Auch Arnold war nun verschwunden. Mit einem Ausruf gab er seiner Stute die Sporen und trieb sie an der Schanze vorbei. Jamie vermutete, dass er vorhatte, von der Rückseite heranzureiten – Selbstmord, da es dort von deutschen Grenadieren nur so wimmelte; er konnte ihre spitzen Kopfbedeckungen über die Wände der Schanze ragen sehen. Vielleicht hatte Arnold ja vor, Selbstmord zu begehen – vielleicht als Ablenkungsmanöver, während die Männer die Schanze von vorn attackierten; sein Tod ein annehmbarer Preis für ihren Erfolg.
Die Schanze selbst war etwa drei Meter hoch, ein fester Erdwall, auf dessen Kamm ein Palisadenzaun stand – und zwischen Wall und Palisade ragten Baumsperren hervor, angespitzte Baumstämme, die abwärts wiesen.
Kugeln hagelten auf das Feld vor der Schanze, und Jamie wich im Rennen den Geschossen aus, die er nicht sehen konnte.
Er suchte mit den Füßen Halt, klammerte sich an die Stämme der Baumsperren, konnte eine Hand durch eine Zaunlücke schieben, verlor auf der flockigen Rinde den Halt und fiel rücklings hin. Er landete so schmerzhaft auf seinem Gewehr, dass es ihm den Atem verschlug. Sein Nebenmann feuerte durch die Lücke und wurde von weißem Rauch verhüllt, der ihn kurz vor dem Hessen verbarg, den er über sich gesehen hatte. Jamie wälzte sich auf den Bauch und robbte davon, bevor der Rauch davontreiben konnte oder der Mann beschloss, ihn mit einer Granate zu bewerfen.
»Weg da!«, rief er zurück, doch der Mann, der durch das Loch gefeuert hatte, versuchte jetzt sein Glück, indem er Anlauf nahm und sprang. Die Granate fiel im selben Moment durch die Lücke, als der Mann vom Boden abhob. Sie traf ihn an der Brust und explodierte.
Jamie rieb sich die Hand an seinem Hemd und schluckte Galle. Seine Handfläche brannte, denn sie war zerkratzt und voller Rindensplitter. Überall flogen Metallfetzen und Holzstückchen; irgendetwas hatte Jamie im Gesicht getroffen, und er spürte seinen beißenden Schweiß und die Wärme des Blutes, das ihm über die Wange lief. Er konnte den Grenadier sehen, ein grüner Fleck hinter der Lücke in der Baumsperre. Rasch, bevor er sich bewegte.
Er zerrte eine Patrone aus seiner Tasche und riss sie mit den Zähnen auf, während er zählte. Er konnte ein Gewehr in zwölf Sekunden laden, das wusste er genau. Neun … acht … Was war es, was Brianna den Kindern beigebracht hatte, wie sie die Sekunden zählen sollten? Hippopotami, aye. Sechs Hippopotami … fünf Hippopotami … Er verspürte einen verrückten Drang zu lachen, weil vor seinem inneren Auge eine kleine Nilpferdherde auftauchte, die ihn ernst beobachtete und seine Fortschritte kritisierte. Zwei Hippopotami … Er war immer noch nicht tot, also presste er sich dicht unter die Baumsperre, zielte durch die Lücke und feuerte auf den grünen Fleck, der eine Fichte hätte sein können, aber keine war, weil er aufschrie.
Er schlang sich das Gewehr über den Rücken und wagte erneut einen Satz. Seine Finger bohrten sich verzweifelt in den ungeschälten Baumstamm. Sie rutschten ab, und Splitter bohrten sich unter seine Nägel. Der Schmerz schoss ihm wie ein Blitzschlag durch die Hand, doch jetzt hob er die gesunde Hand, packte damit sein rechtes Handgelenk und klammerte sich fest um den Stamm. Seine Füße rutschten ab, weil der Boden zu locker war, und einen Moment lang hing er da wie ein Eichhörnchen an einem Ast. Er zog sich hoch und spürte, wie in seiner Schulter etwas riss, konnte aber keine Rücksicht darauf nehmen. Ein Fuß, er hatte den Fuß jetzt um den Stamm geschwungen, holte mit dem freien Bein aus, und dann hing er da wie ein Faultier. Irgendetwas hieb in den Stamm, an den er sich geklammert hatte; er spürte, wie der Schlag das Holz durchlief.
»Stillhalten, Rotschopf!«, schrie jemand unter ihm, und er erstarrte. Ein neuer Aufprall, und etwas sauste dicht neben seinen Fingern auf das Holz nieder – eine Axt? Ihm blieb keine Zeit, Angst zu haben; der Mann unter ihm feuerte – er hörte die Kugel vorbeisummen wie eine wütende Hornisse –, und er zog sich hastig auf das Ende des Baumstamms zu, Hand um Hand, so schnell er konnte, wand sich zwischen den Stämmen hindurch, und seine Kleider zerrissen wie seine Gelenke.
Zwei Hessen lagen tot oder verwundet gleich oberhalb seiner Lücke. Ein dritter, der drei Meter weiter weg lag, sah, wie er den Kopf durch die Schanze steckte, und griff in seinen Sack, die Zähne unter dem gewachsten Schnurrbart entblößt. Doch hinter dem Hessen erscholl ein markerschütternder Schrei, und einer von Morgans Männern ließ ihm einen Tomahawk auf den Schädel niedersausen.
Er hörte ein Geräusch und drehte sich gerade um, als ein Korporal auf einen der toten Hessen trat, der abrupt zum Leben erwachte und sich mit gezogener Muskete umdrehte. Der Hesse hieb mit aller Kraft zu, der Korporal stolperte, und die Klinge des Bajonetts zerriss ihm die Hose und kam dann in einem Schauer aus Blutstropfen wieder frei.
Jamie packte automatisch sein Gewehr am Lauf und holte aus. Die Bewegung fuhr ihm ruckartig durch Schultern, Arme und Handgelenke, und dann versuchte er, dem Mann den Kolben durch den Kopf zu rammen. Der Aufprall verdrehte ihm die Arme, und er spürte, wie seine Halswirbel knackten und ihm weiß vor den Augen wurde. Er schüttelte den Kopf, um ihn freizubekommen, und wischte sich mit der Handwurzel Schweiß und Blut aus den Augenhöhlen. Mist, er hatte das Gewehr verbogen.
Der Hesse, der einen überraschten Ausdruck in den Überresten seines Gesichtes trug, war diesmal wirklich tot. Der verwundete Korporal entfernte sich kriechend, ein Hosenbein mit Blut durchtränkt, die Muskete auf den Rücken geschlungen und die Bajonettklinge in der Hand. Er sah sich um, erblickte Jamie und rief: »Schütze! Hinter Euch!«
Er drehte sich gar nicht erst danach um, sondern stürzte sich kopfüber seitwärts zu Boden, sodass er rollend im Laub landete. Mehrere Menschen rollten als grunzendes Gewirr über ihn hinweg und krachten gegen die Palisaden. Er erhob sich langsam, zog eine der Pistolen aus seinem Gürtel, spannte sie und pustete einem Grenadier, der gerade zum Wurf ausholte, das Hirn aus dem Schädel.
Einige Schüsse, Aufschreie und Rumpler noch, und dann kam der Kampf einfach so zum Erliegen. Die Schanze war mit Leichen übersät – die meisten von ihnen grün gekleidet. Er erspähte Arnolds kleine Stute, die mit weiß umränderten Augen reiterlos davonhumpelte. Arnold lag am Boden und versuchte, sich hochzukämpfen.
Jamie konnte selbst kaum noch stehen; seine Knie waren wie Wasser, und seine rechte Hand war gelähmt, doch er schwankte zu Arnold hinüber und fiel mehr oder weniger neben ihm zu Boden. Ein Schuss hatte den General getroffen; sein Bein war voller Blut, und sein Gesicht war weiß und klamm, seine Augen im Schock halb geschlossen. Jamie streckte den Arm aus und packte Arnolds Hand, um ihn zurückzuholen, während er gleichzeitig dachte, dass dies Wahnsinn war; er sollte dem Mann den Dolch zwischen die Rippen schieben und damit sowohl ihn als auch die Opfer seines Verrats erlösen. Doch die Entscheidung fiel, bevor er länger darüber nachdenken konnte. Arnold drückte ihm die Hand.
»Wo?«, flüsterte Arnold. Seine Lippen waren bleich. »Wo bin ich getroffen?«
»Es ist Euer Bein, Sir«, sagte Jamie. »Dasselbe wie beim letzten Mal.«
Arnolds Augen öffneten sich und hefteten sich auf sein Gesicht.
»Ich wünschte, es wäre mein Herz gewesen«, flüsterte er und schloss die Augen wieder.
Kapitel 66
Sterbebett
Ein britischer Abgesandter kam kurz nach Anbruch der Dunkelheit im Schutz einer weißen Flagge zu uns. General Gates schickte ihn zu unserem Zelt; Brigadier Simon Fraser habe von Jamies Anwesenheit erfahren und wünschte ihn zu sehen.
»Bevor es zu spät ist, Sir«, sagte der Abgesandte leise. Er war noch sehr jung und sah erschüttert aus. »Werdet Ihr kommen?«