Und so kam es, dass sich Leutnant Ellesmere einmal mehr in der Rolle der Kassandra wiederfand, als er General Burgoyne das Debakel von Bennington schilderte. Tote und Verwundete, die Artillerie verloren – und nicht eine einzige Kuh zum Trost.
Und ich habe immer noch keinen einzigen Rebellen getötet, dachte er müde, als er hinterher langsam zu seinem Zelt zurückkehrte. Er hatte das Gefühl, dies bedauern zu sollen, war sich aber nicht sicher, ob er das wirklich tat.
Kapitel 60
Deserteursspiel, Runde II
Jamie hatte gerade ein Bad im Fluss genommen, um sich den Schweiß und den Schmutz von der Haut zu spülen, als er jemanden bemerkenswert seltsam auf Französisch fluchen hörte. Die Worte waren zwar Französisch, doch das, was sie ausdrückten, war es definitiv nicht. Neugierig kletterte er aus dem Wasser, zog sich wieder an und ging ein Stück am Ufer entlang, wo er einen jungen Mann entdeckte, der mit den Armen fuchtelte und aufgeregt gestikulierte, um sich einer Gruppe verblüffter Arbeiter verständlich zu machen. Da diese zur Hälfte aus Deutschen und zur anderen Hälfte aus Amerikanern aus Virginia bestand, hatten seine Versuche, auf Französisch mit ihnen zu kommunizieren, für die Männer bis jetzt höchstens Unterhaltungswert gehabt.
Jamie hatte sich vorgestellt und sich als Dolmetscher angeboten. Und so kam es, dass er jeden Tag einige Zeit mit dem jungen polnischen Konstrukteur zubrachte, dessen unaussprechlicher Familienname schnell zu »Kos« verkürzt worden war.
Er fand Kos intelligent und war von seinem Tatendrang gerührt – und er interessierte sich selbst für die Befestigungsanlage, mit deren Bau Kościuszko (Jamie war stolz darauf, es korrekt aussprechen zu können) befasst war. Kos wiederum war dankbar für den linguistischen Beistand und interessierte sich durchaus für die gelegentlichen Beobachtungen und Vorschläge, die Jamie dank seiner Gespräche mit Brianna beisteuern konnte.
All die Gespräche über Vektoren und Reaktionskräfte hatten zur Folge, dass er sie beinahe unerträglich vermisste. Gleichzeitig jedoch brachten sie sie ihm irgendwie auch näher, und er ertappte sich dabei, dass er zunehmend mehr Zeit mit dem jungen Polen verbrachte, dabei Bruchstücke seiner Muttersprache lernte und es Kos ermöglichte, das zu üben, wovon er sich liebevoll einbildete, es sei Englisch.
»Was war es denn, das Euch hierhergeführt hat?«, fragte Jamie eines Tages. Trotz des Mangels an Bezahlung war eine bemerkenswerte Anzahl europäischer Offiziere nach Amerika gekommen, um sich der Kontinentalarmee anzuschließen – oder dies zu versuchen. Zwar waren die Aussichten, sich durch Plünderungen zu bereichern, nur gering, doch offenbar hofften sie, den Kongress dazu breitschlagen zu können, ihnen Generalsränge zu verleihen, mit deren Hilfe sie sich später in Europa weitere Beschäftigung suchen konnten. Einige dieser zweifelhaften Freiwilligen waren tatsächlich von Nutzen, doch er hatte auch schon reichlich Kritik an jenen gehört, die es nicht waren. Wenn er an Matthias Fermoy dachte, wurde ihm selbst ein wenig nach solcher Kritik zumute.
Kos jedoch war keiner davon.
»Erst das Geld«, gestand er unverblümt auf die Frage, was ihn nach Amerika verschlagen hatte. »Mein Bruder zwar das Gut in Polen hat, aber Familie kein Geld, nichts für mich. Kein Mädchen Augen für mich hat ohne Geld.« Er zuckte mit den Achseln. »Kein Platz in polnisch Armee, aber ich Baumeister, ich gehe hin, wo Baumeister wird gebraucht.« Er grinste. »Vielleicht auch die Mädchen. Mädchen mit gut Familie, gutes Geld.«
»Wenn Ihr wegen des Geldes und der Mädchen gekommen seid, Mann, habt Ihr Euch die falsche Armee ausgesucht«, sagte Jamie trocken, und Kościuszko lachte.
»Ich sage, erst das Geld«, verbesserte er. »Ich komme nach Philadelphia, lese La Declaration.« Er sprach es auf Französisch aus, entblößte ehrfürchtig den Kopf und hielt sich den schweißfleckigen Hut vor die Brust. »Diese Schrift … Ich bin hingerissen.«
So hingerissen war er von den Ansichten, die in diesem noblen Dokument ihren Ausdruck fanden, dass er auf der Stelle seinen Verfasser aufgesucht hatte. Obwohl ihn das plötzliche Eintreffen eines leidenschaftlichen jungen Polen sehr überrascht haben musste, hatte Thomas Jefferson ihn herzlich willkommen geheißen, und die beiden Männer hatten fast einen ganzen Tag mit einer philosophischen Diskussion (auf Französisch) verbracht und waren am Ende gute Freunde geworden.
»Ein großer Mann«, versicherte Kos Jamie ernst und bekreuzigte sich, bevor er sich den Hut wieder aufsetzte. »Gott schütze ihn.«
»Dieu accorde-lui la sagesse«, erwiderte Jamie. Gott schenke ihm Weisheit. Um Jeffersons Sicherheit machte er sich weniger Sorgen, da dieser ja kein Soldat war.
Kos hatte sich eine dünne dunkle Haarsträhne aus dem Mund gezogen und den Kopf geschüttelt.
»Frau vielleicht, eines Tages, wenn Gott will. Das, was wir hier tun – wichtiger als Frau.«
Sie hatten sich wieder an die Arbeit gemacht, doch Jamie stellte fest, dass sich seine Gedanken fasziniert um dieses Gespräch drehten. Die Vorstellung, dass es besser war, sein Leben mit dem Streben nach einem noblen Ziel zu verbringen, statt einfach nur Sicherheit zu suchen – dem konnte er nur von ganzem Herzen beipflichten. Allerdings mussten solch lautere Absichten doch Männern vorbehalten bleiben, die keine Familien hatten, nicht wahr? Darin lag ein Paradox: Ein Mann, der im Interesse seiner eigenen Sicherheit handelte, war ein Feigling; ein Mann, der die Sicherheit seiner Familie aufs Spiel setzte, war ein Draufgänger, wenn nicht noch Schlimmeres.
Dies führte ihn auf weitere verschlungene Gedankengänge – und zu weiteren interessanten Paradoxen: Verlangsamen Frauen die Entwicklung der Freiheit und anderer gesellschaftlicher Ideale, weil sie um sich und ihre Kinder fürchten? Oder liefern sie die Inspiration für solche Ideale – und die Risiken, die notwendig sind, um sie durchzusetzen –, weil sie das sind, wofür es sich zu kämpfen lohnt? Und das nicht nur zu ihrer Verteidigung, sondern auch, um die Gesellschaft weiterzubringen, weil jeder Mensch sich mehr für seine Kinder wünscht, als er selbst je haben kann.
Er würde Claire fragen müssen, was sie davon hielt, obwohl er lächeln musste, wenn er sich einige der Dinge vorstellte, die sie denken würde, vor allem die Vorstellung, dass Frauen der gesellschaftlichen Weiterentwicklung von Natur aus im Weg waren. Sie hatte ihm von ihren Erlebnissen im Krieg ihrer Zeit erzählt. Hin und wieder äußerte sie sich zwar verächtlich über Helden, aber nur dann, wenn er sich verletzt hatte; sie wusste genau, wozu Männer da waren.
Würde er überhaupt hier sein, wenn sie nicht wäre? Würde er dies dennoch tun, nur um der Ideale der Revolution willen, wenn er die Gewissheit des Sieges nicht besäße? Er musste zugeben, dass nur ein Verrückter, ein Idealist oder ein wahrhaft verzweifelter Mann sonst hier wäre. Jeder Mensch, der bei Verstand war und etwas von Armeen verstand, hätte den Kopf geschüttelt und sich angewidert abgewandt. Es widerte ihn ja oft genug selber an.
Doch er würde es tun – auch wenn er allein wäre. Das Leben eines Mannes musste noch einem anderen Zweck dienen als nur dem, jeden Tag zu essen zu bekommen. Und dies war ein grandioses Ziel – bedeutender vielleicht, als irgendeiner der Beteiligten ahnte. Und wenn es ihn das Leben kostete, würde ihn das zwar nicht freuen, doch er würde im Sterben getröstet sein, weil er wusste, dass er mitgeholfen hatte. Und es war ja schließlich nicht so, als würde er seine Frau hilflos zurücklassen; anders als viele andere Ehefrauen würde Claire einen Ort haben, an den sie gehen konnte, wenn ihm etwas zustieß.
Wieder schwamm er im Fluss und ließ sich auf dem Rücken treiben, während er über diese Dinge nachdachte, als er das Keuchen hörte. Es war das Aufkeuchen einer Frau, und er stellte augenblicklich die Füße auf den Boden, sodass ihm das nasse Haar ins Gesicht hing. Als er es zurückschob, sah er Rachel Hunter am Ufer stehen, beide Hände fest vor die Augen gepresst und jede Faser ihres Körpers so angespannt, dass sie die Bestürzung in Person zu sein schien.