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Was, so dachte ich, ein extrem zutreffendes Porträt Jamies war. Obwohl ich sehen konnte, wieso es bei der Suche nach ihm nicht sehr hilfreich gewesen war. Andererseits – hier stand Beauchamp nun.

»Ich habe einen Weinhändler namens Michael Murray ausfindig gemacht, der mir gesagt hat, diese Beschreibung ähnele seinem Onkel, einem gewissen James Fraser, der vor zehn Jahren nach Amerika emigriert sei.« Die dunklen Augen, die jetzt einiges von ihrem Humor verloren hatten, hatten mich durchdringend im Visier.

»Doch als ich mich nach dem Jungen namens Claudel erkundigt habe, hat M. Murray ausgesprochen vehement darauf beharrt, eine solche Person nicht zu kennen.«

»Oh?«, sagte ich und griff nach einem großen Backenzahn mit ernstem Kariesbefall, um ihn blinzelnd zu betrachten. Ach du lieber Himmel. Ich kannte Michael nur dem Namen nach; einer von Ians älteren Brüdern, der nach meinem Verschwinden geboren worden war und bei meiner Rückkehr nach Lallybroch bereits in Frankreich lebte – um dort bei Jared Fraser, einem älteren, kinderlosen Vetter Jamies, das Handwerk des Weinhändlers zu lernen und in das Geschäft einzusteigen. Michael war natürlich gemeinsam mit Fergus in Lallybroch aufgewachsen und wusste verdammt gut, wie sein richtiger Name lautete. Anscheinend hatte irgendetwas am Verhalten dieses Fremden seinen Argwohn geweckt.

»Wollt Ihr damit sagen, dass Ihr den weiten Weg nach Amerika gekommen seid, obwohl Ihr nichts weiter wisst als den Namen eines Mannes und dass er rote Haare hat?«, fragte ich und bemühte mich, mir einen ungläubigen Anschein zu geben. »Grundgütiger – Ihr müsst ja wirklich sehr daran interessiert sein, diesen Claudel zu finden!«

»Oh, das bin ich auch, Madame.« Er musterte mich und lächelte schwach, den Kopf zur Seite gelegt. »Sagt mir, Mrs Fraser – hat Euer Mann rotes Haar?«

»Ja«, sagte ich. Es zwar zwecklos, es zu leugnen, da jedermann in Wilmington ihm das sagen würde – und es wahrscheinlich schon längst getan hatte, dachte ich. »Genau wie zahlreiche andere seiner Verwandten – und etwa die halbe Bevölkerung der Highlands.« Das war zwar hemmungslos übertrieben, doch ich war mir einigermaßen sicher, dass Mr Beauchamp die Highlands nicht persönlich durchkämmt hatte.

Ich konnte oben Stimmen hören; Marsali konnte jede Minute herunterkommen, und ich wollte nicht, dass sie mitten in dieses Gespräch hineinplatzte.

»Nun«, sagte ich und erhob mich entschlossen. »Ihr wollt Euch natürlich mit meinem Mann unterhalten – und er sich gewiss auch mit Euch. Er ist allerdings unterwegs, weil er etwas zu erledigen hat, und er kommt erst morgen zurück. Habt Ihr irgendwo im Ort ein Quartier bezogen?«

»Im ›King’s Inn‹«, sagte er und erhob sich ebenfalls. »Wenn Ihr Eurem Gatten ausrichten würdet, dass er mich dort aufsucht, Madame? Ich danke Euch.« Mit einer tiefen Verbeugung nahm er meine Hand und küsste sie erneut, dann lächelte er mich an und entfernte sich rückwärts aus dem Verkaufsraum. Unter den Duft nach Bergamotte und Ysop, den er zurückließ, mischte sich ein Hauch von gutem Brandy.

Eine Vielzahl von Kaufleuten und Geschäftsleuten hatten New Bern aufgrund der chaotischen politischen Zustände verlassen; ohne zivile Obrigkeit war das öffentliche Leben bis auf den simplen Handel auf dem Markt zum Stillstand gekommen. Dazu waren viele Menschen aus der Kolonie aus Angst vor Gewaltausbrüchen geflohen – ganz gleich, ob ihre Sympathien den Loyalisten oder den Rebellen galten. Es gab in diesen Tagen nur zwei gute Wirtshäuser in New Bern; eines war das »King’s Inn«, das andere das »Wilsey Arms«. Glücklicherweise hatten Jamie und ich ein Zimmer im Letzteren.

»Wirst du zu ihm gehen und mit ihm reden?« Ich hatte Jamie gerade von M. Beauchamps Besuch erzählt – ein Bericht, an dessen Ende er sorgenvoll die Stirn runzelte.

»Himmel. Wie hat er das alles herausgefunden?«

»Zuerst muss er herausgefunden haben, dass Fergus in diesem Bordell war, und dort mit seinen Nachforschungen begonnen haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es schwierig gewesen ist, jemanden zu finden, der dich damals dort gesehen oder von dem Zwischenfall gehört hat. Dich vergisst man schließlich nicht so leicht.« Obwohl ich beunruhigt war, lächelte ich bei der Erinnerung daran, wie Jamie, damals fünfundzwanzig, Zuflucht in dem Bordell gesucht hatte – wie es der Zufall wollte, war er mit einer großen Wurst bewaffnet gewesen – und dann durch ein Fenster geflüchtet war, begleitet von einem zehnjährigen Taschendieb und Gelegenheitsprostituierten namens Claudel.

Er zuckte mit den Achseln und zog ein etwas verlegenes Gesicht.

»Nun, aye, vielleicht. Aber so viel herauszufinden …« Er kratzte sich den Kopf und überlegte. »Was das Gespräch mit ihm angeht – nicht, bevor ich nicht mit Fergus gesprochen habe. Ich glaube, wir sollten ein wenig mehr über diesen M. Beauchamp in Erfahrung bringen, bevor wir uns in seine Hände begeben.«

»Ich würde auch gern mehr über ihn erfahren«, sagte ich. »Ich habe mich gefragt, ob … nun ja, die Wahrscheinlichkeit ist nur sehr klein; der Name ist ja nicht so ungewöhnlich – aber ich habe mich gefragt, ob er irgendwie mit einem Zweig meiner Familie zu tun hat. Sie waren im achtzehnten Jahrhundert in Frankreich, das weiß ich. Allerdings nicht viel mehr.«

Er lächelte mich an.

»Und was würdest du tun, Sassenach, wenn ich herausfinde, dass er tatsächlich dein Urahn ist?«

»Ich –« Ich hielt abrupt inne, weil ich natürlich keine Ahnung hatte, was ich in solch einer Situation tun würde. »Nun … wahrscheinlich gar nichts«, räumte ich ein. »Und wir können es wahrscheinlich sowieso nicht mit Sicherheit herausfinden, weil ich mich nicht erinnere – falls ich es überhaupt je gewusst habe –, wie der Vorname meines Urgroßvaters in dieser Zeit war. Ich – würde nur gern mehr erfahren, das ist alles«, schloss ich lahm und fühlte mich ein wenig in die Ecke gedrängt.

»Nun, das ist doch verständlich«, erwiderte er gelassen. »Aber doch nur, wenn ich Fergus mit meiner Frage nicht in Gefahr bringen würde, oder?«

»Oh. Natürlich. Aber kannst du –«

Ein leises Klopfen an der Tür ließ mich verstummen. Ich sah Jamie mit hochgezogenen Augenbrauen an. Er zögerte kurz, zuckte dann aber mit den Achseln und ging zur Tür, um sie zu öffnen.

Das Zimmer war so klein, dass ich im Sitzen zur Tür hinaussehen konnte; zu meiner Überraschung war der Flur mit etwas angefüllt, was eine Damendeputation zu sein schien – der Korridor war ein Meer weißer Häubchen, die im Zwielicht dahintrieben wie Quallen.

»Mr Fraser?« Eines der Häubchen wippte kurz auf und ab. »Ich bin Abigail Bell. Meine Töchter« – sie wandte sich um, und mein Blick fiel kurz auf ein verhärmtes, weißes Gesicht – »Lillian und Miriam.« Die beiden anderen Häubchen – ja, es waren doch nur drei – verneigten sich ebenfalls. »Dürften wir mit Euch sprechen?«

Jamie verneigte sich und winkte sie in das Zimmer, dann folgte er ihnen und sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.

»Meine Frau«, sagte er in meine Richtung, als ich mich erhob und einen Gruß murmelte. Es gab nur das Bett und einen Hocker, also blieben wir alle stehen und lächelten einander verlegen kopfnickend zu.

Mrs Bell war klein und sehr stämmig, und wahrscheinlich war sie einmal genauso hübsch gewesen wie ihre Töchter. Doch das, was einmal Pausbäckchen gewesen waren, hing jetzt herunter, als hätte sie plötzlich stark abgenommen, und ihre Haut lag in Sorgenfalten. Ihre Töchter sahen ebenfalls sorgenvoll aus; die eine knetete mit den Händen ihre Schürze, und die andere lugte Jamie gesenkten Blickes an, als hätte sie Angst, dass er gewalttätig werden könnte, wenn man ihn zu direkt ansah.

»Bitte verzeiht mir, Sir, dass ich Euch auf solch dreiste Weise anspreche.« Mrs Bells Lippen zitterten; sie musste innehalten und sie kurz aufeinanderpressen, bevor sie weitersprechen konnte. »Ich – ich höre, dass Ihr ein Schiff sucht, das nach Schottland fährt.«