Verletzt sagte er das Erste, was ihm in den Sinn kam.
»Und ich dachte, du brauchst mich.«
Jetzt blickte sie auf, und ihre Augen glitzerten. Himmel, sie würde weinen, er wusste es doch. Doch das tat sie nicht.
»Ich musste meine Kinder durchfüttern.« Ihre Stimme war hart und flach und traf ihn wie eine Ohrfeige.
»Das stimmt«, sagte er beherrscht. Immerhin war sie ehrlich. »Aber jetzt sind sie groß.« Und er hatte dafür gesorgt, dass Marsali und Joan eine Mitgift bekamen, auch wenn er nicht davon ausging, dass er dafür Anerkennung ernten würde.
»Das ist es also«, sagte sie, und ihre Stimme wurde kälter. »Du glaubst, du kannst dich jetzt herausreden und mir kein Geld mehr zahlen. Ist es das?«
»Nein, das ist es nicht, zum Kuckuck!«
»Denn das kannst du nicht«, sagte sie, ohne seine verneinende Antwort zu beachten, und fuhr mit leuchtenden Augen zu ihm herum. »Du hast mich vor dem ganzen Bezirk blamiert, Jamie Fraser, indem du mich in diese sündige Ehe gelockt und mich dann betrogen hast, während du mit deiner englischen Hure über mich gelacht hast.«
»Das ist nicht –«
»Und jetzt kommst du aus Amerika zurück, herausgeputzt wie ein englischer Fatzke« – ihre Lippen verzogen sich verächtlich angesichts seines guten Rüschenhemdes, das er angezogen hatte, um ihr seinen Respekt zu zeigen, gottverdammt! –, »prahlst mit deinem Reichtum und spielst den Gutsherrn mit deinem betagten Luder am Arm, das du in Samt und Seide gesteckt hast, wie? Nun, ich sage dir –« Sie schwang sich den Besen von der Schulter und rammte ihn heftig mit dem Stiel in den Boden. »Du verstehst mich nicht im Geringsten, wenn du glaubst, du kannst mich so beeindrucken, dass ich mich wie ein sterbender Hund verkrieche und dir nicht mehr lästig bin! Da kannst du lange warten, das ist alles, was ich dir sage – da kannst du lange warten!«
Er holte die Börse aus seiner Tasche und warf sie an die Tür des Gartenschuppens, wo sie krachend aufprallte und zu Boden flog. Eine Sekunde lang bedauerte er, dass er einen Goldklumpen mitgebracht hatte, keine Münzen, die geklimpert hätten. Dann packte ihn die Wut.
»Aye, da hast du ausnahmsweise recht! Ich verstehe dich nicht im Geringsten! Von Anfang an nicht, sosehr ich es auch versucht habe!«
»Oh, sosehr du es auch versucht hast, wie?«, äffte sie ihn nach, ohne die Geldbörse zu beachten. »Du hast es nie auch nur eine Sekunde lang versucht, Jamie Fraser! Eigentlich –« Ihr Gesicht ballte sich wie eine Faust, während sie darum kämpfte, die Beherrschung über ihre Stimme nicht zu verlieren. »Eigentlich hast du mich niemals auch nur richtig angesehen. Niemals – nun ja, einmal wahrscheinlich doch. Als ich sechzehn war.« Ihre Stimme zitterte bei diesem Wort, und sie wandte den Blick ab, den Mund fest zusammengepresst. Dann sah sie ihn wieder an, funkelnd und tränenlos.
»Du hast meine Prügelstrafe auf dich genommen. In Leoch. Erinnerst du dich?«
Im ersten Moment erinnerte er sich nicht. Dann hielt er inne und holte tief Luft. Seine Hand fuhr instinktiv an sein Kinn, und er spürte, wie sich der Hauch eines Lächelns wider seine Wut erhob.
»Oh. Aye. Aye, das tue ich.« Angus Mhor hatte ihn glimpflich davonkommen lassen – doch es war dennoch eine anständige Bestrafung gewesen. Seine Rippen hatten noch tagelang geschmerzt.
Sie beobachtete ihn kopfnickend. Ihre Wangen hatten zwar noch rote Flecken, doch sie hatte sich beruhigt.
»Ich dachte, du hättest es getan, weil du mich liebst. Habe es sogar noch gedacht, als wir schon verheiratet waren. Aber das war ein Irrtum, nicht wahr?«
Die Verblüffung musste ihm deutlich anzusehen sein, denn sie stieß dieses leise »Mpf!« durch die Nase aus, das Ausdruck ihrer Verärgerung war. Das wusste er, so gut kannte er sie immerhin.
»Du hattest Mitleid mit mir«, sagte sie ausdruckslos. »Das habe ich damals nicht begriffen. Du hast mich schon in Leoch bemitleidet, nicht erst später, als du mich zur Frau genommen hast. Ich dachte, du hättest mich geliebt«, wiederholte sie langsam, als spräche sie mit einem Schwachsinnigen. »Als Dougal dich mit der Sassenachhure verheiratet hat, dachte ich, ich sterbe. Aber ich dachte, du fühlst dich vielleicht genauso – doch es war gar nicht so, nicht wahr?«
»Äh … nein«, sagte er verlegen und kam sich sehr töricht vor. Er hatte damals nichts von ihren Gefühlen gesehen. Hatte nichts gesehen außer Claire. Natürlich hatte Laoghaire damals gedacht, er würde sie lieben; sie war sechzehn. Und wusste nur, dass seine Ehe mit Claire erzwungen war, nicht, dass er sie bereitwillig einging. Natürlich hatte sie gedacht, sie und er wären ein vom Schicksal verfluchtes Liebespaar. Nur dass er sie nie wieder eines Blickes gewürdigt hatte. Er rieb sich das Gesicht und fühlte sich vollkommen hilflos.
»Davon … hast du mir nie etwas gesagt«, stotterte er und ließ die Hand sinken.
»Was hätte das genützt?«, sagte sie.
Das war es also. Als er sie geheiratet hatte, hatte sie gewusst – hatte sie wissen müssen –, wie die Dinge wirklich standen. Und doch hatte sie anscheinend gehofft … Weil ihm keine Antwort einfiel, flüchtete er sich in Bedeutungslosigkeiten.
»Wer ist es gewesen?«, fragte er.
»Wer ist was gewesen?« Sie runzelte verwundert die Stirn.
»Der Junge. Dein Vater wollte dich doch für deine Liederlichkeit bestrafen lassen. Mit wem hast du dich herumgetrieben, als ich deine Strafe auf mich genommen habe? Ich habe nie daran gedacht, dich danach zu fragen.«
Die roten Flecken auf ihren Wangen wurden dunkler.
»Nein, natürlich nicht, wie?«
Vorwurfsvolle Stille senkte sich zwischen sie. Er hatte sie damals nicht danach gefragt, weil es ihn nicht interessiert hatte.
»Es tut mir leid«, sagte er schließlich leise. »Bitte sag es mir. Wer ist es gewesen?« Damals hatte es ihn nicht im Mindesten interessiert, doch jetzt stellte er fest, dass er neugierig war, auch wenn es ihn lediglich davon abhielt, über andere Dinge nachzudenken – oder sie auszusprechen. Ihre Vergangenheit war nicht so verlaufen, wie es sich Laoghaire erhofft hatte, und doch lag die Vergangenheit zwischen ihnen und formte ein zerbrechliches Bindeglied.
Ihre Lippen wurden schmaler, und er dachte schon, sie würde es ihm nicht verraten, doch dann lösten sie sich widerstrebend voneinander.
»John Robert MacLeod.«
Er runzelte die Stirn, weil ihm der Name im ersten Moment nichts sagte; dann nahm er seinen angestammten Platz in seinen Erinnerungen ein, und er starrte sie an.
»Was? John Robert? Aus Killiecrankie?«
»Aye«, sagte sie. »Genau der.« Dann schloss sich ihr Mund wieder fest.
Er hatte den Mann kaum gekannt, doch John Roberts Ruf als Schürzenjäger hatte während seines kurzen Aufenthalts in Leoch für einiges Gerede unter den Waffenknechten gesorgt. Ein gewandter – und gewiefter –, gut aussehender Mann, den die Tatsache, dass er in Killiecrankie Frau und Kinder hatte, absolut nicht zu stören schien.
»Himmel!«, sagte er unwillkürlich. »Du hattest Glück, dass er dich nicht entjungfert hat.«
Eine hässliche dunkle Röte stahl sich vom Korsett bis zu ihrer Haube über sie, und ihm klappte die Kinnlade herunter.
»Laoghaire MacKenzie! Du warst doch wohl nicht so töricht, als Jungfrau mit ihm ins Bett zu gehen!?«
»Ich wusste ja nicht, dass er verheiratet war!«, rief sie und stampfte mit dem Fuß auf. »Und es war nach deiner Hochzeit mit der Sassenach. Ich habe bei ihm Trost gesucht.«
»Oh, und den hat er dir gern gespendet, da bin ich mir sicher!«
»Halt dein Maul!«, kreischte sie. Sie hob den tönernen Wasserkrug von der Bank vor dem Schuppen und warf damit nach seinem Kopf. Damit hatte er nicht gerechnet – Claire warf ständig mit Gegenständen nach ihm, doch Laoghaire hatte das noch nie getan –, und fast wäre er getroffen worden; der Krug traf ihn an der Schulter, als er sich im letzten Moment zur Seite drehte.