»Wer ist …?«
Percy hob die Hand und klappte die Finger herunter, während er redete.
»Erstens ist er der Sohn eines gewissen James Fraser, eines berüchtigten Ex-Jakobiten und gegenwärtigen Rebellen. Zweitens ist er, wie bereits erwähnt, ein Drucker – und ich vermute, ein Rebell wie sein Vater. Und drittens habe ich ihn schwer im Verdacht, Amelie Beauchamps Sohn zu sein.«
Über dem Bach schwebten blaue und rote Libellen; Grey fühlte sich, als sei ihm eines dieser Insekten plötzlich in die Nase geflogen.
»Willst du mir sagen, dass James Fraser einen illegitimen Sohn mit einer französischen Hure hat? Die zufälligerweise außerdem die Tochter eines alten Adelsgeschlechts ist?« Schock war ein viel zu harmloses Wort für das, was er empfand, doch er bemühte sich um einen unbeteiligten Ton, und Percy lachte.
»Nein. Der Drucker ist Frasers Sohn, doch er wurde adoptiert. Fraser hat den Jungen vor über dreißig Jahren aus einem Pariser Bordell geholt.« Ein Schweißtropfen lief Percy über den Hals, und er wischte ihn ab. Die Wärme des Tages hatte das Toilettenwasser auf seiner Haut erblühen lassen; Grey fing einen Hauch von Ambra und Nelken auf, Gewürze und Moschus in einem.
»Wie schon gesagt, war Amelie Claudes ältere Schwester. Sie wurde als junges Mädchen von einem viel älteren Mann, einem verheirateten Adelsherrn, verführt und wurde schwanger. Normalerweise hätte man sie einfach mit einem willigen Mann verheiratet, doch die Frau des Adelsherrn ist plötzlich gestorben, und Amelie hat darauf bestanden, dass er sie heiraten müsse, jetzt, da er frei sei.«
»Und er wollte das nicht?«
»Nein. Claudes Vater jedoch schon. Wahrscheinlich dachte er, eine solche Heirat würde das Vermögen der Familie vergrößern; der Comte war ein sehr reicher Mann, und obwohl er kein politisches Amt innehatte, genoss er doch … Respekt.«
Der alte Baron Amandine war anfangs noch bereit gewesen, die Angelegenheit diskret zu behandeln, doch als er die Möglichkeiten begriff, die sich hier auftaten, wurde er kühner und begann, dem Comte mit allem Möglichen zu drohen, von einer Beschwerde beim König – denn anders als sein Sohn war der alte Amandine ein Höfling gewesen – bis hin zu Schadensersatzforderungen vor Gericht und einem Appell an die Kirche, ihn zu exkommunizieren.
»Hätte er das tatsächlich tun können?«, fragte Grey, der trotz aller Zweifel an Percys Aufrichtigkeit von der Geschichte fasziniert war. Percy lächelte kurz.
»Er hätte sich beim König beschweren können. Doch er bekam gar keine Gelegenheit dazu. Amelie verschwand.«
Das Mädchen war eines Nachts von zu Hause verschwunden und hatte seinen Schmuck mitgenommen. Man nahm an, dass sie sich vielleicht zu ihrem Verführer flüchten wollte, in der Hoffnung, dass er nachgeben und sie heiraten würde. Doch der Comte stellte sich vollkommen unwissend, und es meldete sich auch niemand, der gesehen hatte, wie sie Trois Flèches verließ oder das Pariser Haus des Comte St. Germain betrat.
»Und du glaubst, sie ist irgendwie in einem Pariser Bordell gelandet?«, fragte Grey ungläubig. »Wie denn? Und wenn ja, wie hast du das herausgefunden?«
»Ich habe die Papiere gefunden.«
»Was?«
»Einen Ehevertrag zwischen Amelie Elise LeVigne Beauchamp und Robert-François Quesnay de St. Germain. Unterzeichnet von beiden Parteien. Und einem Priester. Er befand sich in der Bibliothek von Trois Flèches, in der Familienbibel. Claude und Cecile sind, fürchte ich, nicht sehr religiös veranlagt«, sagte Percy und schüttelte den Kopf.
»Und du bist es?« Das brachte Percy zum Lachen; er wusste, dass Grey seine Einstellung gegenüber jeder Religion genau kannte.
»Ich hatte Langeweile«, sagte er, und es klang nicht entschuldigend.
»Das Leben auf Trois Flèches muss ja wirklich eintönig sein, wenn du gezwungen warst, die Bibel zu lesen. Hat der Hilfsgärtner gekündigt?«
»Hat – oh, Emile.« Percy grinste. »Nein, aber er hatte in diesem Monat eine schreckliche Grippe. Konnte überhaupt nicht durch die Nase atmen, der Arme.«
Wieder verspürte Grey einen trügerischen Impuls zu lachen, den er jedoch unterdrückte, und Percy fuhr ohne Pause fort.
»Eigentlich habe ich sie nicht gelesen; die exzessivsten Strafandrohungen weiß ich ohnehin alle auswendig. Ich war am Einband des Buches interessiert.«
»War er denn reich mit Juwelen besetzt?«, fragte Grey trocken, und Percy sah ihn beleidigt an.
»Es dreht sich nicht immer alles ums Geld, John, auch bei jenen unter uns, die nicht so mit Reichtum gesegnet sind wie du.«
»Entschuldigung«, sagte Grey. »Aber warum die Bibel?«
»Ich muss dir mitteilen, dass ich Buchbinder bin und keinen schlechten Ruf genieße«, sagte Percy und plusterte sich ein wenig auf. »Ich habe es in Italien gelernt und mir meinen Lebensunterhalt damit verdient. Nachdem du mir so ritterlich das Leben gerettet hattest. Danke, übrigens«, sagte er mit einem direkten Blick, so ernst, dass Grey den Blick senkte, um Percy nicht in die Augen sehen zu müssen.
»Gern geschehen«, sagte er schroff. Er bückte sich, um sich eine kleine grüne Raupe, die ihm langsam über die polierte Schuhspitze kroch, auf den Finger zu setzen.
»Jedenfalls«, fuhr Percy unbeirrt fort, »habe ich dieses kuriose Dokument entdeckt. Ich hatte natürlich von dem Familienskandal gehört und habe die Namen sofort erkannt.«
»Hast du den gegenwärtigen Baron darauf angesprochen?«
»Ja. Was hältst du eigentlich von Claude?« Percy war immer schon wie Quecksilber gewesen, dachte Grey, und er hatte mit zunehmendem Alter nichts von seiner Wendigkeit verloren.
»Lausiger Kartenspieler. Aber er hat eine schöne Stimme – singt er auch?«
»Das tut er. Und was die Karten angeht, hast du recht. Er kann zwar ein Geheimnis für sich behalten, wenn er möchte, aber er ist zu keiner Lüge imstande. Du wärst erstaunt, was perfekte Aufrichtigkeit unter gewissen Umständen zu vollbringen vermag«, fügte Percy nachdenklich hinzu. »Man könnte fast auf den Gedanken kommen, dass das achte Gebot gar nicht so dumm ist.«
Grey murmelte etwas davon, dass Percy gewiss aus purem Respekt dagegen verstoßen habe, hüstelte dann aber und bat ihn fortzufahren.
»Er hat nichts von dem Ehevertrag gewusst, da bin ich mir sicher. Er war völlig verblüfft. Und nach längerem Zögern – ›brutal, kühn und entschlossen‹ mag ja dein Motto sein, John, aber das seine ist es nicht – hat er mir seinen Segen gegeben, die Angelegenheit genauer zu beleuchten.«
Grey ignorierte das angedeutete Kompliment – wenn es das denn war, was er jedoch glaubte – und setzte die Raupe vorsichtig auf die Blätter eines Busches, der essbar aussah.
»Du hast dich auf die Suche nach dem Priester gemacht«, sagte er überzeugt.
Percys Lachen klang aufrichtig froh, und Grey stellte mit leisem Schrecken fest, dass er Percys Gedankengänge natürlich kannte und Percy die seinen; schließlich hatten sie jahrelang unter dem Schleier der Diplomatie und der Geheimhaltung miteinander kommuniziert. Allerdings hatte Percy natürlich gewusst, mit wem er sich unterhielt, und Grey nicht.
»Ja, das habe ich. Er war tot – ermordet. Eines Nachts auf dem Weg zu einer Letzten Ölung auf der Straße umgebracht, einfach furchtbar. Eine Woche nach Amelie Beauchamps Verschwinden.«
Allmählich regte sich Greys berufliches Interesse, obwohl der Privatmann in ihm immer noch mehr als skeptisch war.
»Der Comte wäre der Nächste gewesen – doch wenn er imstande war, einen Priester umzubringen, um seine Geheimnisse zu schützen, wäre es gefährlich gewesen, direkt auf ihn zuzugehen«, sagte Grey. »Seine Dienstboten also?«
Percy nickte, und sein Mundwinkel zuckte anerkennend angesichts Greys Auffassungsgabe.
»Der Comte war ebenfalls tot – zumindest war er verschwunden; merkwürdigerweise stand er in dem Ruf, ein Magier zu sein –, er war gute zehn Jahre nach Amelie gestorben. Aber ich habe nach seinen alten Dienstboten gesucht. Ein paar habe ich auch gefunden. Manchen Menschen geht es wirklich immer nur ums Geld, und einer der Kutscher zählte zu ihnen. Zwei Tage nach Amelies Verschwinden hat er einen Teppich an ein Bordell in der Nähe der Rue Faubourg geliefert. Einen ziemlich schweren Teppich, der von Opiumgeruch umweht wurde – den er erkannte, weil er einmal einen Trupp chinesischer Akrobaten befördert hatte, die im Haus des Comte aufgetreten waren.«