Выбрать главу

Kapitel 62

Ein einziger Gerechter

19. September 1777

Die Sonne erhob sich unsichtbar, begleitet vom Klang der Trommeln. Trommeln auf beiden Seiten; wir konnten das britische Wecksignal hören, und genauso mussten sie das unsere hören. Die Gewehrschützen waren vor zwei Tagen in ein kurzes Scharmützel mit britischen Soldaten verwickelt worden, und dank der Arbeit, die Ian und die anderen Kundschafter geleistet hatten, war General Gates bestens über die Größe und den Zustand von Burgoynes Armee unterrichtet. Kościuszko hatte Bemis Heights für die Defensive ausgewählt; es war ein hoher Steilhang am Fluss, aus dem sich eine Reihe kleiner Schluchten zum Fluss hinzogen. Während der letzten Woche waren seine Arbeiter dort wie die Verrückten mit Schaufeln und Äxten zugange gewesen. Die Amerikaner waren bereit. Mehr oder weniger.

Die Frauen hatten natürlich keinen Zugang zu den Beratungen der Generäle. Jamie hingegen schon, und so erfuhr ich später alles über den Streit zwischen General Gates, der den Oberbefehl hatte, und General Arnold, der glaubte, ihn haben zu sollen. General Gates, der sich auf Bemis Heights verbarrikadieren und den britischen Angriff abwarten wollte, gegen General Arnold, der sich mit Nachdruck dafür einsetzte, dass die Amerikaner die Offensive begannen – sodass die britischen Soldaten gezwungen waren, sich durch die dicht bewaldeten Schluchten vorzukämpfen, was ihre Formationen ruinieren und sie für die Scharfschützen angreifbar machen würde – und sich nur dann hinter die Schanzen und in die Gräben auf der Anhöhe zurückzogen, wenn es notwendig wurde.

»Arnold hat gewonnen«, berichtete Ian, der kurz aus dem Nebel auftauchte, um sich ein Stück getoastetes Brot zu schnappen. »Onkel Jamie ist schon mit den Scharfschützen unterwegs. Er sagt, er sieht dich heute Abend, und bis dahin …« Er bückte sich und küsste mich sacht auf die Wange, dann grinste er unverschämt und verschwand.

Mein Magen war zu einem Knoten zusammengeballt, allerdings mindestens so sehr durch die unablässige Aufregung wie aus Angst. Die Amerikaner waren ein zerlumpter, bunt zusammengewürfelter Haufen, doch sie hatten Zeit gehabt, sich vorzubereiten, sie wussten, was auf sie zukam, und sie wussten, was auf dem Spiel stand. Entweder würde Burgoyne sie besiegen und weitermarschieren, bis George Washingtons Armee in der Nähe von Philadelphia zwischen seinem und General Howes Heer in der Falle saß – oder seine Invasionsarmee wurde hier zum Stehen gebracht und für den Rest des Krieges ausgeschaltet, in welchem Fall Gates mit seiner Armee nach Süden marschieren konnte, um Washington den Rücken zu decken. Jeder der Männer wusste das, und der Nebel schien vor lauter Spannung elektrisch aufgeladen zu sein.

Dem Stand der Sonne nach war es fast zehn Uhr, als sich der Nebel lichtete. Die Schüsse hatten bereits einige Zeit zuvor eingesetzt, kurze, ferne, metallische Gewehrschüsse. Daniel Morgans Männer schalteten die Feldwachen aus, dachte ich. Nach allem, was mir Jamie gestern Abend erzählt hatte, wusste ich, dass sie die Order hatten, auf die Offiziere zu zielen, die Soldaten mit den silbernen Halsbergen zu töten. In der Nacht hatte ich nicht geschlafen, weil mir Leutnant Ransom mit der silbernen Halsberge an seiner Kehle vor Augen stand. Im Nebel, im Staub der Schlacht, aus der Ferne … Ich schluckte, doch meine Kehle war und blieb zugeschnürt; ich konnte nicht einmal Wasser trinken.

Dank des sturen Konzentrationsvermögens eines Soldaten hatte Jamie zwar geschlafen, doch mitten in der Nacht war er wach geworden, das Hemd trotz der Kühle mit Schweiß durchtränkt und zitternd wie Espenlaub. Ich fragte ihn nicht, wovon er geträumt hatte; ich wusste es. Ich hatte ihm ein trockenes Hemd geholt, seinen Kopf in meinen Schoß gelegt und ihn gestreichelt, bis er die Augen schloss – doch ich glaubte nicht, dass er wieder eingeschlafen war.

Jetzt war es nicht mehr kühl; der Nebel war verdunstet, und wir hörten ab und zu Gewehrfeuer, verstreute, aber wiederholte Salven. Schwache Rufe in der Ferne, doch es war nicht möglich auszumachen, wer wem etwas zurief. Dann der plötzliche Knall eines britischen Feldgeschützes, dessen Widerhall das Lager in Schweigen tauchte. Eine Pause, dann brach die Schlacht mit voller Wucht los, Schüsse und Schreie und immer wieder Kanonendonner. Die Frauen drängten sich aneinander oder machten sich grimmig daran, ihre Habseligkeiten zu packen für den Fall, dass wir fliehen mussten.

Gegen Mittag senkte sich relative Stille über das Gelände. War es vorüber? Wir warteten. Nach einer Weile begannen die Kinder, hungrig zu quengeln, und eine Art angespannter Normalität setzte ein – doch nichts geschah. Wir konnten das Stöhnen und die Hilferufe der Verwundeten hören – doch es wurden keine Verwundeten zu uns gebracht.

Ich war bereit. Ich hatte einen kleinen Maultierwagen mit Verbandsmaterial und medizinischer Ausrüstung und dazu ein kleines Zelt, das ich aufbauen konnte, falls ich im Regen operieren musste. Das Maultier war in der Nähe angepflockt und graste friedlich, ohne sich an der allgemeinen Nervosität und den gelegentlichen Musketensalven zu stören.

In der Mitte des Nachmittags brachen erneut Feindseligkeiten aus, und diesmal begannen der Tross und die Küchenwagen tatsächlich mit dem Rückzug. Es gab Artilleriefeuer auf beiden Seiten, sodass die fortwährende Kanonade wie Donner grollte, und ich sah eine riesige schwarze Pulverrauchwolke über dem Steilhang aufsteigen. Sie war zwar nicht ganz pilzförmig, doch sie ließ mich dennoch an Nagasaki und Hiroshima denken. Zum dutzendsten Mal schärfte ich mein Messer und meine Skalpelle.

Der Abend war nah; die Sonne sank unsichtbar und tauchte den Nebel in ein stumpfes, trübes Orange. Vom Fluss her erhob sich der Abendwind, sodass sich der Nebel vom Boden lichtete und sich in Schwaden und Wirbeln zerstreute.

Schwarzpulverrauch lag in schweren Wolken in den Senken. Er hob sich langsamer als die leichteren Nebelfetzen und verlieh einer Szene, die, wenn nicht höllisch, so doch zumindest verdammt gespenstisch war, den passenden Schwefelgeruch.

Hier und dort klarte ein Fleckchen plötzlich auf, als würde ein Vorhang beiseitegezogen, um die Folgen der Schlacht zu zeigen. In der Ferne bewegten sich kleine dunkle Gestalten, huschten gebückt hin und her, blieben unvermittelt stehen, die Köpfe erhoben wie Paviane, die nach einem Leoparden Ausschau halten. Es waren die Frauen und die Huren der Soldaten, die dem Tross gefolgt waren und jetzt wie Krähen gekommen waren, um die Toten auszurauben.

Unter ihnen waren auch Kinder. Unter einem Busch saß ein Junge von neun oder zehn Jahren rittlings auf der Leiche eines rot berockten Soldaten und schlug mit einem schweren Felsbrocken auf dessen Gesicht ein. Gelähmt von diesem Anblick, blieb ich stehen und sah, wie der Junge in den offenen, blutverschmierten Mund griff und einen Zahn herausdrehte. Er ließ seine blutige Beute in eine Tasche gleiten, die an seiner Seite hing, tastete sich weiter vor und zog, und als er keine weiteren losen Zähne fand, ergriff er wie ein Profi seinen Stein und machte sich wieder an die Arbeit.

Ich spürte, wie mir die Galle in der Kehle hochstieg, und eilte schluckend weiter. Kriege, Tote und Verwundete waren mir nicht neu. Doch noch nie war ich einer Schlacht so nah gewesen; noch nie hatte ich ein Schlachtfeld betreten, auf dem noch die Toten und Verwundeten lagen, bevor sich die Sanitäter oder Totengräber ihrer annehmen konnten.

Hilferufe und gelegentliches Stöhnen oder Schreien hallten körperlos durch den Nebel und erinnerten mich unangenehm an Jamies Geschichte von den Urisge, verdammten Geistern des Tals. Wie die Helden dieser Geschichten beachtete ich ihre Rufe nicht und blieb nicht stehen, sondern hetzte weiter, stolperte über kleine Erhebungen, rutschte auf feuchtem Gras aus.

Ich hatte Fotografien der großen Schlachtfelder vom Amerikanischen Bürgerkrieg bis hin zu den Stränden der Normandie gesehen. Dies hatte keine Ähnlichkeit mit diesen Bildern – keine aufgewühlte Erde, keine verworrenen Gliederhaufen. Es war still bis auf die Geräusche der verstreuten Verwundeten und die Stimmen derer, die wie ich nach einem verschollenen Freund oder Ehemann riefen.