»Haben wir denn etwas zu essen?«, fragte er klagend und setzte den Deckel wieder auf den Topf.
»Das haben wir.« Ich griff in das mit einem Tuch abgedeckte Eimerchen zu meinen Füßen und holte triumphierend eine Fleischpastete hervor, deren goldene Kruste vor Schmalz glänzte.
Sein Gesicht nahm die Miene eines Israeliten beim Anblick des Gelobten Landes an, und er streckte die Hände aus und nahm die Pastete mit gebührendem Respekt entgegen, der sich jedoch im nächsten Moment zerstreute, als er kräftig hineinbiss.
»Woher hast du das?«, fragte er, nachdem er einige Sekunden selig vor sich hin gekaut hatte. »Gibt es noch mehr davon?«
»Ja. Eine freundliche Prostituierte namens Daisy hat sie mir gebracht.«
Er hielt inne und untersuchte die Pastete kritisch auf eventuelle Spuren ihrer Herkunft, doch dann biss er achselzuckend wieder zu.
»Möchte ich hören, was du für sie getan hast, Sassenach?«
»Wahrscheinlich nicht beim Essen. Hast du Ian gesehen?«
»Nein.« Die Knappheit dieser Antwort hätte darin begründet liegen können, dass er gerade kaute, doch ich merkte, dass sein Verhalten etwas Ausweichendes annahm. Ich hielt inne und musterte ihn.
»Weißt du denn, wo Ian ist?«
»Mehr oder weniger.« Er hielt den Blick fest auf sein Pastetchen gerichtet und bestätigte damit meinen Verdacht.
»Möchte ich hören, was er im Schilde führt?«
»Nein, das möchtest du nicht«, sagte er entschlossen.
»O Gott.«
Nachdem sich Ian Murray das Haar sorgfältig mit Bärenfett eingeschmiert und mit zwei Truthahnfedern verziert hatte, zog er das Hemd aus, ließ es zusammengerollt gemeinsam mit seinem zerschlissenen Plaid unter einem umgestürzten Baumstamm zurück und trug Rollo auf, es zu bewachen, um dann über eine kleine Lichtung hinweg auf das britische Feldlager zuzugehen.
»Halt!«
Mit ungerührter, gelangweilter Miene wandte er sich dem Wachtposten zu, der ihn angerufen hatte. Der Wachtposten, ein Junge von etwa fünfzehn, hatte eine Muskete in der Hand, deren Lauf merklich zitterte. Ian hoffte, dass ihn der Trottel nicht aus Versehen erschoss.
»Kundschafter«, sagte er knapp und schritt vorüber, ohne sich noch einmal umzusehen, obwohl er spürte, wie ihm eine Spinne zwischen den Schulterblättern hin und her lief. Kundschafter, dachte er, und Gelächter stieg wie ein Bläschen in ihm auf. Nun ja, es war schließlich nicht gelogen.
Auf dieselbe Weise schlenderte er durch das Lager, ohne die Blicke zu beachten, die sich hin und wieder auf ihn richteten – obwohl ihn die Männer, die ihn bemerkten, meistens nur flüchtig ansahen und sich dann wieder abwandten.
Burgoynes Hauptquartier war leicht auszumachen, ein großes Zelt aus grünem Segeltuch, das wie ein giftiger Pilz zwischen den ordentlich aneinandergereihten weißen Zelten der Soldaten hervorspross. Es war noch ein ganzes Stück von ihm entfernt – und er hatte im Moment auch nicht vor, näher heranzugehen –, doch er konnte das Kommen und Gehen der Stabsoffiziere und Botengänger sehen … und hin und wieder einen Kundschafter, auch wenn keiner davon Indianer war.
Die Indianer lagerten am anderen Ende des Feldlagers außerhalb des ordentlichen Militärrasters im Wald verstreut. Er wusste nicht genau, ob er hier Thayendanegeas Leuten begegnen konnte, die ihn möglicherweise erkennen würden. Doch das würde kein Problem darstellen, da er ja nicht über Politik gesprochen hatte, als er Joseph Brants Haus besuchte; wahrscheinlich würden sie seinen Anblick ohne peinliche Fragen hinnehmen.
Wenn er den Huronen oder Oneida begegnete, die von Burgoyne dafür bezahlt wurden, dass sie Angst und Schrecken in der Kontinentalarmee verbreiteten, konnte das schon brenzliger werden. Er war zwar fest überzeugt, sich vor ihnen als Mohawk ausgeben zu können – doch wenn sie sich zu beeindruckt oder zu argwöhnisch zeigten, würde er auch nicht viel herausfinden.
Einiges hatte er schlicht schon auf dem Weg durch das Lager festgestellt. Die Moral ließ zu wünschen übrig; zwischen einigen der Zelte lagen Abfälle, und die Waschfrauen unter den Schlachtenbummlern saßen zum Großteil im Gras und tranken Gin, ihre Kessel kalt und leer. Dennoch schien im Allgemeinen zwar eine gedämpfte, aber entschlossene Atmosphäre zu herrschen; einige der Männer würfelten um Geld und betranken sich, doch die meisten waren damit beschäftigt, Blei einzuschmelzen und Musketenkugeln zu gießen oder ihre Waffen zu reparieren und blank zu polieren.
Verpflegung war Mangelware; er konnte spüren, dass Hunger in der Luft lag, selbst ohne die Schlange vor dem Bäckerszelt zu sehen. Keiner der Männer dort sah ihn an; ihre Blicke galten allein den Brotlaiben, die ins Freie gereicht wurden, nachdem man sie durchgebrochen hatte. Halbe Rationen also; das war gut.
Doch das war alles nicht wichtig, und was die Anzahl der Soldaten und ihre Bewaffnung betraf – all dies war inzwischen längst bekannt. Onkel Jamie und Oberst Morgan und General Gates hätten zwar gern gewusst, wie groß die Pulver- und Munitionsvorräte waren, doch Geschützpark und Pulvermagazin standen mit Sicherheit unter schwerer Bewachung, und es gab keinen triftigen Grund, warum ein indianischer Kundschafter dort herumschnüffeln sollte.
Irgendetwas zupfte an der äußersten Ecke seines Blickfeldes, und er wandte vorsichtig den Kopf, richtete seine Augen dann jedoch hastig wieder geradeaus und zwang sich, seine Schritte nicht zu beschleunigen. Himmel, es war der Engländer, den er aus dem Sumpf gerettet hatte – der ihm geholfen hatte, Denny zu befreien. Und –
Er unterdrückte diesen Gedanken mit aller Kraft. Niemand konnte so aussehen wie er jetzt und kein Indianer sein. Doch diese bloße Überlegung erschien ihm schon gefährlich – was, wenn man sie seinem Gesicht ansah?
Er zwang sich, ganz normal zu atmen und sorglos weiterzugehen, denn ein Mohawkkundschafter kannte keine Sorge. Verdammt. Er hatte vorgehabt, die restliche Tageszeit bei den Indianern zu verbringen und so viele Neuigkeiten wie möglich aufzuschnappen, um sich dann nach Anbruch der Dunkelheit in das Lager zurückzustehlen und sich bis auf Hörweite an Burgoynes Zelt heranzuschleichen. Doch wenn der junge Leutnant hier herumstöberte, würde es wahrscheinlich zu gefährlich sein, das zu versuchen. Das Letzte, was er wollte, war, dem Mann direkt zu begegnen.
»Hey!« Der Ruf drang ihm unter die Haut wie ein scharfer Splitter. Er erkannte die Stimme, wusste, dass sie ihm galt, drehte sich aber nicht um. Noch sechs Schritte, fünf, vier, drei … Er gelangte an das Ende einer Zeltgasse und scherte nach rechts aus, außer Sichtweite.
»Hey!« Die Stimme war näher gekommen, war jetzt fast hinter ihm, und er begann zu laufen, steuerte auf die Deckung der Bäume zu. Nur ein oder zwei Soldaten sahen ihn; einer fuhr auf, blieb dann aber stehen, unsicher, was er tun sollte, und er schob sich an dem Mann vorbei und stürzte sich in den Wald.
»So viel dazu«, murmelte er, während er sich hinter einen Busch hockte. Der hochgewachsene Leutnant fragte jetzt den Mann aus, an dem er sich vorbeigeschoben hatte. Beide hatten die Köpfe zum Wald gerichtet, doch der Soldat schüttelte den Kopf und zuckte hilflos mit den Schultern.
Himmel, der verrückte Kerl kam auf ihn zu! Er wandte sich ab und lief lautlos zwischen den Bäumen hindurch, immer tiefer in den Wald. Er konnte den Engländer hinter sich hören; der Mann lärmte und raschelte wie ein Bär kurz nach dem Winterschlaf.
»Murray!«, rief er jetzt. »Murray – seid Ihr das? Wartet!«
»Wolfsbruder! Bist du das?«
Ian murmelte auf Gälisch einen gotteslästerlichen Fluch und machte dann kehrt, um nachzusehen, wer ihn da auf Mohawk angesprochen hatte.
»Du bist es wirklich! Wo ist denn dein dämonischer Wolf? Ist er endlich gefressen worden?« Sein alter Freund Glutton strahlte ihm entgegen. Er hatte gerade gepinkelt und rückte sich den Lendenschurz zurecht.
»Ich hoffe, du wirst gefressen«, sagte Ian leise zu seinem Freund. »Ich muss verschwinden. Hinter mir ist ein Engländer.«