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Er schloss es und sah mich mit verzogenem Mund an.

»Aye, nun ja«, sagte er. »Immerhin kann ich noch schießen.«

»Und ich kann meine Kräuter am Geruch auseinanderhalten«, sagte ich und lachte. »Zum Glück. Ich glaube nämlich nicht, dass es diesseits von Philadelphia einen Brillenmacher gibt.«

»Nein, da hast du wohl recht«, sagte er reumütig. »Aber wenn wir in Edinburgh sind, kenne ich genau den richtigen Mann. Ich kaufe dir eine Schildpattbrille für die Wochentage, Sassenach, und eine mit Goldrand für sonntags.«

»Und damit soll ich dann wohl die Bibel lesen, wie?«, erkundigte ich mich.

»Oh, nein«, sagte er, »nur zum Angeben. Schließlich« – er ergriff meine Hand, die nach Dillkraut und Koriander roch, hob sie an den Mund und fuhr mir sanft mit der Zungenspitze über die Lebenslinie in meiner Handfläche – »brauchst du für die wichtigen Dinge ohnehin nur den Tastsinn, aye?«

Wir wurden durch ein Hüsteln im Zelteingang unterbrochen, und als ich mich umwandte, sah ich einen kräftigen Mann, der aussah wie ein Bär und das graue Haar lose auf den Schultern trug. Er hatte ein freundliches Gesicht, durch dessen Oberlippe sich eine Narbe zog, und einen gelassenen, aber scharfen Blick, der sofort auf den Beutel auf dem Tisch fiel.

Ich erstarrte ein wenig; das Plündern von Farmen war streng verboten, und Jamie hatte die Hühner zwar im Wald erwischt, doch das war unmöglich zu beweisen. Und obwohl dieser Herr bequeme Jagdkleidung trug, drückte seine Haltung doch die unmissverständliche Autorität eines Offiziers aus.

»Ihr seid Oberst Fraser?«, wandte er sich kopfnickend an Jamie und hielt ihm die Hand entgegen. »Daniel Morgan.«

Ich kannte den Namen, obwohl ich – aus einer Fußnote in Briannas Geschichtsbuch – nicht mehr über Daniel Morgan wusste, als dass er ein viel gepriesener Schütze war. Das nützte mir jedoch nicht viel, weil es allgemein bekannt war; das ganze Lager hatte vor Neugier vibriert, als er Ende August mit ein paar Männern zu uns gestoßen war.

Jetzt wanderte sein Blick neugierig zu mir und dann wieder zu dem Beutel mit den Hühnern, der mit anklagenden Federbüscheln gespickt war.

»Wenn Ihr gestattet, Ma’am«, sagte er, und ohne meine Erlaubnis abzuwarten, ergriff er den Beutel und zog ein totes Huhn heraus. Der Hals des Vogels hing schlaff herunter, und der Kopf hatte dort, wo das Auge – oder die Augen – gewesen war, ein großes, blutiges Loch. Morgans narbiger Mund verzog sich zu einem tonlosen Pfeifen, und er blickte scharf zu Jamie auf.

»War das Absicht?«, fragte er.

»Ich schieße immer ins Auge«, erwiderte Jamie höflich. »Will das Fleisch ja nicht verderben.«

Ein Grinsen breitete sich über Oberst Morgans Gesicht aus, und er nickte. »Kommt mit mir, Mr Fraser. Und bringt Eure Büchse mit.«

An diesem Abend aßen wir an Daniel Morgans Lagerfeuer, und die Männer – die Bäuche voller Hühnereintopf – hoben ihre Bierbecher und stießen lautstark auf das neue Mitglied ihrer Elitetruppe an. Ich hatte noch keine Gelegenheit gehabt, mich unter vier Augen mit Jamie zu unterhalten, seit ihn Morgan heute Nachmittag entführt hatte, und fragte mich doch sehr, was er davon hielt, dass man ihn derart umjubelte. Doch er schien sich unter den Schützen wohlzufühlen, auch wenn er Morgan hin und wieder mit einem Ausdruck ansah, der bedeutete, dass seine Entscheidung noch nicht gefallen war.

Ich für meinen Teil war außerordentlich erfreut. Gewehrschützen kämpften von Natur aus in gebührendem Abstand – einem Abstand, der oftmals viel größer war als die Reichweite einer Muskete. Zudem waren sie von großem Wert, und kein Kommandeur setzte ihr Leben im Nahkampf aufs Spiel. Natürlich war kein Soldat sicher, doch in manchen Truppenteilen war die Sterblichkeitsrate nun einmal höher – und ich hatte zwar akzeptiert, dass Jamie ein geborener Spieler war, doch mir war es immer lieb, wenn er mit den bestmöglichen Chancen antrat.

Einige der Gewehrschützen zählten zu den Langen Jägern, andere bezeichneten sich als Bergläufer und hatten daher keine Frauen dabei. Andere hingegen schon, und ich begann meine Bekanntschaft mit den Frauen, indem ich das Baby bewunderte, das eine von ihnen dabeihatte.

»Mrs Fraser?«, sagte eine ältere Dame und setzte sich neben mich auf den Baumstamm. »Seid Ihr die Kräuterfrau?«

»Das bin ich«, antwortete ich freundlich. »Man nennt mich die Weiße Hexe.« Das hielt sie ein wenig auf Abstand, doch das Verbotene besaß eine starke Anziehungskraft – und was konnte ich schon inmitten eines Heerlagers tun, umringt von ihren bis an die Zähne bewaffneten Männern und Söhnen?

Innerhalb von Minuten erteilte ich Ratschläge zu allen erdenklichen Problemen, vom Menstruationskrampf bis hin zur Kolik. Mein Blick fiel auf Jamie, der angesichts meiner Popularität grinsen musste, und ich winkte ihm verstohlen zu, bevor ich mich wieder an meine Zuhörerinnen wandte.

Die Männer setzten natürlich ihr Trinkgelage fort. Hin und wieder brachen sie in schallendes Gelächter aus, dann senkten sich die Stimmen, wenn einer der Männer eine Geschichte erzählte, und dann wiederholte sich der Kreislauf. Doch an einem Punkt änderte sich die ganze Atmosphäre so plötzlich, dass ich mein Gespräch über Windelausschläge abbrach und zum Feuer hinüberblickte.

Daniel Morgan erhob sich umständlich, und die Männer beobachteten ihn spürbar erwartungsvoll. Würde er eine Rede halten, um Jamie willkommen zu heißen?

»Ach, du lieber Himmel«, sagte Mrs Graham an meiner Seite. »Er tut es schon wieder.«

Mir blieb keine Zeit zu fragen, was genau er tat, als er es auch schon tat.

Er schlenderte in den Mittelpunkt der Runde, wo er schwankend wie ein alter Bär stehen blieb. Sein langes graues Haar wehte im Luftzug des Feuers, und seine Augenwinkel kräuselten sich freundlich. Doch ich sah, dass sein Blick auf Jamie gerichtet war.

»Ich muss Euch etwas zeigen, Mr Fraser«, sagte er so laut, dass auch die letzten Frauen, die sich noch unterhalten hatten, verstummten und sich alle Blicke auf ihn richteten. Er griff nach dem Saum seines langen Hemdes und zog es sich über den Kopf. Er ließ es zu Boden fallen, breitete die Arme aus wie eine Ballerina und drehte sich langsam auf der Stelle.

Alles schnappte nach Luft, obwohl es die meisten Mrs Grahams Bemerkung zufolge ja schon gesehen haben mussten. Sein Rücken war vom Hals bis zur Taille mit Narben überzogen. Alte Narben, gewiss – doch er hatte nicht einen Quadratzentimeter ungezeichneter Haut auf seinem massiven Rücken. Selbst ich war schockiert.

»Das waren die Briten«, sagte er im Konversationston. Dann wandte er sich wieder um und ließ die Arme sinken. »Haben mir vierhundertneunundneunzig Hiebe verpasst. Ich habe mitgezählt.« Die Runde brach in Gelächter aus, und er grinste. »Eigentlich sollten es fünfhundert sein, aber er hat einen vergessen. Ich hab’s ihm nicht gesagt.«

Weiteres Gelächter. Offensichtlich gab er diese Vorstellung häufiger, doch seine Zuhörer liebten sie. Als er fertig war, erschollen Beifallsrufe, man prostete ihm zu, und er setzte sich – immer noch mit nacktem Oberkörper – neben Jamie, das zusammengeknüllte Hemd beiläufig in der Hand.

Jamies Gesicht verriet nicht das Geringste – doch ich sah, dass sich die Anspannung seiner Schultern gelockert hatte. Offenbar hatte er seine Entscheidung in Bezug auf Dan Morgan jetzt gefällt.

Jamie hob den Deckel von meinem kleinen Eisentopf, und seine Miene war irgendwo zwischen Vorsicht und Hoffnung angesiedelt.

»Nicht essbar«, teilte ich ihm mit – unnötigerweise, denn er hatte zu keuchen begonnen wie jemand, dessen Schleimhäute unabsichtlich mit Rettichsaft in Berührung gekommen waren.

»Das will ich auch hoffen«, sagte er und rieb sich hustend die Augen. »Himmel, Sassenach, das ist ja noch schlimmer als sonst. Hast du vor, jemanden zu vergiften?«

»Ja, Plasmodium vivax. Deck den Topf wieder zu.« Ich war dabei, einen Sud aus Chinarinde und Gallbeeren zur Behandlung von Malaria zu kochen.