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Ich schob die abgeschnittene Sehne mit der Zange zur Seite. Der tief liegende Zweig des Ellennervs kam zum Vorschein, ein zarter weißer Myelinfaden, dessen winzige Verästelungen sich bis hin zur Unsichtbarkeit tief im Gewebe ausbreiteten. Gut, er lag so dicht am kleinen Finger, dass ich arbeiten konnte, ohne den Hauptstamm des Nervs zu beschädigen.

Man wusste es nie; Lehrbuchillustrationen waren eine Sache, doch das Erste, was jeder Chirurg lernte, war die verblüffende Tatsache, dass jeder menschliche Körper ein Unikat war. Der Magen mochte sich in etwa dort befinden, wo man ihn erwartete, doch die Nerven und Blutgefäße, die ihn versorgten, konnten überall in seiner ungefähren Nachbarschaft verlaufen, und ihre Form und Anzahl konnten jedes Mal anders sein.

Doch jetzt kannte ich die Geheimnisse dieser Hand. Ich konnte ihren Bauplan sehen, die Strukturen, die ihr Gestalt und Bewegungsfähigkeit verliehen. Da war der schöne, kraftvolle Bogen des dritten Mittelhandknochens und das feine Netz der Blutgefäße, die ihn versorgten. Blut quoll auf, langsam und lebendig, scharlachrot auf dem zerstörten Knochen, dunkel und königsblau in der kleinen Vene, die unter dem Gelenk pulsierte, schwarz verkrustet am Rand der eigentlichen Wunde, wo es geronnen war.

Ohne mich zu fragen, woher, hatte ich gewusst, dass der vierte Mittelhandknochen zerschmettert war; das Ringfingergelenk im Inneren der Hand. So war es auch; die Klinge hatte ihn in der Nähe des proximalen Endes getroffen und das Ende des kleinen Knochens nahe der Mitte der Hand abgesplittert.

Also würde ich ihn ebenfalls entfernen; die frei liegenden Knochenstücke mussten sowieso entfernt werden, um zu verhindern, dass sie das umliegende Gewebe reizten. Wenn ich den Finger vom Mittelhandgelenk an entfernte, würden Mittelfinger und kleiner Finger dicht beieinanderliegen und so die Hand verschmälern und die sperrige Lücke schließen, die der fehlende Finger hinterließ.

Ich zog fest an dem zerschmetterten Finger, um den Gelenkzwischenraum zu vergrößern, dann benutzte ich die Skalpellspitze, um die Sehne zu durchtrennen. Die Knorpel trennten sich mit einem leisen, aber hörbaren Plop!, und Jamie fuhr zusammen und stöhnte, und seine Hand wand sich in der meinen.

»Schsch«, flüsterte ich ihm zu und hielt seine Hand fest. »Schsch, schon gut. Ich bin hier, es ist schon gut.«

Ich konnte nichts für die jungen Männer tun, die auf dem Feld im Sterben lagen, doch hier, für ihn, konnte ich zaubern, und ich wusste, dass meine Magie von Dauer sein würde. Er hörte mich, tief in seinen verstörenden Opiumträumen; er runzelte die Stirn und murmelte etwas Unverständliches, dann seufzte er tief und entspannte sich, und sein Handgelenk erschlaffte wieder unter meiner Hand.

Irgendwo in der Nähe krähte ein Hahn, und ich blickte zur Zeltwand hinüber. Es war merklich heller geworden, und ein schwacher Morgenwind wehte hinter mir durch den Spalt und kühlte mir den Nacken.

Den tief liegenden Muskel so zerstörungsfrei wie möglich entfernen. Die kleine Fingerarterie und die beiden anderen Gefäße abbinden, die so groß waren, dass man sich darum kümmern musste; die letzten paar Fasern und Hautfetzen durchtrennen, die den Finger festhielten, diesen dann anheben – und der baumelnde Mittelhandknochen sah überraschend weiß und nackt aus, wie ein Rattenschwanz.

Es war saubere, ordentliche Arbeit, doch für einen Moment überkam mich ein Gefühl der Traurigkeit, als ich das zerstörte Stück Fleisch beiseitelegte. Mir stand auf einmal vor Augen, wie Jamie den kleinen Jemmy kurz nach der Geburt hielt und mit einem Ausdruck des Glücks und des Staunens seine winzigen Finger und Zehen zählte. Auch sein Vater hatte einmal seine Finger gezählt.

»Es ist ja gut«, flüsterte ich, genauso an mich wie an ihn gerichtet. »Ist ja gut. Er wird heilen.«

Der Rest ging schnell. Die Zange, um die kleinen Knochensplitter herauszuziehen. Ich säuberte die Wunde, so gut ich konnte, und entfernte Gras und Schmutzpartikel und sogar ein winziges Stoffrestchen, das durch den Hieb in die Wunde geraten war. Dann galt es nur noch, die gezackten Wundränder zu versäubern, ein kleines, überstehendes Hautstück abzuschneiden und die Einschnitte zu vernähen. Eine Paste aus Knoblauch und Silbereichenblättern, mit Alkohol vermischt und dick über die Hand verteilt, eine Kompresse aus Watte und Gaze und ein fester Verband aus Leinen und Klebpflastern, um die Schwellung zu vermindern und den Mittelfinger und den kleinen Finger dazu zu bringen, dass sie sich dicht aneinanderlegten.

Die Sonne war fast aufgegangen; die Laterne über mir kam mir trübe und schwach vor. Mir brannten die Augen von der Arbeit und vom Rauch der Feuer. Draußen erklangen Stimmen; die Stimmen der Offiziere, die zwischen den Männern umhergingen und sie weckten, um dem neuen Tag entgegenzublicken – und dem Feind?

Ich legte Jamies Hand neben seinem Gesicht auf die Liege. Er war bleich, jedoch nicht übermäßig, und seine Lippen waren blassrosa gefärbt, nicht blau. Ich ließ die Instrumente in einen Eimer mit Alkohol und Wasser fallen, denn plötzlich war ich zu müde, um sie ordentlich zu säubern. Ich wickelte den abgetrennten Finger in eine Leinenbandage, da ich mir nicht ganz sicher war, was ich damit tun sollte, und ließ ihn auf dem Tisch liegen.

»Alle Mann aufsteh’n! Alle Mann aufsteh’n!«, erklang draußen der rhythmische Ruf des Sergeanten, der vonseiten der widerwilligen Schläfer durch schlagfertige Abwandlungen und rüde Antworten unterbrochen wurde.

Ich machte mir nicht die Mühe, mich auszuziehen; wenn es heute Kampfhandlungen gab, würde man mich sowieso bald wieder wecken. Jamie hingegen nicht. Ich brauchte mir keine Sorgen zu machen; was auch immer geschah, er würde heute nicht kämpfen.

Ich zog mir die Nadeln aus dem Haar und schüttelte es mir über die Schultern, froh, es lose hängen lassen zu können. Dann legte ich mich neben ihm auf die Liege und schmiegte mich an ihn. Er lag auf dem Bauch; ich konnte seine kleinen, muskulösen Pobacken sehen, ebenmäßige Rundungen unter der Decke, die auf ihm lag. Spontan legte ich ihm die Hand auf den Allerwertesten und drückte zu.

»Schlaf schön«, sagte ich und ließ mich von der Müdigkeit hinwegtragen.

Kapitel 63

Für immer getrennt von Freunden und Familie

Leutnant Ellesmere hatte endlich einen Rebellen getötet. Mehrere, dachte er, obwohl er es nicht genau sagen konnte; manche der Männer, die er angeschossen hatte, waren zwar gefallen, doch es war ja möglich, dass sie nur verwundet waren. Was den Mann betraf, der mit einem Trupp Rebellen eine der britischen Kanonen angegriffen hatte, war er sich jedoch sicher. Er hatte diesen Mann mit einem Kavalleriesäbel halb entzweigehackt – und sein Schwertarm war hinterher tagelang merkwürdig taub gewesen, sodass er die linke Hand alle paar Minuten angespannt hatte, um sicherzugehen, dass er sie noch benutzen konnte.

Die Taubheit beschränkte sich nicht nur auf seinen Arm.

Die Tage, die auf die Schlacht folgten, verbrachte das britische Lager mit der geordneten Bergung der Verletzten, der Bestattung der Toten und damit, seine Kräfte neu zu sammeln. Zumindest das, was noch zu sammeln war. Desertion lag in der Luft; der Strom der Männer, die sich verstohlen davonmachten, riss nicht ab – an einem Tag wurde eine ganze Kompanie von Braunschweigern fahnenflüchtig.