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»Nun ja«, sagte er, jetzt wieder an meinen Besucher gewandt. »Ich habe einmal jemanden sagen hören, dass man stets nach den Sternen greifen soll – wozu ist sonst der Himmel da?«

Der Offizier starrte ihn einen Moment mit offenem Mund an, dann lachte er begeistert und schlug sich auf das Knie.

»Ihr und Eure Frau seid aus dem richtigen Holz geschnitzt, Sir! Meinem Holz. Das ist großartig; wisst Ihr noch, von wem Ihr es gehört habt?«

Natürlich wusste er das; er hatte es von mir gehört, im Lauf der Jahre mehr als einmal. Doch er lächelte nur und zuckte mit den Achseln.

»Von einem Dichter, glaube ich, aber ich habe den Namen vergessen.«

»Nun, dennoch ist es treffend formuliert, und ich werde es sofort bei Granny ausprobieren – obwohl ich vermute, dass er mich nur verständnislos durch seine Brille anblinzeln wird und mir etwas über unseren Nachschub vorjammern wird. Das ist ein Mann, der seine Grenzen kennt«, sagte er zu mir, noch gutmütig, doch mit einem deutlich gereizten Unterton in der Stimme. »Der seine eigenen, verdammt engen Grenzen kennt und nicht zulässt, dass irgendjemand sonst darüber hinweg nach den Sternen greift. Für Leute wie ihn ist der Himmel mit Sicherheit nicht da.«

Diese letzten Worte waren mehr als nur gereizt; das Lächeln war aus seinem Gesicht verschwunden, und ich sah die Wut in seinen blassen Augen brennen. Ich war ein wenig beunruhigt; »Granny« konnte nur General Gates sein, und dieser Mann war eindeutig ein desillusioniertes Mitglied des Oberkommandos. Ich hoffte nur, dass Robert Browning und ich Jamie nicht in Schwierigkeiten gebracht hatten.

»Nun«, sagte ich und versuchte, es positiv zu sehen, »sie können Euch nicht schlagen, solange Ihr nicht aufgebt.«

Der Schatten, der über seiner Stirn gehangen hatte, verschwand, und wieder lächelte er mich fröhlich an.

»Oh, mich schlagen sie niemals, Mrs Fraser. Vertraut mir!«

»Das werde ich«, versicherte ich ihm und machte mich daran, eine meiner Truhen zu öffnen. »Dann will ich Euch Eure Chinarinde holen … äh …« Ich zögerte, denn ich kannte ja seinen Dienstgrad nicht. Er bemerkte es und schlug sich entschuldigend mit der Hand vor die Stirn.

»Verzeihung, Mrs Fraser! Was müsst Ihr von einem Mann denken, der hier einfach hereinplatzt und nach Medikamenten fragt, ohne sich auch nur vorzustellen?«

Er nahm mir das kleine Päckchen mit den Rindenstückchen aus der Hand, hielt meine Hand aber fest und beugte sich dicht darüber, um sie sacht zu küssen.

»Generalmajor Benedict Arnold. Euer Diener, Ma’am.«

Jamie blickte dem General nach, ein kleines Stirnrunzeln im Gesicht. Dann fiel sein Blick wieder auf mich, und das Stirnrunzeln verschwand auf der Stelle.

»Fehlt dir etwas, Sassenach? Du siehst aus, als würdest du jeden Moment umfallen.«

»Das könnte auch gut sein«, sagte ich schwach und tastete nach meinem Hocker. Ich setzte mich und entdeckte die gerade erstandene Laudanumflasche auf dem Tisch neben mir. Ich nahm sie in die Hand, und ihr solides Gewicht bestätigte mir, dass ich mir den Herrn, der uns gerade verlassen hatte, nicht eingebildet hatte.

»Ich war zwar seelisch darauf eingestellt, irgendwann George Washington oder Benjamin Franklin persönlich zu begegnen«, sagte ich. »Oder sogar John Adams. Aber ihn habe ich nun wirklich nicht erwartet … und ich mochte ihn.«

Jamie hatte die Augenbrauen immer noch hochgezogen, und er sah die Flasche auf meinem Schoß an, als hätte ich daran genippt.

»Warum solltest du ihn denn nicht – oh.« Seine Miene veränderte sich. »Dann weißt du etwas über ihn?«

»Ja, das tue ich. Und es ist etwas, das ich lieber nicht wüsste.« Ich schluckte, und mir war ein wenig übel. »Er ist kein Verräter – noch nicht. Doch er wird einer werden.«

Jamie sah hinter sich, um sich zu vergewissern, dass uns niemand hörte, dann setzte er sich auf den Patientenhocker und nahm meine Hände.

»Erzähle es mir«, bat er leise.

Doch auch die Dinge, die ich ihm erzählen konnte, hatten ihre Grenzen – und ich bedauerte nicht zum ersten Mal, dass ich Briannas Geschichtshausaufgaben, die den Grundstoff meines Wissens über die amerikanische Revolution bildeten, nicht mehr Beachtung geschenkt hatte.

»Er hat eine ganze Weile auf unserer – auf der amerikanischen Seite gekämpft und war ein hervorragender Soldat. Einzelheiten weiß ich dazu keine. Doch an irgendeinem Punkt wurde er enttäuscht und hat sich entschlossen überzulaufen. Er hat den Briten Avancen gemacht und einen Mann namens John André als Mittelsmann benutzt – André hat man gefangen genommen und gehängt, das weiß ich. Aber ich glaube, Arnold ist nach England entkommen. Dass ein amerikanischer General die Seiten wechselte … Es war ein derart spektakulärer Fall von Hochverrat, dass der Name ›Benedict Arnold‹ zum Synonym für einen Verräter geworden ist. Werden wird, meine ich. Wenn irgendjemand eine fürchterliche Täuschung begeht, nennt man ihn einen ›Benedict Arnold‹.«

Das Gefühl der Übelkeit ließ nicht nach. Irgendwo ging – genau in dieser Minute – ein gewisser Major John André fröhlich seinen Tagesgeschäften nach, vermutlich ohne die geringste Ahnung davon zu haben, was in seiner Zukunft lag.

»Wann?« Jamies Händedruck lenkte meine Gedanken von Major Andrés bevorstehendem Untergang zu der Frage zurück, die dringlicher war.

»Das ist ja das Problem«, sagte ich hilflos. »Ich weiß es nicht. Noch nicht – ich glaube, noch nicht.«

Jamie überlegte einen Moment mit tief gerunzelter Stirn.

»Dann werde ich ihn im Auge behalten«, sagte er leise.

»Tu das nicht«, sagte ich automatisch. Wir starrten uns mehrere Sekunden an und dachten an Charles Stuart. Uns war beiden bewusst, dass der Versuch, sich in die Geschichte einzumischen, unbeabsichtigt ernsthafte Konsequenzen haben konnte – wenn es überhaupt möglich war. Wir hatten keine Ahnung, was Arnolds Verwandlung vom Patrioten – der er im Augenblick ohne jeden Zweifel war – in den späteren Verräter auslösen würde. War seine Auseinandersetzung mit Gates das störende Sandkorn, das zum Herzen einer verräterischen Perle werden würde?

»Man weiß nie, welche Kleinigkeiten einen Menschen umtreiben können«, sagte ich. »Sieh dir nur Robert the Bruce und diese Spinne an.«

Das brachte ihn zum Lächeln.

»Ich werde vorsichtig sein, Sassenach«, sagte er. »Aber ich behalte ihn im Auge.«

Kapitel 65

Mein Hut, der hat drei Ecken

7. Oktober 1777

… nun denn, Befehl an Morgan, das Spiel zu beginnen.

General Horatio Gates

An einem stillen, kühlen, goldenen Herbstmorgen betrat ein britischer Deserteur das amerikanische Lager. Burgoyne sei im Begriff, einen Aufklärungstrupp zu entsenden, sagte er. Zweitausend Mann, um die Stärke des rechten Flügels der Amerikaner zu testen.

»Granny Gates sind fast die Augen durch die Brille geflogen«, sagte Jamie zu mir, während er hastig seine Patronendose nachfüllte. »Kein Wunder.«

General Arnold, der beim Eintreffen dieser Nachricht zugegen war, drängte Gates, diesem Vorstoß eine starke Truppe entgegenzustellen. Gates hatte wie üblich mit Vorsicht reagiert, und als Arnold um die Erlaubnis gebeten hatte, auszurücken und sich selbst ein Bild davon zu machen, was die Engländer im Schilde führten, hatte er seinem Kollegen einen kalten Blick zugeworfen und gesagt: »Ich traue Euch nicht über den Weg, Arnold.«

»Danach ging das ganze Gespräch den Bach hinunter«, sagte Jamie und verzog das Gesicht. »Das Ende vom Lied war, dass Gates zu ihm gesagt hat – und ich zitiere wörtlich, Sassenach: ›General Arnold, ich habe nichts für Euch zu tun. Ihr habt hier nichts verloren.‹«

Ich empfand einen Schauder, der nichts mit der Temperatur der Morgenluft zu tun hatte. War dies der Augenblick? Der Streit, der Benedict Arnold bewogen hatte – oder bewegen würde –, der Sache, für die er gekämpft hatte, den Rücken zu kehren? Jamie merkte, was mir durch den Kopf ging, denn er zog die Schulter hoch und sagte schlicht: »Wenigstens hat es diesmal nichts mit uns zu tun.«