»Ihr seid des Kommandos enthoben, Sir! Wie könnt Ihr Euch anmaßen, meinen Männern Befehle zu erteilen?«
»Ach, verdammte Machtspiele!«, sagte Arnold ungeduldig. »Ich bin ein General. Er ist ein General« – er wies mit dem Kopf auf den Reiter im Weizenfeld –, »und ich will ihn tot sehen. Hinterher haben wir noch genug Zeit für Politik – das hier ist ein Kampf, verdammt!« Jamie stieg plötzlich kräftiger Rumgeruch in die Nase, der sich süß und durchdringend unter die Gerüche nach Rauch und zertrampeltem Weizen mischte – wobei er wusste, dass Arnold in stocknüchternem Zustand so schlimm war wie andere im Delirium.
Der Wind wehte ihm jetzt in heißen Böen um die Ohren, die voller Rauch und verschiedener Geräusche waren: zur Linken das Knallen der Musketen, unterbrochen vom Donnern der Kanonen, dazwischen immer wieder Simon Frasers Rufe und die Versuche seiner Offiziere, die Hessen und Engländer zur Ordnung zu rufen, weiter entfernt das Aufstöhnen und die Schreie der Getroffenen, dort, wo die Hessen versuchten, General Enoch Poors Vorstoß zu durchbrechen.
General Ebenezer Learned und seine Kolonne setzten den Hessen von oben her zu; Jamie konnte das Gewimmel der grünen deutschen Uniformen sehen, die in einem Meer von Kontinentalen um die Oberhand kämpften, aber vom Rand des Feldes zurückgedrängt wurden. Einige versuchten auszuscheren und hielten auf General Fraser zu. Eine rasche Bewegung zog seinen Blick auf sich; der junge Mann, den er um seinen Hut gebracht hatte, galoppierte das Feld hinauf, dicht über den Hals seines Pferdes gebeugt, den Säbel gezogen.
Der General hatte sich ein Stück vom Wald entfernt. Für die meisten von Morgans Männern war er jetzt fast außer Schussweite – doch Jamies Position war günstig; er hatte ihn von hier aus genau im Visier. Er blickte zu Boden. Er hatte sein Gewehr fallen gelassen, als er nach dem Pferd griff, doch es war geladen; er hatte es nach seinem ersten Schuss automatisch nachgeladen. Er hatte die halb leere Patrone immer noch in der Hand, mit der er die Zügel hielt; der Rest würde eine Sekunde dauern.
»Sheas, a nighean«, murmelte er dem Pferd zu und holte tief Luft, um sich selbst zu beruhigen und das Pferd, und seine Hand pochte, weil sein Blut raste. »Cha chluinn thu an còrr a chuireas eagal ort«, sagte er leise. Du wirst nichts mehr hören, was dir Angst macht.
Eigentlich hatte er gar nicht bewusst darüber nachgedacht, als er Fraser absichtlich verfehlt hatte. Er hätte jeden anderen Mann auf diesem Feld getötet – nur nicht diesen einen. Dann fiel sein Blick auf den jungen Soldaten auf dem Pferd, dessen roter Rock inmitten des tosenden Meers aus Grün und Blau und Braun aufleuchtete, während er mit seinem Säbel um sich schlug, und er spürte, wie sein Mund zuckte. Nein, diesen dort auch nicht.
Es sah so aus, als hätte der junge Mann seinen Glückstag. Er hatte Learneds Kolonne im Galopp durchstoßen, weil ihn die meisten Kontinentalen gar nicht sahen, und diejenigen, die ihn sahen, waren entweder zu sehr in den Kampf verwickelt, oder sie konnten nicht auf ihn schießen, weil sie ihre Waffen schon abgefeuert hatten und jetzt die Bajonette aufpflanzten.
Geistesabwesend streichelte Jamie das Pferd und pfiff beim Hinsehen leise durch die Zähne. Der junge Offizier hatte die Hessen erreicht und sich bei einigen Männern Gehör verschafft. Jetzt kämpfte er sich erneut über das Feld, gefolgt von einem Strom dunkelgrüner Röcke – Hessen, die auf die sich schließende Lücke zutrabten, während Poors Männer von links angerannt kamen.
Dieses unterhaltsame Spektakel beschäftigte Jamie so sehr, dass er den Wortwechsel zwischen Dan Morgan und General Arnold gar nicht weiter mitbekam. Dann setzte ein Jubelruf aus luftiger Höhe beidem ein Ende.
»Himmel, ich hab ihn!«
Jamie blickte erschrocken auf und sah Tim Murphy grinsend im Geäst einer Eiche hocken, den Gewehrlauf bequem auf eine Astgabel gestützt. Jamie riss den Kopf herum und sah Simon Fraser zusammengesunken im Sattel schwanken, die Arme um den Körper geschlungen.
Auch Arnold stieß einen Jubelruf aus, und Morgan blickte zu Murphy auf und nickte ihm widerwillig, aber dennoch beifällig zu.
»Guter Schuss«, rief er.
Simon Fraser war dabei, vom Pferd zu fallen – einer seiner Adjutanten streckte die Arme nach ihm aus und rief um Hilfe, ein anderer führte sein Pferd hin und her, unentschlossen, wohin er gehen sollte, was er tun sollte. Jamie ballte die Faust, spürte, wie ihm der Schmerz durch die verletzte Hand fuhr, und hielt inne, die Hand flach auf dem Sattel. War Simon tot?
Er konnte es nicht sagen. Die Adjutanten hatten ihre Panik überwunden; zwei von ihnen ritten jetzt rechts und links dicht neben Simon her. Sie stützten die zusammengesackte Gestalt und kämpften darum, sie im Sattel zu halten, ohne den Jubel aus dem Wald zu beachten.
Er ließ den Blick über das Feld schweifen und suchte nach dem jungen Mann mit dem Säbel. Er konnte ihn nicht finden und spürte einen Stich der Traurigkeit – doch dann sah er ihn im Zweikampf mit einem berittenen Milizhauptmann. In einem solchen Kampf gab es keine Finesse; sein Verlauf wurde genauso von dem Pferd wie von dem Mann bestimmt, und während er die beiden beobachtete, wurden ihre Pferde durch die Masse der Fußsoldaten ringsum auseinandergedrängt. Der britische Offizier versuchte nicht, sein Pferd wieder auf den Gegner zuzutreiben; er hatte ein anderes Ziel im Sinn und drängte die kleine Kompanie von Hessen, die er vorhin aus dem Gedränge herausgelöst hatte, weiter. Dann wandte er sich zum Wald zurück und sah, was dort geschah – General Frasers Pferd, das jetzt vom Feld geführt wurde, die schwankende Gestalt des Generals ein roter Fleck vor dem Hintergrund aus zertrampeltem Weizen.
Der junge Mann stellte sich kurz in die Bügel, setzte sich wieder und trieb sein Pferd mit den Sporen auf den General zu. Seine Hessen überließ er sich selbst.
Jamie befand sich dicht genug am Geschehen, um das dunkle Blut zu sehen, das Simon Frasers Körpermitte durchtränkte. Wenn Simon noch nicht tot war, dachte er, so würde es nicht mehr lange dauern. Schmerz und Wut über diese Verschwendung brannten ihm in der Kehle. Der Rauch ließ ihm ohnehin die Tränen über die Wangen laufen; er blinzelte und schüttelte heftig den Kopf, um wieder sehen zu können.
Eine Hand riss ihm unsanft die Zügel aus den Fingern, und Arnolds untersetzte, vom Rum umnebelte Gestalt schob ihn von der Stute fort. Arnold schwang sich in den Sattel, das Gesicht vor Erregung und Siegesfreude so rot wie die herbstlichen Ahornblätter.
»Folgt mir, Jungs!«, rief er, und Jamie sah, dass es im Wald von Milizionären wimmelte, Kompanien, die Arnold auf seinem wilden Ritt zum Schlachtfeld um sich gesammelt hatte. »Zur Schanze!«
Die Männer jubelten und rannten ihm mit solchem Feuereifer nach, dass sie überall ins Geäst gerieten und stolperten.
»Folgt diesem gottverdammten Narren«, sagte Morgan knapp, und Jamie sah ihn überrascht an. Morgan blickte Arnold finster hinterher.
»Er wird noch vor dem Kriegsgericht landen, das könnt Ihr mir glauben«, sagte der alte Schütze. »Besser, wenn er einen guten Zeugen hat. Das seid Ihr, James. Geht!«
Ohne ein Wort hob Jamie sein Gewehr vom Boden auf und machte sich im Laufschritt auf den Weg. Ließ den Wald mit seinem sanften Regen aus Gold und Braun hinter sich. Folgte Arnolds breitschultriger, jubelnder Gestalt. Auf das Weizenfeld.
Und sie folgten ihm. Eine grölende Horde, bewaffnetes Gesindel. Arnold saß zwar zu Pferd, doch sein Pferd kam nur schlecht voran, sodass sich die Männer nicht sehr anstrengen mussten, um mit ihm Schritt zu halten. Jamie sah, dass der Rücken von Arnolds blauem Rock schwarze Schweißflecken hatte und ihm wie eine zweite Haut an den kräftigen Schultern klebte. Ein einziger Schuss von hinten, die Wirren der Schlacht … Doch es war nur ein flüchtiger Gedanke, der im nächsten Moment verschwunden war.