»Also hast du das Bordell aufgesucht. Wo du mit Geld …«
»Es heißt, Wasser sei das universelle Lösungsmittel«, sagte Percy und schüttelte den Kopf, »doch das stimmt nicht. Man könnte einen Mann in ein Fass mit eiskaltem Wasser stecken und ihn eine Woche dort lassen, und doch würde man auf diese Weise viel weniger bewirken als möglicherweise schon mit einer geringen Menge Gold.«
Grey merkte sich kommentarlos das Wort »eiskalt« und wies Percy kopfnickend an fortzufahren.
»Es hat einige Zeit gedauert, wiederholte Besuche, verschiedene Versuche – die Puffmutter war wirklich ausgebufft; wer auch immer ihre Vorgängerin bezahlt hatte, hatte Unsummen ausgegeben. Ihr Türsteher hatte zwar das richtige Alter, doch man hatte ihm schon als Kind die Zunge herausgerissen; von ihm war keine Hilfe zu erwarten. Von den Huren war natürlich keine dabei gewesen, als der Teppich gebracht wurde, denn es war ja schon so lange her.«
Allerdings hatte er geduldig die Familien der gegenwärtigen Huren aufgespürt – denn manche Berufe vererben sich –, und nach monatelangen Mühen war es ihm gelungen, eine alte Frau zu finden, die in dem Bordell gearbeitet hatte und die Amelie anhand der Miniatur erkannte, die er aus Trois Flèches mitgebracht hatte.
Das Mädchen war tatsächlich in das Bordell gebracht worden, im mittleren Stadium der Schwangerschaft. Diese hatte keine große Rolle gespielt; es gab Kunden, denen so etwas gefiel. Ein paar Monate später hatte sie einen Sohn zur Welt gebracht. Das Kindbett hatte sie zwar überlebt, doch ein Jahr später war sie während einer Grippeepidemie gestorben.
»Und ich kann dir gar nicht sagen, wie schwierig es ist, irgendetwas über ein Kind herauszufinden, das vor über vierzig Jahren in einem Pariser Bordell zur Welt gekommen ist«, seufzte Percy und betupfte sich noch einmal mit dem Taschentuch.
»Aber dein Name bedeutet ja Hartnäckigkeit«, stellte Grey trocken fest, und Percy fixierte ihn scharf.
»Weißt du«, erwiderte er heiter. »Ich glaube, du bist der einzige andere Mensch auf der ganzen Welt, der das weiß.« Und dem Ausdruck in seinen Augen nach war das einer zu viel.
»Dein Geheimnis ist bei mir sicher«, sagte Grey. »Zumindest dieses Geheimnis. Was ist mit Denys Randall-Isaacs?«
Es funktionierte. Percys Gesicht schimmerte auf wie eine Quecksilberlache in der Sonne. Einen halben Herzschlag später hatte er die Maske der völligen Ausdruckslosigkeit wieder aufgesetzt – doch es war zu spät.
Grey lachte, wenn auch humorlos, und stand auf.
»Danke, Perseverance«, sagte er und schritt über die grasigen Gräber der namenlosen Armen davon.
Als der Haushalt in dieser Nacht schlief, ergriff er Feder und Tinte, um an Arthur Norrington, an Harry Quarry und an seinen Bruder zu schreiben. Kurz vor Tagesanbruch begann er zum ersten Mal seit zwei Jahren mit einem Brief an Jamie Fraser.
Kapitel 59
Die Schlacht von Bennington
General Burgoynes Feldlager
11. August 1777
Der Rauch verbrannter und brennender Felder hing seit Tagen über dem Lager. Noch immer befanden sich die Amerikaner auf dem Rückzug und zerstörten hinter sich die Landschaft.
William unterhielt sich gerade mit Sandy Lindsay darüber, wie man am besten einen Truthahn zubereitete – einer von Lindsays Kundschaftern hatte einen mitgebracht –, als der Brief eintraf. Wahrscheinlich bildete sich William ja nur ein, dass sich grauenvolle Stille über das Lager senkte, die Erde bebte und der Vorhang im Tempel entzweiriss. Doch in jedem Fall merkten sie, dass irgendetwas geschehen war.
Veränderung lag deutlich in der Luft, und irgendetwas stimmte mit dem Rhythmus der Worte und Bewegungen der Männer nicht mehr. Balcarres spürte es ebenfalls. Er unterbrach seine Betrachtung des ausgestreckten Truthahnflügels und musterte William mit hochgezogenen Augenbrauen.
»Was?«, fragte William.
»Ich weiß es nicht, aber es ist nichts Gutes.« Balcarres gab den toten Truthahn zurück, griff nach seinem Hut und hielt auf Burgoynes Zelt zu, dicht gefolgt von William.
Sie fanden Burgoyne mit verkniffenem Mund und weiß vor Wut. Seine ranghöchsten Offiziere drängten sich in Trauben um ihn und unterhielten sich in leisem, schockiertem Ton.
Hauptmann Sir Francis Clerke, der Flügeladjutant des Generals, löste sich mit gesenktem Kopf und sorgenvoller Miene aus dem Gedränge. Balcarres zupfte ihn im Vorübergehen am Ellbogen.
»Francis – was ist geschehen?«
Hauptmann Clerke schien wirklich bestürzt zu sein. Er warf noch einen Blick in das Zelt zurück, dann nahm er Balcarres und William ein Stück mit, bis sie außer Hörweite waren.
»Howe«, sagte er. »Er kommt nicht.«
»Er kommt nicht?«, echote William verständnislos. »Aber – will er New York dann doch nicht verlassen?«
»Doch«, sagte Clerke, der die Lippen so fest aufeinandergepresst hatte, dass es ein Wunder war, dass er überhaupt etwas sagen konnte. »Um in Pennsylvania einzufallen.«
»Aber –« Balcarres blickte entgeistert zum Eingang des Zeltes, dann wieder zu Clerke.
»Genau.«
William begriff schlagartig das wahre Ausmaß der Katastrophe. Nicht nur, dass General Howe General Burgoyne eine lange Nase zeigte, indem er seinen Plan ignorierte, was ja aus Burgoynes Perspektive schon schlimm genug war. Durch den Entschluss, gen Philadelphia zu marschieren, statt den Hudson entlangzukommen und sich Burgoynes Truppen anzuschließen, hatte Howe Burgoyne im Grunde sich selbst überlassen und ihn von jeder Verstärkung und allem Nachschub abgeschnitten.
Mit anderen Worten waren sie auf sich selbst gestellt, von den Verpflegungskolonnen abgeschnitten, und standen vor der unliebsamen Entscheidung, dem Rückmarsch der Amerikaner weiter durch eine Wildnis zu folgen, die aller Nahrungsquellen beraubt worden war – oder schmachvoll nach Kanada zurückzumarschieren, und zwar durch eine Wildnis, die aller Nahrungsquellen beraubt worden war.
Balcarres hatte gerade in etwa dasselbe zu Sir Francis gesagt, der sich frustriert das Gesicht rieb und den Kopf schüttelte.
»Ich weiß«, sagte er. »Wenn Ihr mich entschuldigen würdet, Milords …«
»Wohin geht Ihr?«, fragte William, und Clerke sah ihn an.
»Es Mrs Lind sagen«, sagte Clerke. »Ich dachte, es ist besser, wenn ich sie warne.« Mrs Lind war die Frau des Proviantmeisters. Außerdem war sie General Burgoynes Geliebte.
Ob nun Mrs Lind ihre unleugbaren Reize wirkungsvoll eingesetzt hatte oder ob sich die angeborene Zähigkeit des Generals durchgesetzt hatte – der Schlag, den Howes Brief bedeutete, war schnell verkraftet. Man kann ja über ihn sagen, was man will, schrieb William in seinem allwöchentlichen Brief an Lord John, doch er weiß um den Nutzen der Entschlossenheit und der raschen Reaktion. Wir haben uns mit doppelter Anstrengung wieder an die Verfolgung des Hauptteils der amerikanischen Armee begeben. Die meisten unserer Pferde wurden inzwischen zurückgelassen, gestohlen oder gegessen. Die Sohlen meiner Stiefel sind so gut wie durchgelaufen.
Unterdessen berichtet uns einer der Kundschafter, dass der amerikanische Proviantmeister die Ortschaft Bennington, die sich nicht allzu weit von uns entfernt befindet, als Sammelplatz benutzt. Den Berichten nach ist sie nur leicht bewacht, und so entsendet der General Oberst Baum, einen der Hessen, mit fünfhundert Mann dorthin, um dringend benötigte Vorräte zu erobern. Wir brechen am Morgen auf.