eher persönlicher Natur zu sein.«

»So ist es.« Percy dachte nach; Grey konnte sehen, wie es hinter seinen Augen arbeitete. Diese waren zwar von Falten umringt und hatten kleine Tränensäcke, sahen ansonsten aber so aus wie eh und je; ein warmes, lebendiges Braun, die Farbe guten Sherrys. Seine Finger trommelten kurz auf den Stein, dann hielten sie inne, und er wandte sich Grey entschlossen zu.

»Also schön. Da du ja eine solche Bulldogge bist, wirst du mir zweifellos durch ganz Philadelphia folgen, um den Grund meiner Anwesenheit herauszufinden, wenn ich ihn dir nicht verrate.«

Was genau das war, was Grey ohnehin vorhatte, doch er stieß ein vages Geräusch aus, das sich als Ermunterung interpretieren ließ, bevor er fragte: »Welchen Grund hat denn deine Anwesenheit?«

»Ich bin auf der Suche nach einem Drucker namens Fergus Fraser.« Grey blinzelte; eine so konkrete Antwort hatte er nicht erwartet.