Gluttons Miene veränderte sich blitzartig, obwohl weder das Lächeln noch der freudige Ausdruck daraus verschwanden. Sein Grinsen wurde noch breiter, und er wies mit einem Ruck seines Kopfes hinter sich, um Ian den Beginn eines Pfades zu zeigen. Dann erschlaffte sein Gesicht plötzlich, und er stolperte hin und her und schwankte in die Richtung, aus der Ian gekommen war.
Ian war gerade außer Sichtweite, als der Engländer namens William auf die Lichtung geeilt kam – nur um dort mit Glutton zusammenzustoßen, der ihn an den Rockaufschlägen packte, ihm treuherzig in die Augen blickte und ein einziges Wort sagte: »Whisky?«
»Ich habe keinen Whisky«, sagte William knapp, aber nicht unhöflich, und versuchte, sich von Glutton zu lösen. Dies erwies sich als schwierig; Glutton war viel beweglicher, als seine kräftige Erscheinung ahnen ließ, und sobald seine Hand von einer Stelle gelöst wurde, klammerte sie sich wie eine Napfschnecke irgendwo anders fest. Um seine Vorstellung noch überzeugender wirken zu lassen, begann Glutton, dem Leutnant – auf Mohawk – die Geschichte von der sagenumwobenen Jagd zu erzählen, der er seinen Namen verdankte. Hin und wieder hielt er inne, um »WHISCHKIEE!« zu rufen und den Engländer mit den Armen zu umschlingen.
Ian verlor keine Zeit damit, den Sprachschatz des Engländers zu bewundern, der beachtlich war, sondern machte sich so schnell wie möglich davon und umrundete das Lager in westlicher Richtung. Er konnte nicht durch das Lager zurückgehen. Er hätte zwar in einem der Indianerlager Zuflucht suchen können, doch es war gut möglich, dass William ihn dort suchte, nachdem er Gluttons Fängen entkommen war.
»Was zum Teufel will er nur von mir?«, murmelte er. Er bemühte sich nicht länger um Lautlosigkeit, versuchte allerdings, möglichst wenig Zerstörung im Unterholz anzurichten. William, der Leutnant, musste wissen, dass er zur Kontinentalarmee gehörte, Denny Hunters und des Deserteursspiels wegen. Dennoch hatte er bei seinem Anblick keinen Alarm geschlagen, sondern ihn erst überrascht angerufen und dann wie jemand, der das Gespräch sucht.
Nun, vielleicht war das eine Falle. William mochte zwar noch jung sein, aber dumm war er nicht. Das war ja auch gar nicht möglich, wenn man bedachte, wer sein Va–, und immerhin war der Mann auf der Jagd nach ihm.
Die Stimmen hinter ihm wurden leiser – wahrscheinlich hatte William Glutton inzwischen erkannt, auch wenn er bei ihrer ersten Begegnung halb tot gewesen war. Wenn ja, würde er wissen, dass Glutton sein – Ians – Freund war, und sofort Lunte riechen. Doch das spielte jetzt keine Rolle mehr; er befand sich inzwischen tief im Wald. William würde ihn niemals einholen.
Der Geruch von Rauch und frischem Fleisch stieg ihm in die Nase, und er wandte sich bergab und stieg zum Ufer eines kleinen Baches hinunter. Es war ein Mohawklager; das wusste er sofort.
Doch er hielt inne. Der Geruch, die Gewissheit hatte ihn angezogen wie eine Motte – doch er durfte dieses Lager nicht betreten. Nicht jetzt. Wenn William Glutton erkannt hatte, war das Mohawklager der erste Ort, an dem er nach Ian suchen würde. Und wenn er dann dort war …
»Schon wieder du?«, sagte eine unangenehme Stimme auf Mohawk. »Du lernst wohl nie dazu, oder?«
Eigentlich schon. Er hatte gelernt, als Erster zuzuschlagen. Er machte auf dem Absatz kehrt, ging in die Knie, holte aus und schwang die Fäuste mit aller Kraft nach oben. »Du musst so zielen, als wolltest du durch das Gesicht deines Gegners schlagen«, hatte Onkel Jamies Anweisung gelautet, als er anfing, sich allein durch Edinburgh zu bewegen. Wie immer war es ein guter Ratschlag gewesen.
Seine Fingerknöchel landeten mit einem Knirschen, das ihm blaue Blitze durch die Arme bis in den Hals und den Kiefer sandte – doch Sun Elk flog zwei Schritte rückwärts und prallte gegen einen Baum.
Ian blieb keuchend stehen und betastete vorsichtig seine Knöchel, denn erst jetzt fielen ihm Jamies einleitende Worte ein: »Versuch, die weichen Stellen zu treffen, wenn du kannst.« Es spielte keine Rolle; es war den Schmerz wert. Sun Elk stöhnte leise, und seine Augenlider zitterten. Ian wog gerade die Möglichkeit einer abfälligen Bemerkung und eines hochmütigen Abgangs gegen einen erneuten Tritt in die Eier ab, bevor sich Sun Elk aufrappeln konnte, als William, der Engländer, zwischen den Bäumen hervortrat.
Er blickte von Ian, der immer noch atmete, als wäre er eine Meile weit gerannt, zu Sun Elk hinüber, der sich jetzt auf alle viere gewälzt hatte, der jedoch nicht den Anschein erweckte, als wollte er aufstehen. Blut tropfte aus seinem Gesicht ins Laub. Platsch. Platsch.
»Ich möchte mich ja nicht in Eure Privatangelegenheit einmischen«, sagte William höflich. »Aber ich würde gern ein Wort mit Euch reden, Mr Murray.« Er wandte sich um, ohne abzuwarten, ob ihm Ian folgen würde, und trat wieder in den Wald.
Ian, der keine Ahnung hatte, was er sagen sollte, nickte und folgte dem Engländer, während ihm Sun Elks Blut mit einem letzten leisen Platsch! das Herz erwärmte.
Der Engländer hatte sich an einen Baum gelehnt und beobachtete das Mohawklager unten am Bach. Eine Frau schnitt Fleischstreifen von einem frischen Hirschkadaver ab und hängte sie zum Trocknen über einen Rahmen. Es war nicht Die-mit-den-Händen-arbeitet.
William richtete seinen dunkelblauen Blick auf Ian, und dieser bekam ein merkwürdiges Gefühl. Doch er fühlte sich ohnehin schon merkwürdig, sodass es keine große Rolle mehr spielte.
»Ich werde Euch nicht fragen, was Ihr im Lager zu suchen hattet.«
»Oh, aye?«
»Nein. Ich wollte Euch für das Pferd und das Geld danken und Euch fragen, ob Ihr Ms Hunter noch einmal wiedergesehen habt, seit Ihr die Güte hattet, mich in ihrer Obhut und der ihres Bruders zurückzulassen.«
»Das habe ich, aye.« Die Fingerknöchel seiner rechten Hand waren bereits auf ihre doppelte Größe angeschwollen und begannen zu pochen. Er würde zu Rachel gehen; sie würde sie ihm verbinden. Dieser Gedanke war so berauschend, dass er im ersten Moment gar nicht begriff, dass William – nicht besonders geduldig – darauf wartete, dass er ihm diese Aussage erläuterte.
»Ah. Aye, die … äh … die Hunters sind bei der Armee. Der … äh … anderen Armee«, sagte er ein wenig verlegen. »Ihr Bruder ist Stabsarzt.«
Williams Gesicht veränderte sich nicht, und doch schien es irgendwie zu versteinern. Ian beobachtete ihn fasziniert. Genau das hatte er schon oft bei Onkel Jamie gesehen, und er wusste genau, was es bedeutete.
»Hier?«, sagte William.
»Aye, hier.« Er wies mit dem Kopf zum amerikanischen Lager hinüber. »Dort drüben, meine ich.«
»Ich verstehe«, sagte William ruhig. »Wenn Ihr sie wiederseht, würdet Ihr sie dann herzlich von mir grüßen? Ihren Bruder natürlich auch?«
»Oh … aye«, sagte Ian und dachte: So ist das also, wie? Nun, du wirst sie nicht zu Gesicht bekommen, und sie würde ohnehin nichts mit einem Soldaten zu tun haben wollen, also schlag es dir aus dem Kopf! »Natürlich«, fügte er hinzu, denn erst jetzt kam ihm zu Bewusstsein, dass sein einziger Wert für William momentan in seiner Rolle als Überbringer einer Nachricht für Rachel Hunter lag, und er fragte sich, wie viel das wohl wert war.
»Danke.« Williams Gesicht hatte diesen eisernen Ausdruck verloren; er betrachtete Ian sorgfältig, und schließlich nickte er.
»Ein Leben für ein Leben, Mr Murray«, sagte er leise. »Wir sind quitt. Sorgt dafür, dass ich Euch nicht noch einmal sehe. Es könnte sein, dass ich dann keine Wahl habe.«
Er wandte sich ab und ging, und das Rot seiner Uniform leuchtete noch lange zwischen den Bäumen hindurch.