William sollte nie erfahren, ob sein trunkenes Zwiegespräch mit Balcarres zumindest teilweise dafür verantwortlich war, doch er hatte herausgefunden, dass man ihm nun nachsagte, es »gut mit den Indianern zu können«. Und ob es nun an dieser zweifelhaften Eigenschaft lag oder an der Tatsache, dass er einigermaßen Deutsch sprach – jedenfalls wurde er am Morgen des 16. August dazu abkommandiert, Oberst Baums Verpflegungstrupp zu begleiten, zu dem auch einige Braunschweiger Kavalleriesoldaten zu Fuß, zwei Dreipfündergeschütze und hundert Indianer zählten.
Den Berichten nach bekamen die Amerikaner Rinder geliefert, die aus New England herbeigetrieben wurden und sich in Bennington zu einer Herde sammelten, dazu eine beträchtliche Anzahl Wagen mit Mais, Mehl und anderen Notwendigkeiten.
Wie durch ein Wunder regnete es ausnahmsweise nicht, als sie aufbrachen, und dies allein verlieh den Teilnehmern der Expedition ein Gefühl von Optimismus. Die Vorfreude auf die Nahrungsmittel verstärkte dieses Gefühl. Es kam ihnen so vor, als lebten sie schon seit einer Ewigkeit von gekürzten Rationen, auch wenn es in Wirklichkeit erst seit etwa einer Woche war. Dennoch wusste William, dass einem die Zeit schnell lang wird, wenn man mehr als einen Tag ohne adäquate Verpflegung auf dem Marsch verbringt.
Viele der Indianer waren noch zu Pferd; sie umkreisten den Soldatentrupp, ritten vorweg, um die Straße auszukundschaften, kehrten zurück, um den Männern über Stellen hinwegzuhelfen, an denen die Straße – die ohnehin nur angedeutet war – den Widerstand aufgegeben hatte und vom Wald geschluckt oder von einem der nach den Regenfällen angeschwollenen Bäche ertränkt worden war, die unerwartet von den Hügeln stürzten. Bennington lag an einem Fluss namens Walloomsac, und William begann, sich mit einem der hessischen Leutnants darüber zu unterhalten, ob es wohl möglich sein würde, die Vorräte auf Flöße zu laden, um sie später flussabwärts in Empfang zu nehmen.
Diese Diskussion war natürlich rein theoretischer Natur, da keiner von ihnen wusste, wo der Walloomsac verlief oder ob man ihn überhaupt befahren konnte. Doch es war für beide Männer eine Gelegenheit, die Sprache des jeweils anderen zu üben, und so vertrieben sie sich die Zeit auf dem langen, heißen Marsch.
»Mein Vater hat viel Zeit in Deutschland verbracht«, sagte William langsam und sorgfältig auf Deutsch zu Oberleutnant Gruenwald. »Er schwärmt sehr vom Essen in Hannover.«
Gruenwald, der aus Hessen-Kassel stammte, gestattete sich ein verächtliches Schnurrbartzucken bei der Erwähnung Hannovers, begnügte sich jedoch mit der Anmerkung, selbst ein Hannoveraner könne wohl eine Kuh braten und dazu vielleicht ein paar Kartoffeln kochen. Doch die Spezialität seiner Mutter sei ein Gericht aus Schweinefleisch und Äpfeln, das in Rotwein schwamm und mit Muskat und Zimt gewürzt war – und bei der bloßen Erinnerung daran laufe ihm das Wasser im Mund zusammen.
Auch über Gruenwalds Gesicht lief das Wasser, und der Schweiß zeichnete Spuren in den Staub und durchfeuchtete den Kragen seines hellblauen Rockes. Er zog seinen hohen Grenadierskopfputz ab und wischte sich mit einem riesigen getüpfelten Taschentuch über den Kopf, das von zahlreichen früheren Einsätzen bereits klatschnass war.
»Zimt werden wir heute, glaube ich, nicht finden«, sagte Willie. »Aber vielleicht ja ein Schwein.«
»Falls ja, werde ich es für Euch braten«, versicherte ihm Gruenwald. »Und was die Äpfel angeht …« Er fuhr sich mit der Hand ins Hemd und zog eine Handvoll kleiner roter Holzäpfel hervor, die er mit William teilte. »Ich habe einen ganzen Scheffel davon. Ich habe –«
Das aufgeregte Jaulen eines Indianers, der an der Kolonne entlang zurückgeritten kam, unterbrach ihn, und als William aufblickte, sah er, wie der Reiter mit dem Arm hinter sich wies und rief: »Fluss!«
Bei diesem Wort kam Leben in die dahinschlurfenden Kolonnen, und William sah, wie sich die Kavalleristen – die darauf bestanden hatten, ihre Reitstiefel und Schwerter mitzunehmen, obwohl sie keine Pferde hatten, und die jetzt arg unter den Konsequenzen litten – aufrichteten und freudig mit ihrer Ausrüstung schepperten.
Von vorn kam ein weiterer Ruf.
»Kuhfladen!«
Dies löste Freudengeschrei und Gelächter unter den Männern aus, die beschleunigten Schrittes weiterhasteten. William sah, wie Oberst Baum, der sein Pferd noch hatte, aus der Kolonne ausscherte und aus dem Sattel gebeugt am Straßenrand wartete, um im Vorübergehen kurz mit den Offizieren zu sprechen. William sah, wie sich sein Adjutant zu ihm hinüberbeugte und auf einen kleinen Hügel am anderen Ufer zeigte.
»Was glaubt Ihr –«, sagte er und wandte sich zu Gruenwald um. Erschrocken stellte er fest, dass ihn der Oberleutnant mit ausdrucksloser Miene und offenem Mund anstarrte. Gruenwalds Hand sank an seine Seite, und der einer Mitra ähnliche Helm fiel zu Boden und rollte in den Staub. William blinzelte und sah, wie sich ein dicker roter Wurm langsam unter Gruenwalds dunklem Haar hervorschlängelte.
Gruenwald setzte sich abrupt nieder und fiel rücklings auf die Straße. Sein Gesicht war schmutzig weiß geworden.
»Mist!«, sagte William, und plötzlich begriff er, was geschehen war. »Das ist ein Überfall!«, brüllte er aus voller Kehle und wiederholte den Warnruf dann in der Sprache der Hessen.
Aus der Kolonne erhoben sich Alarmrufe, und hin und wieder knallte ein Schuss aus dem Wald. William packte Gruenwald unter den Armen und zerrte ihn hastig in den Schutz einer Kieferngruppe. Der Oberleutnant lebte noch, doch sein Rock war mit Schweiß und Blut durchtränkt. William vergewisserte sich, dass die Pistole des Deutschen geladen war und er sie fest in der Hand hatte, bevor er seine eigene Pistole ergriff und auf Baum zurannte, der in den Steigbügeln stand und mit schriller Stimme auf Deutsch Befehle brüllte.
Er verstand nur vereinzelte Wörter und sah sich hektisch um, um vielleicht an der Handlungsweise der Hessen zu erkennen, wie die Befehle des Obersts lauteten. Er erspähte eine kleine Gruppe von Kundschaftern, die auf ihn zugerannt kamen, und lief ihnen entgegen.
»Gottverdammte Rebellen. Jede Menge davon«, keuchte einer der Kundschafter und wies hinter sich. »Kommen direkt auf uns zu.«
»Wo? Wie weit?« Ihm war zum Aus-der-Haut-Fahren, doch er zwang sich, still zu stehen, ruhig zu sprechen, zu atmen.
Eine Meile, zwei möglicherweise. Dann holte er Luft, und es gelang ihm zu fragen, wie viele es waren. Vielleicht zweihundert, vielleicht auch mehr. Mit Musketen bewaffnet, aber ohne Artillerie.
»Gut. Geht zurück und behaltet sie im Auge.« Er wandte sich zu Oberst Baum zurück, und die Oberfläche der Straße fühlte sich merkwürdig an, so als wäre sie nicht genau dort, wo er sie erwartete.
Sie buddelten los, hastig, aber effektiv, gruben sich hinter flachen Erdwällen ein und verbarrikadierten sich notdürftig hinter umgestürzten Bäumen. Schleppten die Kanonen zum Gipfel des kleinen Hügels und richteten sie auf die Straße. Natürlich ignorierten die Rebellen die Straße und schwärmten von den Seiten herbei.
Mit der ersten Angriffswelle kamen etwa zweihundert Mann; es war unmöglich, sie zu zählen, während sie durch den dichten Wald flitzten. William konnte sie vorüberhuschen sehen und feuerte, ohne jedoch große Hoffnungen zu hegen, dass er jemanden treffen würde. Die Welle verharrte zögernd, jedoch nur für einen Moment.
Dann brüllte eine kräftige Stimme irgendwo hinter der Rebellenfront: »Entweder wir holen sie uns jetzt, oder Molly Stark ist heute Abend Witwe!«
»Was?«, sagte William ungläubig. Was auch immer der Rufer gemeint hatte, sein Ausruf zeigte verblüffende Wirkung, denn eine enorme Anzahl Rebellen brodelte aus dem Wald hervor und rannte wie verrückt auf die Kanonen zu. Deren Besatzungen ergriffen prompt die Flucht, und viele der anderen folgten ihrem Beispiel.
Mit dem Rest machten die Rebellen kurzen Prozess, und gerade hatte sich William grimmig bereit gemacht zu tun, was er konnte, bevor sie ihn erwischten, als zwei Indianer über den unebenen Boden herbeigeflitzt kamen, ihn hochrissen und ihn hastig davonzerrten.