Er beaufsichtigte mehr als eine Beerdigung und sah mit gefasster Miene zu, wie Männer – und Jungen –, die er kannte, der Erde anvertraut wurden. Während der ersten paar Tage hatten sie die Toten nicht tief genug begraben und waren gezwungen gewesen, die ganze Nacht dem Heulen und Knurren der Wölfe zu lauschen, die sich um die Kadaver zankten, die sie aus den flachen Gräbern gezerrt hatten. Am nächsten Tag vergruben sie das, was noch übrig war, erneut, diesmal tiefer.
Nachts brannte rings um das Lager alle Hundert Meter ein Feuer, denn amerikanische Scharfschützen kamen in der Dunkelheit dicht heran und erschossen die Feldwachen.
Die Tage waren glühend heiß, die Nächte elend kalt – und niemand schlief. Burgoyne hatte die Order erteilt, dass kein Offizier oder Soldat je ohne Kleider schlafen solle, und William hatte seit über einer Woche das Hemd nicht mehr gewechselt. Es spielte keine Rolle, wie er roch, weil es in der Menge unterging. Die Männer waren verpflichtet, eine Stunde vor dem Morgengrauen mit ihren Waffen auf ihren Posten zu sein und dort zu verharren, bis die Sonne den Nebel aufgelöst hatte und man sicher sein konnte, dass der Nebel keine kampfbereiten Amerikaner verbarg.
Die tägliche Brotzuteilung wurde rationiert. Pökelfleisch und Mehl wurden allmählich knapp, und den Marketendern fehlte es an Tabak und Brandy, was den Missmut der deutschen Soldaten erregte. Positiv betrachtet, befanden sich die britischen Verteidigungsanlagen in hervorragendem Zustand. Sie hatten zwei große Schanzen gebaut und tausend Mann zum Bäumefällen ausgesandt, um Feuerschneisen für die Artillerie zu schaffen. Und Burgoyne hatte angekündigt, dass im Lauf der nächsten zehn Tage General Clinton mit Verstärkung erwartet wurde – und hoffentlich auch mit Verpflegung. Alles, was sie tun mussten, war warten.
»Die Juden erwarten den Messias auch nicht sehnsüchtiger, als wir General Clinton erwarten«, scherzte Oberleutnant Gruenwald, der seine vor Bennington erlittene Verletzung wie durch ein Wunder überlebt hatte.
»Ha, ha«, sagte William.
Im amerikanischen Lager herrschte Hochstimmung, und die Männer waren mehr als bereit zu beenden, was sie begonnen hatten. Doch so, wie es dem britischen Lager an Verpflegung mangelte, fehlte es den Amerikanern unglücklicherweise an Munition und Pulver. Das Ergebnis war eine Periode des nervösen Stillstands, in deren Verlauf die Amerikaner unablässig auf die Ränder des britischen Lagers einhackten, aber keinen ernsthaften Fortschritt zuwege brachten.
Ian Murray empfand diesen Zustand als außerordentlich ermüdend, und als ein Jagdausflug im Wald damit endete, dass sein unachtsamer Begleiter auf einen umherliegenden Nagel trat und sich den Fuß durchbohrte, beschloss er, dass dies eine angemessene Entschuldigung für einen Besuch im Hospitalzelt war, wo Rachel Hunter ihrem Bruder assistierte.
Diese Vorstellung belebte ihn jedoch so, dass auch er im Nebel nicht genügend darauf achtete, wohin er trat, und kopfüber in einen Graben stürzte, wo er sich den Kopf an einem Felsen stieß. So kam es, dass die beiden Männer auf den jeweils anderen gestützt in das Lager humpelten und sich stockend ihren Weg zum Hospitalzelt bahnten.
Dort herrschte reges Treiben; dies war nicht der Ort, an dem die Verletzten der Schlacht lagen, sondern wo man sich Hilfe holte, wenn man von unbedeutenden Beschwerden geplagt wurde. Ians Schädel war zwar nicht gebrochen, doch er sah alles doppelt, und er schloss ein Auge in der Hoffnung, dass ihm dies dabei helfen würde, Rachel zu erspähen.
»Ho ro«, sagte hinter ihm jemand unverhohlen beifällig, »mo nighean donn boidheach!« Einen schwindelerregenden Augenblick lang dachte er, sein Onkel hätte das gesagt, und er blinzelte verständnislos, weil er sich fragte, warum Onkel Jamie während der Arbeit mit seiner Tante flirtete – doch dann erinnerte ihn sein schwerfälliger Verstand daran, dass Tante Claire gar nicht hier war, was also …
Er hielt sich eine Hand vor das Auge, um zu verhindern, dass es ihm aus dem Kopf fiel, drehte sich vorsichtig um und sah einen Mann in der Zeltöffnung stehen.
Die Morgensonne schlug Funken im Haar des Mannes, und Ian bekam den Mund nicht zu, weil er sich fühlte, als hätte er einen Hieb in die Magengrube eingesteckt.
Es war nicht Onkel Jamie, das erkannte er sofort, als der Mann hereinkam, der ebenfalls einen humpelnden Kameraden stützte. Er hatte das falsche Gesicht: rot und vom Wetter gegerbt mit fröhlichen, rundlichen Zügen; das Haar war rotblond, nicht rotbraun, und er hatte fortgeschrittene Geheimratsecken. Er war kräftig gebaut und nicht besonders groß, doch die Art, wie er sich bewegte – wie ein Puma, selbst noch unter der Bürde seines Freundes. Aus irgendeinem Grund fühlte sich Ian nach wie vor an Jamie Fraser erinnert.
Der rothaarige Mann trug einen Kilt, genau wie sein Begleiter. Highlander, dachte Ian gründlich verwirrt. Doch das hatte er ja schon in dem Moment gewusst, als der Mann den Mund auftat.
»Có thu?«, fragte Ian abrupt. Wer bist du?
Beim Klang der gälischen Worte sah ihn der Mann verblüfft an. Er musterte Ian in seinen Mohawkkleidern von Kopf bis Fuß, bevor er antwortete.
»Is mise Seaumais Mac Choinnich à Boisdale«, antwortete er höflich. »Cò tha faighneachd?« Ich bin Hamish MacKenzie aus Boisdale. Wer will das wissen?
»Ian Murray«, sagte er und versuchte, sich trotz seines durchgerüttelten Kopfes zu konzentrieren. Der Name kam ihm irgendwie bekannt vor – aber warum auch nicht? Er kannte ja Hunderte von MacKenzies. »Meine Großmutter war eine MacKenzie«, entgegnete er auf die übliche Weise, in der man die Bekanntschaft mit einem Fremden begann. »Ellen MacKenzie aus Leoch.«
Der Mann riss die Augen weit auf.
»Ellen aus Leoch?«, rief der Mann aufgeregt. »Tochter des Mannes, den man Jacob Ruaidh nannte?«
In seiner Aufregung hatte Hamish die Hand fest um seinen Freund geklammert, und dieser schrie jetzt auf. Das erregte die Aufmerksamkeit der jungen Frau – die Hamish mit den Worten »o schöne nussbraune Maid« begrüßt hatte –, und sie kam herbeigeeilt, um sich um die Angelegenheit zu kümmern.
Sie war nussbraun, wie Ian sah; Rachel Hunter, von der Sonne im weichen Farbton einer Hickorynuss gebräunt, das, was unter dem Kopftuch von ihrem Haar zu sehen war, gefärbt wie die Schalen der Walnüsse, und er lächelte bei diesem Gedanken. Sie sah ihn und kniff die Augen zusammen.
»Nun, solange du noch grinsen kannst wie ein Affe, kannst du ja nicht schwer verletzt sein. Warum –« Sie hielt inne, erstaunt, Ian Murray in enger Umarmung mit einem Highlander im Kilt zu sehen, der Freudentränen weinte. Ian weinte zwar nicht, doch auch er war unleugbar froh.
»Du willst bestimmt meinen Onkel Jamie kennenlernen«, sagte er und entwand sich den Armen des Mannes. »Seaumais Ruaidh hast du ihn, glaube ich, genannt.«
Jamie Fraser hatte die Augen geschlossen und erkundete vorsichtig den Schmerz in seiner Hand. Es war ein scharfkantiger Schmerz, so stark, dass ihm davon mulmig wurde, ein tiefes, mahlendes Ziehen, das mit jedem Knochenbruch einherging. Dennoch, es war der Schmerz der Heilung.
Er sollte einen Blick auf seine Hand werfen, das wusste er. Er würde sich schließlich daran gewöhnen müssen. Er hatte ein einziges Mal rasch hingeschaut, und davon war ihm so schwindelig geworden, dass er sich vor lauter Bestürzung fast übergeben hätte. Er konnte den Anblick, die Art, wie es sich anfühlte, nicht mit seiner lebhaften Erinnerung daran in Einklang bringen, wie seine Hand sein sollte.
Doch es war ja nicht das erste Mal, ermahnte er sich. Er hatte sich an die Narben und die Unbeweglichkeit gewöhnt. Und doch … Er konnte sich noch erinnern, wie sich seine junge Hand angefühlt hatte, wie sie ausgesehen hatte, so unbeschwert, geschmeidig und schmerzfrei, um den Griff einer Pflugschar gekrümmt, den Griff eines Schwertes. Einen Federkiel – oder nein. Er lächelte reumütig vor sich hin. Das war weder unbeschwert noch geschmeidig gewesen, selbst als seine Finger noch unbeschädigt und kerngesund gewesen waren.