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»Habt Ihr mich gesucht, Rachel?«, fragte er und wischte sich das Wasser aus den Augen, um die Uferstelle wiederzufinden, an der er seine Kleider liegen gelassen hatte. Wieder keuchte sie auf und wandte ihm das Gesicht zu, die Hände immer noch vor den Augen.

»Freund James! Deine Frau hat gesagt, dass ich dich hier finden würde. Ich bitte um Verzeihung, dass ich – Bitte! Komm sofort aus dem Wasser!« Ihre Not überwältigte sie, und sie ließ die Hände sinken, um sie dann flehend nach ihm auszustrecken, ohne jedoch die Augen zu öffnen.

»Was –«

»Denny! Die Briten haben ihn erwischt!«

Kälte schoss ihm durch die Adern, viel kälter als der Wind auf seiner blanken, nassen Haut.

»Wo denn? Wie? Ihr könnt jetzt hinsehen«, fügte er hinzu und knöpfte sich hastig die Hose zu.

»Er ist zusammen mit einem anderen Mann losgezogen, um sich als Deserteur auszugeben.« Er stand jetzt neben ihr am Ufer, das Hemd über dem Arm, und sah, dass sie die Brille ihres Bruders in der Schürzentasche stecken hatte; immer wieder wanderte ihre Hand dorthin. »Ich habe ihm gesagt, er soll es lassen, wirklich!«

»Das habe ich ihm auch gesagt«, sagte Jamie grimmig. »Seid Ihr sicher, Kleine?«

Sie nickte leichenblass. Ihre Augen waren riesig, doch sie weinte – noch – nicht.

»Der andere Mann – er ist gerade zurückgekommen und hat mich sofort gesucht. Er – es war Pech, hat er gesagt; sie wurden zu einem Major gebracht, und es war derselbe Mann, der Denny schon beim letzten Mal gedroht hat, ihn zu hängen! Der andere Mann ist losgerannt und entwischt, aber Denny haben sie gefangen, und diesmal, diesmal …« Sie schnappte heftig nach Luft und konnte vor Angst kaum sprechen. Er legte ihr die Hand auf den Arm.

»Sucht den anderen Mann und schickt ihn zu meinem Zelt, damit er mir genau sagen kann, wo Euer Bruder ist. Ich gehe Ian suchen, und dann holen wir ihn zurück.« Er drückte ihr sacht den Arm, damit sie ihn ansah, und das tat sie auch, obwohl er das Gefühl hatte, dass sie ihn in ihrer Panik kaum wahrnahm.

»Keine Sorge. Wir holen ihn Euch zurück«, wiederholte er sanft. »Ich schwöre es bei Christus und seiner Mutter.«

»So dürft Ihr nicht schwö– oh, zum Teufel damit!«, rief sie – und schlug sich die Hand vor den Mund. Sie schloss die Augen und schluckte, dann zog sie sie wieder fort.

»Danke«, sagte sie.

»Gern«, sagte er und warf einen Blick auf die sinkende Sonne. Hängten die Briten ihre Gefangenen lieber bei Sonnenuntergang oder bei Tagesanbruch? »Wir holen ihn zurück«, sagte er noch einmal entschlossen. Tot oder lebendig.

Der Kommandant hatte im Mittelpunkt des Feldlagers einen Galgen errichtet. Er war grob aus nicht entrindeten Baumstämmen und ungehobelten Brettern zusammengezimmert, und die Löcher und Schrammen rings um die Nägel ließen darauf schließen, dass man ihn schon mehrfach auseinandergenommen und transportiert hatte. Doch er sah zweckdienlich aus, und beim Anblick der baumelnden Schlinge wurde Jamie heiß und kalt.

»Wir haben einmal zu oft Deserteur gespielt«, flüsterte Jamie seinem Neffen zu. »Oder vielleicht auch dreimal.«

»Meinst du, er ist schon einmal benutzt worden?«, erwiderte Ian und spähte aus ihrem Versteck zwischen den Eichenschösslingen auf das gespenstische Konstrukt hinunter.

»Er würde sich nicht so viel Arbeit machen, nur um den Leuten Angst einzujagen.«

Ihm jagte der Galgen Angst ein, große Angst. Er wies Ian nicht auf die Stelle neben dem Fuß des Stützbalkens hin, wo verzweifelt um sich schlagende Füße kleine Stückchen aus der Rinde getreten hatten. Der improvisierte Galgen war nicht hoch genug, als dass sich ein Mann schon beim Sturz das Genick gebrochen hätte; wer daran gehängt wurde, wurde langsam erwürgt.

Instinktiv fasste er sich abwehrend an den Hals und hatte plötzlich Roger Macs verstümmelte Kehle und ihre hässliche, rohe Narbe vor dem inneren Auge stehen. Noch deutlicher war die Erinnerung an den Schmerz, der ihn überwältigt hatte, als er ankam, um Roger Mac von dem Baum zu holen, an dem sie ihn gehängt hatten, wohl wissend, dass er tot war und die Welt nie mehr dieselbe sein würde. So war es auch gewesen, obwohl Roger nicht gestorben war.

Nun, Rachel Hunters Welt würde bleiben, wie sie war. Es war noch nicht zu spät, das war das Wichtigste. Das sagte er auch zu Ian, der ihm zwar nicht antwortete, ihm aber einen kurzen, überraschten Blick zuwarf.

Woher weißt du das?, sagte dieser Blick nicht minder deutlich als jedes Wort. Er zuckte mit der Schulter und wies mit dem Kopf hügelabwärts zu einer Stelle, an der ihnen ein mit Moos und Bärentrauben bewachsener Felsvorsprung Deckung geben würde. Sie setzten sich lautlos in Bewegung, geduckt, im langsamen Rhythmus des Waldes. Es herrschte Zwielicht, und die Welt war voller Schatten; es war keine Zauberei, noch zwei hinzuzufügen.

Er wusste, dass sie Denny Hunter noch nicht gehängt hatten, weil er schon mehrfach mit angesehen hatte, wie Männer gehängt wurden. Eine Exekution hinterließ Spuren in der Luft, und sie zeichnete die Seelen derer, die Zeugen gewesen waren.

Das Lager war ruhig. Nicht buchstäblich – die Soldaten lärmten munter vor sich hin, und das war gut so –, sondern was die allgemeine Atmosphäre betraf. Weder herrschte hier furchtsame Bedrückung noch die krankhafte Erregung, die aus derselben Quelle entsprang; so etwas konnte man spüren. Also war Denny Hunter entweder hier, und zwar lebendig – oder man hatte ihn anderswo hingeschickt. Wenn er hier war, wo war er wohl?

Irgendwo eingesperrt und unter Bewachung. Dies war kein permanentes Feldlager; es gab keinen Kerker. Doch es war ein großes Lager, und sie brauchten eine ganze Weile dazu, es zu umrunden und zu prüfen, ob Hunter vielleicht irgendwo im Freien an einen Baum gebunden oder mit Handschellen an einen Wagen gefesselt war. Doch er war nirgendwo in Sicht. Damit blieben also nur die Zelte.

Es gab vier große Zelte, von denen eines eindeutig den Proviantmeister beherbergte; es stand ein wenig abseits und war von mehreren Wagen umgeben. Außerdem strömten dort ständig Männer ein und aus und kamen mit Säcken voller Mehl oder getrockneter Erbsen zum Vorschein. Kein Fleisch, obwohl er riechen konnte, dass an einigen Lagerfeuern Kaninchen oder Eichhörnchen zubereitet wurden. Die deutschen Deserteure hatten also recht gehabt; das Heer ernährte sich, so gut es konnte, von dem, was das Land hergab.

»Das Kommandeurszelt?«, flüsterte ihm Ian zu. Es war nicht zu übersehen mit seinen Standarten und der Traube von Männern, die dicht vor dem Eingang stand.

»Das will ich nicht hoffen.« Natürlich würden sie Denny Hunter zum Verhör vor den Kommandanten gebracht haben. Und wenn er noch Zweifel an Hunters Glaubwürdigkeit hatte, hatte er ihn möglicherweise in der Nähe behalten, um ihn noch einmal genauer zu befragen.

Doch wenn seine Entscheidung bereits gefallen war – und davon war Rachel ja überzeugt gewesen –, würde er ihn nicht dort behalten. Man würde ihn unter Bewachung an einen Ort geschickt haben, an dem er seine Vergeltung erwartete. Unter Bewachung und außer Sichtweite, obwohl Jamie bezweifelte, dass der britische Kommandant einen Rettungsversuch befürchtete.

»Eins-zwei-drei-vier-fünf-sechs-sieben«, murmelte er vor sich hin und ließ dabei einen Finger zwischen den beiden verbleibenden Zelten hin und her zucken. Ein Wachtposten mit einer Muskete stand mehr oder weniger dazwischen; unmöglich zu sagen, welches er bewachen sollte. »Das da.« Er hob das Kinn, um auf das rechte Zelt zu deuten, doch dann spürte er, wie Ian an seiner Seite erstarrte.

»Nein«, sagte Ian leise und blickte wie gebannt zu den Zelten hinüber. »Das andere.«