Sie redeten fast die ganze Nacht hindurch. Als sie ins Gälische überwechselten, erhob ich mich, wünschte Jamie eine gute Nacht, indem ich ihm die Hand auf die Schulter legte, und kroch zwischen meine Decken. Erschöpft von meinem Tagewerk, sank ich sofort in den Schlaf, angenehm begleitet vom Geräusch ihres leisen Gesprächs, das wie das Summen der Bienen im Heidekraut klang. Das Letzte, was ich sah, bevor mich der Schlaf übermannte, war Ians Gesicht auf der anderen Seite des Feuers, gebannt von den Geschichten aus einem Schottland, das just zu jener Zeit verschwunden war, als er zur Welt gekommen war.
Kapitel 64
Herrenbesuch
Mrs Fraser?«, sagte eine angenehme Männerstimme hinter mir, und als ich mich umdrehte, sah ich einen kräftigen, breitschultrigen Offizier im Eingang meines Zeltes stehen. Er war in Hemdsärmeln und Weste und trug eine Kiste auf dem Arm.
»Das bin ich. Kann ich Euch helfen?«
Er sah nicht krank aus; im Gegenteil, er sah sogar gesünder aus als der Großteil der Armee; sein Gesicht war zwar verwittert, aber gut gepolstert und durchblutet. Er lächelte, ein plötzliches, charmantes Lächeln, das seine große Hakennase und seine dichten Augenbrauen völlig veränderte.
»Ich hatte gehofft, wir könnten vielleicht einen kleinen Handel schließen, Mrs Fraser.« Er zog eine seiner buschigen Augenbrauen hoch, und auf meine einladende Geste hin trat er ins Zelt. Dazu musste er sich kaum bücken.
»Das kommt ganz darauf an, wonach Ihr sucht«, sagte ich mit einem neugierigen Blick auf seine Kiste. »Wenn es Whisky ist, kann ich Euch leider keinen geben.« Ich hatte in der Tat ein kleines Fass dieser kostbaren Substanz unter dem Tisch versteckt, zusammen mit einem Fass meines medizinischen Alkohols – und es roch kräftig nach Letzterem, weil ich Kräuter darin ziehen ließ. Dieser Herr wäre nicht der Erste gewesen, der diesem Geruch folgte – er lockte Soldaten aller Dienstgrade an wie die Fliegen.
»Oh, nein«, versicherte er mir, warf jedoch einen neugierigen Blick auf den Tisch hinter mir, auf dem mehrere größere Gefäße standen, in denen etwas gedieh, wovon ich hoffte, dass es Penizillin war. »Mir ist allerdings zu Ohren gekommen, dass Ihr einen Vorrat an Chinarinde besitzt. Ist das so?«
»Oh, ja. Bitte setzt Euch.« Ich wies auf meinen Patientenhocker und setzte mich ebenfalls. »Leidet Ihr an Malaria?« Ich hatte nicht den Eindruck – das Weiße seiner Augen war klar; seine Leber war nicht in Mitleidenschaft gezogen.
»Nein, dem Himmel sei Dank. Doch ich habe einen Herrn unter meinem Kommando – einen besonderen Freund –, der heftig daran erkrankt ist, und unser Stabsarzt hat keine Chinarinde. Ich hatte gehofft, ich könnte Euch vielleicht zu einem Handel bewegen …?«
Er hatte die Kiste neben uns auf den Tisch gestellt, und bei diesen Worten klappte er sie auf. Sie war in kleine Fächer eingeteilt und enthielt eine bemerkenswerte Ansammlung von Dingen: Spitzenbordüren, Seidenbänder, Haarkämme aus Schildpatt, einen kleinen Beutel Salz, eine Dose Pfeffer, eine emaillierte Schnupftabaksdose, eine Zinnbrosche in Form einer Lilie, mehrere leuchtend bunte Stickgarnspulen, ein Bündel Zimtstangen und eine Anzahl an Gläschen, die anscheinend mit Kräutern gefüllt waren. Und eine Glasflasche, auf deren Etikett das Wort …
»Laudanum!«, rief ich aus und griff unwillkürlich danach. Ich zügelte mich gerade noch, doch der Offizier bedeutete mir zuzugreifen, und ich holte das Fläschchen vorsichtig aus seinem Fach, zog den Korken heraus und hielt es mir argwöhnisch unter die Nase. Durchdringender, widerlich süßer Opiumgeruch stieg mir entgegen wie ein Flaschengeist. Ich räusperte mich und steckte den Korken wieder hinein.
Er beobachtete mich neugierig.
»Ich war mir nicht sicher, was Euch am besten gefallen würde«, sagte er und wies mit einer Geste auf den Inhalt der Kiste. »Ich hatte früher einen Laden, wisst Ihr – viele Apothekerwaren, aber auch Luxusgüter. Im Lauf meines Berufes habe ich gelernt, dass es immer am besten ist, den Damen eine große Auswahl zu bieten; sie sind meistens sehr viel wählerischer als die Herren.«
Ich warf ihm einen scharfen Blick zu, doch es war kein leeres Gerede; wieder lächelte er mich an, und ich gewann den Eindruck, dass er einer dieser ungewöhnlichen Männer war – wie Jamie –, die Frauen tatsächlich über das Offensichtliche hinaus gernhatten.
»Ich glaube, wir werden uns einig werden«, sagte ich und erwiderte sein Lächeln. »Ich sollte zwar wahrscheinlich nicht fragen – und ich will Euch nicht übervorteilen; ich gebe Euch das, was Ihr für Euren Freund braucht –, aber im Hinblick auf mögliche weitere Geschäfte … Habt Ihr noch mehr Laudanum?«
Er lächelte weiterhin, doch sein Blick wurde schärfer – er hatte sehr ungewöhnliche blassgraue Augen.
»Nun … ja«, sagte er langsam. »Ich habe einiges davon. Benötigt Ihr es … regelmäßig?«
Mir wurde klar, dass er sich fragte, ob ich opiumsüchtig war; in Kreisen, in denen Laudanum leicht zu bekommen war, war das nichts Ungewöhnliches.
»Ich benutze es nicht selbst, nein«, erwiderte ich gleichmütig. »Und ich verabreiche es stets mit äußerster Vorsicht. Doch sie von ihren Schmerzen zu befreien, zählt zu den wichtigsten Dingen, die ich den Menschen anbieten kann, die zu mir kommen – ich kann ja weiß Gott nicht viele von ihnen heilen.«
Seine Augenbrauen fuhren in die Höhe. »Das ist eine höchst bemerkenswerte Aussage, Mrs Fraser. Die meisten Personen Eures Berufes scheinen fast jedem die Heilung zu versprechen.«
»Wie sagt man so schön? ›Da ist der Wunsch der Vater des Gedankens‹?« Ich lächelte, doch ohne großen Humor. »Jeder Kranke wünscht sich Heilung, und es gibt gewiss keinen Arzt, der nicht gern für jeden ein Heilmittel hätte. Doch es gibt viele Dinge, die außerhalb der Macht des Arztes liegen, und man sagt es meistens seinen Patienten nicht, aber es ist gut, wenn man seine Grenzen kennt.«
»Meint Ihr?« Er legte den Kopf schief und betrachtete mich neugierig. »Meint Ihr nicht, dass ein solches Eingeständnis eventueller Grenzen – und ich meine nicht nur in der Medizin, sondern in jedem Gebiet –, dass ein solches Eingeständnis nicht per se erst Grenzen schafft? Will heißen: Könnte diese Einstellung einen Menschen nicht daran hindern, alles zu erreichen, was möglich ist, weil er von vornherein voraussetzt, dass etwas nicht möglich ist, und er daher nicht mit aller Macht danach strebt?«
Überrascht blinzelte ich ihn an.
»Nun … ja«, sagte ich langsam. »Wenn Ihr es so formuliert, muss ich Euch wohl beipflichten. Denn schließlich« – ich wies mit der Hand auf den Zelteingang und die Armee ringsum –, »wenn ich – wenn wir – nicht daran glauben würden, dass man Unerwartetes vollbringen kann, wären mein Mann und ich dann hier?«
Er lachte.
»Bravo, Ma’am! Ja, ein neutraler Beobachter würde dieses Unterfangen, glaube ich, als den reinen Wahnsinn bezeichnen. Und er hätte recht«, fügte er mit einer reumütigen Kopfbewegung hinzu. »Trotzdem werden sie uns schlagen müssen. Wir werden nicht von selbst aufgeben.«
Draußen hörte ich Stimmen; Jamie, der sich beiläufig mit jemandem unterhielt. Im nächsten Moment stand er im Zelt.
»Sassenach«, begann er, »könntest du einmal kommen und –« Er erstarrte, als er meinen Besucher sah, richtete sich ein wenig auf und verbeugte sich dann förmlich. »Sir.«
Ich warf dem Besucher einen überraschten Blick zu; Jamies Verhalten ließ keinen Zweifel daran, dass dies ein ranghoher Offizier war; ich hatte ihn für einen Hauptmann oder vielleicht einen Major gehalten. Was den Offizier selbst betraf, so nickte er freundlich, aber reserviert.
»Oberst. Eure Frau und ich haben über die Philosophie des Wagemuts diskutiert. Was sagt Ihr – kennt der kluge Mann seine Grenzen, oder ignoriert der Kühne sie? Und in welche Richtung tendiert Ihr selbst?«
Jamies Miene war etwas verblüfft, und er sah mich an; ich zuckte kaum merklich mit der Schulter.