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»Vielleicht waren es ja die Kobolde«, sagte sie laut und lachte.

»Waren Bolde«, wiederholte Mandy fröhlich.

Jem war fast unten angekommen und drehte sich ungeduldig nach ihnen um.

Als sie ihn erreichten, kam ihr ein Gedanke.

»Jem«, sagte sie. »Weißt du, was ein Nuckelavee ist?«

Jem bekam riesige Augen und hielt Mandy die Hände vor die Ohren. Etwas, das hundert kleine kalte Füße hatte, huschte Brianna über den Rücken.

»Aye«, sagte er mit leiser, atemloser Stimme.

»Wer hat dir denn davon erzählt?«, fragte sie mit beherrschter Stimme. Sie würde Annie MacDonald umbringen, dachte sie.

Doch Jems Augen glitten zur Seite, und er starrte unwillkürlich hinter ihr zu dem alten Turm hinauf.

»Er«, flüsterte er.

»Er?«, sagte sie scharf und packte Mandy am Arm, die sich jetzt befreite und wütend auf ihren Bruder losging. »Hör auf, deinen Bruder zu treten, Mandy! Wen meinst du, Jemmy?«

Jem biss sich auf die Lippe.

»Er«, platzte er heraus. »Der Nuckelavee.«

»›Zu Hause war die Kreatur im Meer, doch sie ging an Land, um Menschen zu verspeisen. An Land ritt der Nuckelavee ein Pferd, das manchmal nicht von seinem eigenen Körper zu unterscheiden war. Sein Kopf war zehnmal so groß wie ein Menschenkopf, sein Maul lief spitz zu wie bei einem Schwein, und seine Schnauze stand weit offen. Die Kreatur hatte keine Haut, und ihre gelben Adern, ihre Muskeln und Sehnen waren deutlich zu sehen und mit rotem Schleim überzogen. Die Kreatur war mit giftigem Atem und großer Kraft bewaffnet. Eine Schwäche hatte sie allerdings:eine Abneigung gegen Süßwasser. Das Pferd, auf dem sie ritt, wird so beschrieben, dass es ein rotes Auge hatte, ein riesiges Maul wie ein Wal und Auswüchse wie Flossen an den Vorderbeinen.‹ Igitt!«

Brianna legte das Buch hin – es stammte aus Rogers Sammlung schottischer Sagen – und starrte Jem an. »So etwas hast du gesehen? Oben beim Turm?«

Ihr Sohn trat von einem Bein aufs andere. »Na ja, er hat gesagt, dass er es ist. Er hat gesagt, wenn ich nicht sofort verschwinde, verwandelt er sich in sich selbst, und das wollte ich nicht sehen, also bin ich abgehauen.«

»Das würde ich auch nicht gern sehen.« Allmählich verlangsamte sich Briannas Herzschlag ein wenig. Nun gut. Er war also einem Menschen begegnet, keinem Monster. Nicht dass sie tatsächlich glaubte … Aber die bloße Tatsache, dass sich jemand beim Turm herumgetrieben hatte, war schon besorgniserregend genug.

»Wie hat er denn ausgesehen, dieser Mann?«

»Tja … groß«, sagte Jem unsicher. Angesichts der Tatsache, dass Jem noch keine neun war, waren die meisten Männer für ihn groß.

»So groß wie Papa?«

»Vielleicht.«

Sie drang zwar weiter in ihn, förderte jedoch relativ wenige Einzelheiten zutage; Jem wusste, was ein Nuckelavee war – er hatte die spektakuläreren Bücher in Rogers Sammlung fast alle gelesen –, und die Begegnung mit jemandem, der jeden Moment seine Haut abwerfen und ihn fressen konnte, hatte ihm solche Angst gemacht, dass er sich nur spärlich an den Mann erinnern konnte. Hochgewachsen, kurzer Bart, Haar, das nicht sehr dunkel war, und Kleider, »wie Mr MacNeil sie trägt«. Die Arbeitskleider eines Farmers also.

»Warum hast du mir oder Papa denn nichts von ihm erzählt?«

Jem sah aus, als würde er jeden Moment in Tränen ausbrechen.

»Er hat gesagt, er kommt zurück und frisst Mandy, wenn ich es tue.«

»Oh.« Sie legte den Arm um ihn und zog ihn an sich. »Ich verstehe. Hab keine Angst, Schatz. Ist schon gut.« Er zitterte jetzt, mindestens so sehr vor Erleichterung wie aus Angst vor seiner Erinnerung, und sie strich ihm über das helle Haar, um ihn zu beruhigen. Ein Landstreicher wahrscheinlich. Hatte er im Turm übernachtet? Vermutlich war er ja inzwischen fort – soweit sie es nach Jems Erzählung sagen konnte, war es über eine Woche her, dass er den Mann gesehen hatte – aber …

»Jem«, sagte sie langsam. »Warum bist du heute mit Mandy auf den Hügel gegangen? Hast du keine Angst gehabt, dass der Mann dort sein könnte?«

Er blickte überrascht zu ihr auf und schüttelte den Kopf, sodass seine roten Haare hin und her flogen.

»Nein, ich bin zwar abgehauen, aber ich habe mich versteckt und ihn beobachtet. Er ist nach Westen gegangen. Da lebt er nämlich.«

»Hat er das gesagt?«

»Nein. Aber solche Wesen leben immer im Westen.« Er zeigte auf das Buch. »Wenn sie nach Westen gehen, kommen sie nicht zurück. Und ich habe ihn nicht mehr gesehen; ich habe ihn extra beobachtet, um sicher zu sein.«

Fast hätte sie gelacht, doch sie war immer noch zu besorgt. Es stimmte; viele Highlandsagen endeten damit, dass ein übernatürliches Wesen gen Westen zog oder in die Berge oder das Gewässer, in dem es lebte. Und natürlich kam es nicht zurück, da die Geschichte ja zu Ende war.

»Er war nur ein böser Landstreicher«, sagte sie entschlossen und tätschelte Jem den Rücken, bevor sie ihn losließ. »Mach dir seinetwegen keine Sorgen.«

»Bestimmt?«, sagte er. Offensichtlich hätte er ihr gern geglaubt, war aber noch nicht ganz bereit, sich in Sicherheit zu wiegen.

»Bestimmt«, sagte sie.

»Okay.« Er stieß einen tiefen Seufzer aus und trat einen Schritt zurück. »Außerdem«, fügte er hinzu und sah jetzt schon fröhlicher aus, »außerdem würde Opa nicht zulassen, dass er Mandy oder mich frisst. Daran hätte ich denken können.«

Die Sonne ging schon fast unter, als sie Rogers Auto über den Wirtschaftsweg tuckern hörte. Sie lief ins Freie, und er war noch nicht ganz ausgestiegen, als sie sich auch schon in seine Arme warf.

Er verlor keine Zeit mit Fragen. Er umarmte sie leidenschaftlich und küsste sie auf eine Weise, die keinen Zweifel daran ließ, dass ihr Streit beendet war; die Einzelheiten ihrer jeweiligen Entschuldigungen konnten warten. Einen Moment lang gestattete sie es sich, alles zu vergessen, sich in seinen Armen gewichtslos zu fühlen, den Geruch von Benzin, Staub und Bibliotheken voller alter Bücher einzuatmen, der seinen natürlichen Geruch überlagerte, diesen undefinierbaren schwachen Moschus sonnengewärmter Haut, selbst wenn er gar nicht in der Sonne gewesen war.

»Es heißt eigentlich, Frauen können ihre Männer nicht am Geruch erkennen«, sagte sie, während sie widerstrebend zur Erde zurückkehrte. »Ich glaube das nicht. Ich könnte dich im Stockfinsteren in der U-Bahn-Station am King’s Cross ausmachen.«

»Ich habe heute Morgen gebadet, aye?«

»Ja, und du hast im College übernachtet, weil ich diese schreckliche Industrieseife riechen kann, die sie da benutzen«, sagte sie und rümpfte die Nase. »Ich bin überrascht, dass sie einem nicht die Haut abzieht. Und du hast Black Pudding zum Frühstück gegessen. Mit einer gebratenen Tomate.«

»Kommen wir zu dir, mein Schatz«, sagte er lächelnd. »Hast du ebenfalls einen spannenden Tag gehabt?«

»Tja. Eigentlich schon.« Sie blickte zum Hügel hinter dem Haus hinauf, wo der Schatten des Turms jetzt lang und schwarz geworden war. »Aber ich dachte, ich warte lieber auf die Kavallerie, bevor ich es übertreibe.«

Mit einem stabilen Wanderstock aus Schlehdorn und einer Taschenlampe gewappnet, näherte sich Roger dem Turm, wütend, aber vorsichtig. Es war zwar nicht sehr wahrscheinlich, dass der Mann bewaffnet war, wenn er denn noch da war, doch Brianna stand an der Küchentür, das Telefon – dessen lange Schnur sie bis auf den letzten Zentimeter ausgezogen hatte – neben sich, die ersten beiden Ziffern des Notrufs schon gewählt. Sie hatte mitkommen wollen, doch er hatte sie überzeugt, dass einer von ihnen bei den Kindern bleiben musste. Dennoch wäre es beruhigend gewesen, sie in seinem Rücken zu haben; sie war eine hochgewachsene, muskulöse Frau, die vor körperlicher Gewalt nicht zurückschrak.