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»Wer seid Ihr, und was macht Ihr – guter Gott, wo kommt Ihr denn her?« William, der Soldat, starrte Ian ins Gesicht, und Ian dankte Gott flüchtig für die Tatsache, dass sein anderes Handgelenk durch Dennys Kette bewegungsunfähig war, denn sonst wäre William jetzt schon tot gewesen. Und das hätte er Onkel Jamie nicht gern erzählt.

»Er ist hier, um mir zur Flucht zu verhelfen, Freund William«, sagte Denny Hunter ungerührt im Schatten auf dem Boden hinter Ian. »Es wäre sehr gütig, wenn du ihn nicht daran hindern würdest, obwohl ich es verstehe, wenn dich die Pflicht dazu zwingt.«

Williams Kopf fuhr wild herum, dann blickte er zu Boden. Wären die Umstände weniger dramatisch gewesen, hätte Ian über sein Mienenspiel gelacht, das sich während der Dauer eines Herzschlags mehrfach änderte. William schloss einen Moment die Augen, dann öffnete er sie wieder.

»Sagt nichts«, sagte er knapp. »Ich will es nicht hören.« Er hockte sich neben Ian, und gemeinsam hatten sie Denny in Sekunden aus dem Zelt gezogen. Ian holte tief Luft, hob die Hände an den Mund und stieß einen Eulenruf aus, dann wartete er einen Moment und wiederholte ihn. William starrte ihn mit einer Mischung aus Verwunderung und Wut an. Dann schob Ian Denny seine Schulter in die Taille, William hob ihn hoch, und mit einem verblüfften Grunzlaut und leisem Eisenklirren legte er sich den Arzt über die Schultern.

Williams Hand schloss sich um Ians Unterarm, und sein Kopf, ein dunkles Oval im letzten Licht, wies mit einem Ruck zum Wald.

»Links«, flüsterte er. »Rechts sind Latrinengräben. Zwei Posten nach hundert Metern.« Er drückte fest zu und ließ los.

»Möge dir Gottes Licht leuchten, Freund William«, flüsterte Denny atemlos an Ians Ohr vorbei, doch Ian hatte sich schon in Bewegung gesetzt und wusste nicht, ob William es noch gehört hatte. Wahrscheinlich war es ja auch nicht wichtig.

Eine Minute später hörte er hinter sich im Lager die ersten »Feuer!«-Rufe.

Kapitel 61

… Keinen besseren Begleiter als die Büchse …

15. September 1777

Anfang September hatten wir das Hauptheer erreicht, das in der Nähe der Ortschaft Saratoga am Ufer des Hudson kampierte. General Horatio Gates, der das Kommando hatte, empfing die bunt zusammengewürfelte Schar von Flüchtlingen und Milizionären mit großer Freude. Ausnahmsweise war die Armee hinlänglich mit allem Nötigen versorgt, und so gab man uns Kleider und ordentliches Essen – und gestattete uns aus Respekt vor Jamies Status als Milizoberst den bemerkenswerten Luxus eines kleinen Zeltes, obwohl er gar keine Männer hatte.

So wie ich Jamie kannte, war ich mir einigermaßen sicher, dass dieser Zustand nicht lange anhalten würde. Vorerst war ich jedoch entzückt, tatsächlich ein Feldbett zum Schlafen zu haben, einen kleinen Tisch zum Essen – und vor allem darüber, dass ich regelmäßig etwas Essbares auf diesen Tisch bringen konnte.

»Ich habe ein Geschenk für dich, Sassenach.« Jamie ließ den Beutel mit einem angenehm fleischig klingenden Geräusch und einem Hauch von frischem Blutgeruch auf den Tisch plumpsen. Mir lief das Wasser im Mund zusammen.

»Was ist es denn? Vögel?« Es waren keine Enten oder Gänse; diese rochen unverwechselbar nach Körperölen, Federn und zerfallenden Wasserpflanzen. Aber vielleicht Reb- oder Moorhühner … Ich schluckte bei dem Gedanken an eine Taubenpastete.

»Nein, ein Buch.« Er zog ein kleines, in einen Wachstuchfetzen gewickeltes Päckchen aus dem prall gefüllten Sack und legte es mir stolz in die Hand.

»Ein Buch?«, sagte ich verständnislos.

Er nickte ermunternd.

»Aye. Auf Papier gedruckte Worte, erinnerst du dich noch? Ich weiß ja, dass es lange her ist.«

Ich funkelte ihn an, versuchte, mein Magenknurren zu ignorieren, und öffnete das Päckchen. Es war ein abgenutztes, taschengroßes Exemplar von Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman – Band I, und trotz meiner Verstimmung, weil man mir Literatur statt etwas Essbarem präsentierte, wurde ich neugierig. Es war lange her, dass ich zuletzt ein gutes Buch in der Hand gehabt hatte, und dies war eine Geschichte, von der ich zwar gehört hatte, die ich aber noch nicht gelesen hatte.

»Sein Besitzer muss sehr daran gehangen haben«, sagte ich und drehte das Büchlein behutsam in meinen Händen hin und her. Der Buchrücken war beinahe durchgescheuert, und die Ränder des Ledereinbands waren blank gerieben. Mir kam ein schrecklicher Gedanke.

»Jamie … du hast … das Buch … doch nicht von einem, äh, einem Toten, oder?« Gefallenen Feinden die Waffen, die Ausrüstung und brauchbare Kleidungsstücke abzunehmen, galt nicht als Plünderei; es war eine unangenehme Notwendigkeit. Dennoch …

Doch er schüttelte den Kopf, während er weiter in der Tasche herumgrub.

»Nein, ich habe es an einem Bachufer gefunden. Auf der Flucht fallen gelassen, vermute ich.«

Nun, das war besser, obwohl ich mir sicher war, dass der Mann, der es hatte fallen lassen, den Verlust seines treuen Begleiters bedauerte. Ich schlug das Buch irgendwo auf und kniff angesichts der kleinen Schrift die Augen zusammen.

»Sassenach.«

»Hmm?« Aus dem Text gerissen, blickte ich auf und sah, dass mich Jamie mit einer Mischung aus Mitgefühl und Belustigung betrachtete.

»Du brauchst eine Brille, nicht wahr?«, sagte er. »Das wusste ich gar nicht.«

»Unsinn!«, sagte ich, obwohl mein Herz einen kleinen Satz tat. »Ich sehe wunderbar.«

»Oh, aye?« Er trat an meine Seite und nahm mir das Buch aus der Hand. Er schlug es in der Mitte auf und hielt es dicht vor mich hin. »Lies das.«

Ich lehnte mich zurück, und er folgte mir.

»Hör auf damit!«, sagte ich. »Wie soll ich denn etwas lesen, wenn du es so dicht vor mich hinhältst?«

»Dann halt still«, sagte er und hielt das Buch wieder etwas weiter weg. »Kannst du die Buchstaben schon erkennen?«

»Nein«, sagte ich gereizt. »Weiter weg. Weiter. Nein, noch weiter!«

Und schließlich war ich gezwungen zuzugeben, dass ich die Buchstaben nicht scharf sehen konnte, wenn ich sie dichter als einen halben Meter vor den Augen hatte.

»Nun ja, die Schriftgröße ist sehr klein!«, sagte ich verlegen und bestürzt. Mir war natürlich bewusst gewesen, dass ich nicht mehr so scharf sehen konnte wie früher, doch so gnadenlos damit konfrontiert zu werden, dass ich zwar noch nicht so blind war wie eine Fledermaus, aber doch mindestens so kurzsichtig wie ein Maulwurf, brachte mich ein wenig aus der Fassung.

»Caslon, zwölf Punkt«, sagte Jamie, der den Text mit dem Auge des Schriftsetzers betrachtete. »Ich würde zwar sagen, die Zeilendurchschüsse sind fürchterlich, und die Buchstabenabstände sind nur halb so groß, wie sie sein sollten. Trotzdem –« Er schlug das Buch zu und sah mich mit hochgezogener Augenbraue an. »Du brauchst eine Brille, a nighean«, wiederholte er sanft.

»Hmpf!«, sagte ich. Und griff instinktiv nach dem Buch, öffnete es und reichte es ihm. »Dann – lies es doch selbst, ja?«

Mit überraschter und etwas argwöhnischer Miene ergriff er das Buch und schaute hinein. Streckte den Arm ein wenig aus. Und noch ein wenig. Mit derselben Mischung aus Belustigung und Mitgefühl sah ich ihm zu, bis er das Buch beinahe auf Armeslänge von sich hielt und las: »Sodass das Leben des Schriftstellers, ganz gleich, was er sich selber vorstellte, weniger ein Zustand der Komposition als vielmehr ein Zustand der Kriegsführung war, in dem er sich genauso bewähren musste wie jeder andere Kämpfer auf der Erde – und dabei genau wie jener nicht halb so sehr von seinem GEIST abhängig war wie vielmehr von seiner WIDERSTANDSKRAFT